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Internet-Surfer in China: Counterstrike und Plaudern im Chat

09.12.2003 | 13:23 Uhr |

Durch den fensterlosen Raum dröhnen Kommandos, Schüsse fallen, ein Kämpfer sinkt zu Boden. Zhang Yangs Augen kleben am Bildschirm, er rückt seinen Kopfhörer zurecht und ist bereit für den nächsten Angriff. Der 19-jährige robbt durch die künstliche Welt des Computerspiels «Counterstrike», mit Freunden jagt er in einem Pekinger Internet-Cafe Terroristen.

Die meisten Internet-Nutzer in China sind wie Zhang - jung, männlich, unverheiratet und wohnen in einer Stadt. Mehr als 70 Millionen Menschen klicken sich durchs Netz - China hat die zweitgrößte Internet-Gemeinde nach den USA. Das Internet ist in China rasant gewachsen: Noch Mitte der neunziger Jahren gab es weniger als 10 000 Surfer, im vergangenen Jahr waren es laut des staatlichen China Internet Network Information Centers (CNNIC) 54 Millionen. Die Begeisterung ist durchaus im Sinne der Regierung. So hat der letzte Parteitag der KP den Ausbau der Informationsindustrie als wichtig für die Wirtschaft befürwortet. An Schulen gibt es Einsteiger-Kurse. In den nach offiziellen Angaben landesweit rund 110 000 Internet-Cafes zu surfen, ist für die meisten erschwinglich bei drei bis fünf Yuan pro Stunde (30 bis 50 Cent).

Chinesische Provider und Internetcafes müssen Zugangsdaten und Surfprotokolle säuberlich aufbewahren.
Vergrößern Chinesische Provider und Internetcafes müssen Zugangsdaten und Surfprotokolle säuberlich aufbewahren.
© 2015

Knapp 84 Prozent der Nutzer sind unter 35 Jahre alt. Gut 55 Prozent besuchten eine Universität. Karsten Giese, Referent am Hamburger Institut für Asienkunde, sieht im Internet vor allem ein «städtisches Wohlstandsphänomen». Die überwiegende Mehrheit der Chinesen lebt auf dem Land. Dort soll es etwa 600 000 Nutzer geben. Andere Experten beschreiben das Netz als Medium des neuen Mittelstands. Laut CNNIC interessieren sich die Surfer vor allem für Information und Unterhaltung. Zu beliebten Diensten gehören E-Mail, Suchmaschinen, das Herunterladen von Software und der Besuch von Chat-Räumen. So gut wie keine Rolle spielt E-Commerce.

Trotz militärischem und gewalttätigem Inhalts ist der Multiplayer-Shooter Counterstrike in China ein echter Strassenfeger.
Vergrößern Trotz militärischem und gewalttätigem Inhalts ist der Multiplayer-Shooter Counterstrike in China ein echter Strassenfeger.
© 2015

In vielen Internet-Cafes scheinen Spiele an erster Stelle zu stehen. Jeder muss sich mit Namen und Ausweisnummer eintragen lassen. Die Betreiber sind verpflichtet, die besuchten Seiten der Surfer mehrere Monate lang aufzubewahren. Besondere Software filtert unerwünschte Web-Angebote wie etwa des britischen Radio- und Fernsehsenders BBC. «Wir müssen uns registrieren lassen und die wissen auch, auf welchen Seiten wir waren», sagt ein Besucher. Verschiedene Internet-Portale bieten Chaträume an. Auch das Parteiblatt Volkszeitung ist mit «Qiangguo Luntan» (Forum Starkes China) vertreten. Diskutiert wird überraschend offen über Aids bis zum Abriss historischer Hofhäuser in Peking. Musik, Sport, Liebe und Mode sind weitere Themen. Die Regierung nutzt das Internet auch als Stimmungsbarometer und ermuntert bei nationalen Fragen zum Dampfablassen: So sind sich in einem Chat alle einig, dass Taiwan keinesfalls unabhängig werden darf. Politisch heikle Aussagen verschwinden schnell wieder.

Als Motor für politische Änderungen hält Giese das Internet für überschätzt: «Das Internet ist zu stark fragmentiert. Allerdings finden Diskussionen und Meinungsbildungen im sozialen Bereich statt, die langfristig als subversiv und potenziell revolutionär angesehen werden können und damit zu politischen Änderungen beitragen können.» Einfluss übt das Internet auch auf die Medien Chinas aus. So nutzen Journalisten Foren, um über Korruptionsfälle zu berichten, die sie in ihrer örtlichen Zeitung nicht bringen dürfen. Häufig werden solche Meldungen dann von anderen Blättern veröffentlicht.

Chinas Internet-Polizei soll mit 30 000 Aufpassern versuchen, das Netz von unliebsamen Äußerungen freizuhalten. Technisch versierte Nutzer liefern sich mit den Kontrolleuren ein Katz-und-Maus-Spiel. So umgehen Übersee-Chinesen Firewalls, indem sie Artikel von Radio Free Asia oder von taiwanesischen Zeitungen in Foren der Volksrepublik stellen oder per Mail weiterleiten. «Bis zu einem gewissen Maß toleriert die Partei kontroversen Meinungen», sagt ein Experte. «Aber eine organisierte politische Opposition, die ihr Machtmonopol in Frage stellt, wird die KP niemals zulassen.»

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