873998

Internet-Telefonie: Eine ganze Branche im Umbruch

22.09.2000 | 00:00 Uhr |

Noch vor einigen Jahren machte die Internet-Telefonie als Steckenpferd für Spezialisten erste Schritte. Nun soll "Voice over IP" (Sprache über das Internet-Protokoll) nach dem Willen von Netzwerk-Betreibern die Telekommunikation revolutionieren. Dabei werden die Sprachsignale nicht mehr über Telefonleitungen übermittelt, sondern in digitalen Datenpaketen über das Internet verschickt. "In Europa hat sich die Branche bereits in den vergangenen sechs Monaten dramatisch verändert", sagte Marc Copas, Product-Manager des international führenden Netzwerk-Unternehmens 3Com, auf einer Expertentagung im britischen Edinburgh.

Für traditionelle Sprachübertragung werde das Marktvolumen künftig radikal abnehmen. "Wann die Internet-Telefonie die traditionelle Telefonie ablösen wird, ist nur noch eine Frage der Zeit", meint auch Arnold Stender vom Datennetz-Betreiber mediaWays. Schon jetzt sähen sich die traditionellen Telekom-Unternehmen einer völlig neuen Konkurrenz durch Datennetz-Spezialisten und jungen, innovativen Firmen gegenüber. Wachstumsraten bis 400 Prozent verspricht sich 3Com-Senior-Chef John McClelland bis zum Jahr 2005. "Wir schätzen, dass der europäische Markt für diese kosteneffektiven und anwenderfreundlichen Telefonie-Systeme ein Volumen von 150 Millionen US-Dollar im Jahr 2001 umfasst", sagte McClelland.

Nahezu jede Firma habe heute vernetzte Arbeitsplätze oder zumindest einen Internet-Anschluss, sagte Stender. Vor allem firmeninterne Netzwerke eigneten sich derzeit besonders für IP-Telefonanlagen, da hier eine bestimmte Bandbreite reserviert und somit gute Sprachqualität garantiert werden könne. Auch eine Kombination von IP- und Telefon-Anlage sei realisierbar. Entscheide sich eine Firma zum Beispiel beim Bezug neuer Räume für die IP-Telefonie, könne sie im Vergleich zu einer herkömmlichen Telefonanlage 20 bis 30 Prozent einsparen und benötige lediglich eine statt zweier Infrastrukturen, sagte Copas.

Auch Andreas Fischer von Siemens ist davon überzeugt, dass in Zukunft das Gros der Sprachvermittlung über das Internet-Protokoll erfolgen wird. "Die Netzwerke werden schon bald zusammenwachsen, und das Internet-Protokoll wird dabei die Verkehrsregeln diktieren", sagte Fischer. Konkurrenz von Seiten der Netzwerkbetreiber fürchte das Unternehmen allerdings nicht. "Siemens ist nach wie vor die Nummer eins in der Sprach- und Datenkommunikation", erklärte Fischer. Die Entwicklung habe das Unternehmen schon sehr früh erkannt, mit gestaltet und könne heute entsprechende Lösungen und Produkte anbieten.

Während das ehemalige Bertelsmann-Unternehmen mediaWays vor allem große Unternehmen mit flexiblen, individuell zugeschnittenen Lösungen beliefert, will sich 3Com mit einfach zu installierenden und zu bedienenden Geräten für kleine und mittelständische Firmen Marktanteile verschaffen. Seit rund einem Jahr bietet der amerikanische Netzwerkpionier eine Lösung an, die traditionelle Telefonanlagen mit 25 bis rund 200 Anschlüssen überflüssig macht und dem Unternehmen in Europa die Marktführerschaft sichern soll. "Die Kunden erwarten von einer IP-Anlage, dass sie genau so einfach zu bedienen ist wie ein herkömmliches Telefon", so Christopher Bach von 3Com. Die 3Com-Anlage NBX 100 könne der Kunde sogar problemlos selbst den eigenen Wünschen entsprechend anpassen und erweitern. "Neben den zahlreichen Vorteilen einer IP-Anlage entfallen somit vor allem auch die immens hohen Service-Kosten, die eine Firma bei herkömmlichen TK-Verträgen zu zahlen hat", sagte Bach. dpa/ab

0 Kommentare zu diesem Artikel
873998