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Interview mit iCab-Entwickler Oliver Joppich

17.04.2000 | 00:00 Uhr |

Microsoft stellte kurz vor der Internet World die fünfte Fassung des Web-Browsers Internet Explorer vor, Anfang April kündigte AOL die erste Preview-Version von Netscape 6 an. Wir fragten Oliver Joppich, der zusammen mit Alexander Clauss für das iCab-Projekt zuständig ist, nach dem Stand der Entwicklung.

Macwelt: Den Web-Browser iCab gibt es bisher nur in einer Preview-Version. Wann wird iCab final erscheinen?

Oliver Joppich: Sobald wir damit zufrieden sind. Bis dahin gibt es Previews. Im Moment fehlen uns hauptsächlich noch Stilvorlagen (CSS) und ein komplettes Inscript (das Javascript von iCab).

Macwelt: Wird iCab auch den DOM-1-Kern und XML 1.0 unterstützen?

Oliver Joppich: Davon ist auszugehen.

Macwelt: Wie wichtig ist XML für iCab?

Oliver Joppich: Zunächst sind die Real-World-Anforderungen an iCab wichtig. Wenn XML für das Internet wichtig wird, wird Alexander Clauss iCab entsprechend anpassen.

Macwelt: Microsoft hat für Internet Explorer 5 für Macintosh vom WASP (www.webstandards.com) viel Lob bekommen, insbesondere für die "Doctypesensitve-rendering"-Funktion. Teilen Sie diese Zustimmung, und wird der finale iCab-Browser Ähnliches bieten

Oliver Joppich: Das Lob für Internet Explorer 5 ist eigentlich nur der wiederholte Wortlaut der Microsoft-Presse-Mitteilungen. iCab hat die W3-Org-Standards von Anfang an unterstützt. Uns ist in Internet Explorer 5 nichts aufgefallen, was in iCab fehlen würde. iCab ist bei vielen Seiten deutlich schneller als Internet Explorer. Misst man bei Real-World-Seiten die Geschwindigkeit der Browser, stellt man fest, dass iCab in vielen Fällen deutlich schneller als Internet Explorer ist - und das noch ohne Geschwindigkeitsoptimierungen. Zur Beurteilung der Qualität der IE5-HTML-Engine kann man die HTML-Testseite (http://www.icab.de/test.html) anzeigen lassen und mit der Darstellung von iCab vergleichen.

Macwelt: Was macht die Javascript-Implementierung?

Oliver Joppich: Mit iCab Preview 1.9 haben wir Inscript ja zum ersten Mal als Beta-Version verfügbar gemacht. Es ist zwar noch nicht alles implementiert, aber bisher haben nur sehr wenige Anwender Probleme gemeldet.

Macwelt: Wo lagen bisher die größten Schwierigkeiten bei der Entwicklung?

Oliver Joppich: Schwierigkeiten gab es eigentlich sehr wenige. Mit am aufwendigsten war wahrscheinlich die Simulation des nicht ganz W3-konformen Verhaltens von Netscape. Da es Seiten gibt, die mit Netscape und Internet Explorer funktionieren, mußten wir dieses "falsche" Verhalten auch in iCab nachbauen.

Macwelt: Wieviele iCab-Anwender gibt es mittlerweile?

Oliver Joppich: Die 1.9/1.9a-Preview haben rund 150000 Leute herunter geladen. Wenn man dabei von teilweisen Überschneidungen ausgeht, sollten es etwa 100000 Anwender weltweit sein.

Macwelt: Gibt es weitere iCab-Projekte und wie schaut es mittlerweile mit dem Entwickler-Team aus? Wieviele Programmierer arbeiten an iCab?

Oliver Joppich: Wir werden iCab auch in Zukunft zu zweit machen. Die Programmierung erledigt dabei zu 100 Prozent Alexander. Allein die Inscript-Programmierung hat Thomas Much (Aktien Man) übernommen. Und bei Grafik-Sachen haben die Behnes (NVDI-Programmierer) einen großen Teil gemacht. Uns macht es sehr viel Spaß, das ganze Projekt mit zwei Mann durch zu ziehen. Als weiteres Projekt können wir uns noch einen HTML Editor vorstellen, da uns die derzeitigen Programme nicht so gut gefallen. Alexander programmiert deshalb vieles direkt in HTML und ich benutze nach wie vor Visual Page Mac, das ja leider nicht mehr weiterentwickelt wird.

Macwelt: Hält iCab finanziell durch oder machen Internet Explorer und Netscape 6 Eurem Produkt das Leben zu schwer?

Oliver Joppich: Wenn der Presserummel um Internet Explorer abgeklungen ist, wird sich die Betrachtung auf die qualitativen Aspekte richten. Und da sehe ich im Moment eigentlich nichts, wo iCab unterlegen wäre. Das einzige, was noch fehlt, ist 128-Bit-Encoding (für Online-Banking), aber das wird Apple für den "URL Access" nachreichen, wenn die 128 Bit Freigabe in USA amtlich und weltweit möglich ist. Finanziell brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, da wir anderweitig genug verdienen und die reinen Kosten für iCab und dessen Entwicklung klein sind. Im Übrigen liegt iCab bei den Anwendern gleichauf mit Internet Explorer. Mac-OS-Rumors-Umfragen sehen Netscape bei 50 Prozent und Internet Explorer sowie iCab bei rund 25 Prozent Anteilen.

Interview: Martin Stein

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