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Italien: UMTS-Lizenzen zum Spottpreis vergeben

24.10.2000 | 00:00 Uhr |

Nach nur zwei Tagen ist die Versteigerung der UMTS-
Mobilfunklizenzen in Italien am Montag überraschend beendet worden.
Kurz vor der geplanten Wiederaufnahme der Aktion erklärte die
italienische Mobilfunkgesellschaft Blu, an der auch British Telecom
beteiligt ist, ihren Ausstieg. Die Entscheidung führte zu einem
scharfen politischen Schlagabtausch in Rom. Bis Auktionsschluss waren
23,55 Billionen Lire (23,5 Mrd DM/12 Mrd Euro) geboten worden.
Fachleute hatten etwa das Doppelte erwartet und von einer
«Jahrhundert-Auktion» gesprochen.

An der Versteigerung der fünf Lizenzen hatten sich neben Blu die
drei Inhaber von italienischen GSM-Lizenzen Telecom Italia Mobile
(TIM), Omnitel und Wind sowie die internationalen Konsortien Ipse
2000 und Andala-Hutchinson beteiligt. Experten gingen am Nachmittag
davon aus, dass die Auktion entweder für gültig erklärt wird und die
fünf verbliebenen Konkurrenten die Lizenzen untereinander aufteilen,
oder dass eine neue Auktion mit vier Lizenzen für die fünf Bieter
ausgeschrieben wird.

Als Grund für den Rückzug von Blu gilt Streit unter den acht
Aktionären über die Firmenpolitik und die Frage, wie das Geld für die
Lizenzen aufgebracht werden solle. Zu den Aktionären zählen unter
anderem Autostrade (32 Prozent), British Telecom (20 Prozent) und
Benetton (neun Prozent). Blu hatte am Donnerstag erst im letzten
Moment entschieden, an der Versteigerung teilzunehmen.

British Telecom (BT) bedauerte den Ausstieg von Blu. In einer in
London veröffentlichten Erklärung hieß es am Montag, 52 Prozent der
Aktionäre hätten sich für die weitere Teilnahme an der Auktion
ausgesprochen, darunter auch BT. Erforderlich sei jedoch eine
Zustimmung von 80 Prozent. Für einen Ausstieg aus der Auktion seien
Sitech, Edizione Holding und Palatinus gewesen. BT habe erfolglos
eine einmalige Finanzspritze in Höhe von 258 Millionen Euro zur
Fortsetzung der Auktion angeboten.

In Rom sprachen Vertreter der rechtsgerichteten Parteien unter
Führung von Oppositionschef Silvio Berlusconi von einem «Dilettanten-
Stück». Die italienische Regierung habe schwere Fehler begangen.
«Dieser Scherz kostet uns viele Milliarden.»

Der Spitzenkandidat der Linken für die Parlamentswahlen im
Frühjahr 2001, Roms Bürgermeister Francesco Rutelli, verwies dagegen
auf den Interessenkonflikt von Herausforderer und Oppositionschef
Silvio Berlusconi. Zu Blu gehöre auch eine Unternehmensgruppe
Berlusconis. Möglicherweise sei dies nur eine «Schein-Teilnahme
gewesen», meinte ein führender Politiker der Grünen.

Ein Gewerkschaftsführer sagte, der Rückzug sei ein «Desaster nicht
nur für das Unternehmen, sondern für ganz Italien». Dagegen äußerte
sich Andala-Vizepräsident Franco Bernabe zuversichtlich. «Es gab
einen Wettbewerb und er war regulär. Das heißt, die Lizenzen müssen
jetzt vergeben werden.»
dpa

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