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KOMMENTAR: Apple stellt an den Pranger

02.02.2004 | 11:42 Uhr |

Apple verkündet, dass in jeder dritten Limo-Flasche von Pepsi ein Gutschein für einen Pop-Song steckt.

Apple und Pepsi verschenken 100 Million Musikstücke. Die glücklichen Gewinner erhalten die Preise aber nur als MP3-Datei, die man aus dem Internet, genauer: bei Apple im iTunes Music Store, laden muss. Die Lose gibt es nur in den USA - sie kleben bis Ende März auf Pepsi-Cola-Flaschen.

Jetzt könnte man sich über die rund 300 Millionen Flaschen Zuckerbrause aufregen, die für faulige Zähne, Diabetes und einige andere der sogenannten Zivilisationskrankheiten mitverantwortlich sind.

Oder mal wieder darüber ereifern, dass es den iTunes Music Store noch immer nicht in Europa gibt.

Doch meiner Meinung nach verdient ein weiteres Detail besondere Aufmerksamkeit: Apple und Pepsi haben die Aktion mit einem Werbefilm angekündigt, der zur besten Sendezeit im US-Fernsehen lief. In diesem Film, der zum Beispiel unter www.apple.com/itunes/pepsi/ads/ zu sehen ist, treten vier Jugendliche auf, die bereuen, dass sie Musikstücke auf Tauschbörsen illegal verteilt haben. Jetzt sind vor Gericht gelandet und empfehlen den Zuschauern solche Straftaten zu unterlassen und statt dessen an der Pepsi-Apple-Lotterie teilzunehmen, um legal an Musik zu kommen.

Was im Film nicht zu sehen ist: Die vier Jugendlichen sind keine Schauspieler. Sie wurden von der amerikanischen Musikindustrie exemplarisch aus jenen mehreren Hundert Verurteilten ausgewählt, die bisher wegen des illegalen Musikvertriebs vor Gericht landeten. Der Zentralverband (RIAA = Recording Industry Association of America) der Musikindustrie hat anscheinend darauf bestanden, dass die Verurteilten am Pranger nicht von Schauspielern vertreten werden.

Selbst wenn man Reizworte wie Guantanamo Bay oder Homeland Security Act nicht heranzieht, fallen einem bei dieser Zurschaustellung von Straftätern nur ironische Anmerkungen ein:

- Wenn Apple mal wieder ein Betriebssystem oder Programm auf den Markt bringt, durch das Festplatten gelöscht werden (wie bei Firewire-Platten und Mac-OS X 10.3 ), darf Dell einen Werbefilm mit Steve Jobs drehen, in dem er den neuen Dell-Fernseher als Alternative zum defekten Mac empfiehlt.

- Für jede Verurteilung von Microsoft bekommen wir einen Werbespot zu sehen, in dem Bill Gates empfiehlt, Jogging zu gehen statt Stunden vor dem Windows-PC an irgendwelchen Registry-Einträgen rumzupfuschen.

Hach ja - falls jemand fragt: Ich bekenne hiermit öffentlich die aktuelle CD von C***, die ich vor zwei Wochen gekauft habe, "illegalerweise" als MP3-Dateien auf meinen iPod überspielt zu haben. Herr Staatsanwalt, wo bitte geht's zum Film?

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