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Kampf um Markttanteile im Ortsnetz

09.05.2003 | 09:44 Uhr |

Den einen geht es nicht schnell genug, die anderen treten auf die Bremse: Die Schaffung von mehr Wettbewerb im Telefonortsnetz wird immer mehr zum Streit um ein goldenes Kalb.

Während der Marktführer Deutsche Telekom seine Pfründe in einem angestammten Geschäftszweig mit Zähnen und Klauen verteidigt, dringen Telekom-Konkurrenten auf einen größeren Zugang zu diesem Markt. Dabei erhalten sie auch Rückenwind von der Europäischen Kommission.

  Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke steht unter enormen Druck, den hochverschuldeten Konzern wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Unter den vier Divisionen verdient derzeit nur die Festnetzsparte T-Com Geld. Im vergangenen Jahr waren es bei insgesamt 30,1 Milliarden Euro Umsatz vor Steuern immerhin 3,5 Milliarden Euro. Knapp ein Zehntel des Umsatzes entfiel auf Sprachdienstleistungen, wovon das Ortsnetz mit 2,7 Milliarden den größten Teil ausmachte. Fassen die Wettbewerber in dem Bereich schnell Fuß, brechen der Telekom wichtige Einnahmen weg.

  Mittelfristig versprechen sich die Konkurrenten einen Marktanteil zwischen 20 und 30 Prozent. Immer wieder geißeln die Kritiker das Vorgehen des Marktführers als wettbewerbsfeindlich. Durch ihre Dumpingpreis- und Behinderungsstrategien halte die Telekom ein Quasi-Monopol im Ortsnetzbereich und eine zunehmend starke Stellung im Fernbereich, heißt es beim Verband von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten VATM. Die Telekom dagegen fordert eine angemessene Beteiligung der Wettbewerber an den Kosten für die Infrastruktur.

  Auch die Neulinge scheuen sich freilich nicht, mit ruinösen Dumpingmethoden der Telekom Kunden abzujagen. Dies zeigt die Einführung der freien Netzbetreiberauswahl im Ortsnetz. So lagen ihre Endkundenpreise zum Start des so genannten Call-by-Call am 25. April zum Teil deutlich unter den Kosten für die Vorleistungen der Telekom.

  Die Höhe dieser Preise ist für den Bonner Riesen gewissermaßen die Stellschraube, um sich unliebsame Wettbewerber vom Leib zu halten. So hat die Regulierungsbehörde für die Telekommunikation und Post nur wenige Tage nach Einführung des Call-by-Call im Ortsnetz dem rosa Riesen eine teilweise Anhebung der Entgelte für die Netzzusammenschaltung um 0,4 Cent pro Minute zugestanden. Damit sind Endkundentarife von 1 Cent pro Minute und weniger bei einem Vorleistungspreis von 1,5 Cent auf Dauer nicht durchzuhalten.

  Und die Telekom legt nach: Sie will auch für die Voreinstellung von Kunden auf einen bestimmten Anbieter im so genannten Pre- Selection-Verfahren künftig höhere Gebühren kassieren. So beantragte das Unternehmen bei der Regulierungsbehörde eine Anhebung des einmaligen Wechselentgeltes von derzeit netto 4,40 Euro auf 14,91 Euro - und zwar für den Fern- und Ortsbereich. Ein Telekom- Sprecher begründete die geplante Erhöhung mit den Kosten für die technische Umstellung und Bearbeitung der Anträge.

  Ungemach droht dem größten europäischen Telekom-Konzern jetzt auch noch aus Brüssel. Die EU pocht auf eine schnelle Umsetzung von mehr Wettbewerb im Ortsnetz in den EU-Staaten und habe der Telekom angeblich mit einem Bußgeld gedroht. Kritisiert wird der zu hohe Mietpreis für den Teilnehmeranschluss (TAL). Die Regulierungsbehörde hatte sie zwar unlängst auf 11,80 Euro abgesenkt. Sie liegt aber immer noch sehr nahe am Endkundenpreis für den analogen Standardanschluss (11,82 Euro).

  Die monatliche Grundgebühr der Telekom gilt als nicht Kosten deckend. Die Regulierungsbehörde hat ein Defizit von 1,40 Euro festgestellt. Doch eine Erhöhung scheut die Telekom wie der Teufel das Weihwasser. Ohnehin ist sie gegenwärtig nach den gesetzlichen Vorgaben in diesem Jahr nicht mehr möglich. Auch die EU-Kommission, die den mangelnden Preisabstand beanstandet, zieht eine Absenkung der TAL-Miete vor.

  Dass Deutschland beim Ortsnetz-Wettbewerb nur schleppend vorankommt, weist die Regulierungsbehörde zurück. Von 1,1 Millionen TAL-Verbindungen, also den vermieteten Anschlüssen an die Wettbewerber in der EU, entfielen 1 Million auf Deutschland, sagt Behördensprecher Harald Dörr. Und freies Call-by-Call im Ortsnetz, also ohne Anmeldung, gäbe es in den übrigen EU-Ländern so gut wie gar nicht. dpa

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