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Kein Tanz auf dem Vulkan in Hannover

23.03.2001 | 00:00 Uhr |

Dem dramatischen Absturz der Technologie-Aktien
an den internationalen Börsen begegnen die Aussteller der weltgrößten
Computermesse CeBIT mit ungebrochenem Optimismus. Auch Bundeskanzler
Gerhard Schröder sagte am Donnerstag bei seinem Rundgang zur
Eröffnung der Messe in Hannover, es gebe keinen Grund zum
Pessimismus. Die Informations- und Telekom-Branche (IT) werde weiter
boomen und ein Wachstumsmotor bleiben. Stellvertretend für viele
Aussteller sagte Telekom-Sprecher Ulrich Lissek: «Der Stand ist
rappelvoll, wir haben ein tolles Klima.»

Laut Schröder könnten die jüngsten Turbulenzen in der
Informationstechnologie vielmehr «eine solidere Basis für einen lang
anhaltenden Aufschwung schaffen.» Es seien «Häutungen», die sowohl
der Branche als auch der Volkswirtschaft gut täten. In diesem Jahr
werde die Sparte mit einem Plus von neun Prozent wachsen. «Was will
man eigentlich mehr in einer entwickelten Volkswirtschaft.» Schröder
sagte weiter, parallel zu einer Zuwanderung von Fachkräften aus dem
Ausland müsse die Qualifikation der Arbeitskräfte auf dem hiesigen
Markt vorangetrieben werden.

An den sieben CeBIT-Tagen erwarten die Veranstalter mehr als
750 000 Besucher, rund 90 Prozent davon Fachleute. Schon kurz nach
der Eröffnung drängelten sich die Fans von Bits und Bytes in den
Hallen. «Wir sind auf dem besten Weg, unser Ziel zu erreichen»,
sagte Messe-Sprecher Ulrich Koch. Rund 8 100 Aussteller aus 60
Ländern zeigen ihre Produkte. Die großen Themen der Messe sind in
diesem Jahr unter anderem die Mobilen Dienste und die
Telekommunikation.

Angesichts des dramatischen Kursverfalls der Aktien junger
Unternehmen forderten 21 Start-Up-Unternehmen eine zweite Chance. Die
Unternehmen der so genannten New Economy hätten aus Fehlern gelernt
und die Geschäfte auf eine solidere Basis gestellt, sagte Anna Otto
vom neu gegründeten Unternehmensnetzwerk «New Business Network
Germany».

Nach Ansicht des Verbandes der Elektrotechnik, Elektronik und
Informationstechnik (VDE) werden die Europäer beim mobilen Internet
die Nase vorn haben. Eine hervorragende Telekommunikations-
Infrastruktur, explosive Verbreitung von Mobilfunk-Telefonen und
eine zunehmende Technikfreundlichkeit der Bevölkerung trieben die
Entwicklungen neuer Anwendungen voran, sagte VDE-Vorsitzender Gerd
Tenzer.

Der PC-Hersteller und -Händler Vobis strebt 2001 nach Verlusten
in den Vorjahren ein ausgeglichenes Ergebnis an. Dabei setzt das
Unternehmen vor allem auf den Handel per Internet und Mail, sagte
der Vorstandsvorsitzende Jürgen Rakow. Der Bereich habe im Vorjahr
bereits 45 Prozent des Umsatzes ausgemacht. Insgesamt konnte Vobis
Microcomputer AG (Aachen) im abgelaufenen Geschäftsjahr die Verluste
vor Steuern und Zinsen laut Rakow von 41,2 Mio. DM im Jahr 1999 auf
19,7 Mio. DM (10 Mio. Euro) halbieren.

Der Halbleiter-Hersteller Infineon verspürt eine leichte Erholung
des weltweit eingebrochenen Speichermarkts. «Wir merken, dass die
Nachfrage nach Speichermodulen kontinuierlich anzieht», sagte
Infineon-Chef Ulrich Schumacher. «Die hohen Lagerbestände gehen seit
sieben bis acht Wochen wieder nach unten.» Schumacher hofft, dass
der gesamte Technologiemarkt in sechs bis neun Wochen aus der
«Panik-Stimmung» heraus ist.

Die Software AG sieht keine Abwärtstendenzen. Nach einem
glänzenden Geschäftsjahr 2000 werde der Umsatz im 1. Quartal 2001
wahrscheinlich um rund 30 Prozent steigen, sagte der Chef der
Software AG, Erwin Königs. Der Gewinn werde über 30 Prozent zulegen.
Der Umsatz im Jahr 2001 soll mehr als 600 Millionen Euro (1,17 Mrd
DM) betragen. Die «schlechten Nachrichten von Rezession und
Abschwung» in den USA würden nicht für Europa gelten, sagte Königs.
Allerdings habe inzwischen auch der Aktienkurs der Software AG «in
dieser schlechten Nachbarschaft» gelitten.
dpa

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