1901217

Klein-Hollywood: Die Szene der iPhone-Filmer

11.02.2014 | 14:01 Uhr |

Das iPhone ist nicht nur als Camcorder für den Alltag prima geeignet. Wie amerikanische Filmemacher das iPhone zum Profiwerkzeug machen.

Fernab von Hollywood und Millionenproduktionen hat sich in den USA eine kleine Szene etabliert, bei der sich die Filmemacher ganz auf das iPhone konzentrieren. Gleich mehrere Kurzfilmfestivals speziell für Handyfilmer sind die Highlights dieser Branche. Mit den üblichen Handyvideos wie verwackelten Konzertaufnahmen und spontanen Vine-Videoclips hat all dies nichts zu tun. Aufwendige Postproduktion und ein professionelles, wenn auch kleines Produktionsteam zeichnen diese Kurzfilme aus. Bei kurzen, unterhaltsamen Filmen kommt es nicht auf das Budget oder die technische Ausrüstung an. Mit ein wenig Fachwissen und einem guten Händchen für die Nachproduktion sehen auch iPhone-Videos professionell aus und erinnern kein bisschen an Heimvideos.

Conrad Mess dreht Kurzfilme mit dem iPhone, hat inzwischen 13 Preise für seine Werke eingesammelt. 2011 fing alles an, mit der Hilfe von ein paar Freunden und einem Budget von 400 Dollar entsteht " The Fixer ". Sieben Minuten lang, keine Dialoge, nur wenige Szenen. Dazu stark stilisierte Optik, viele visuelle Effekte mittels Adobe After Effects und Kameraperspektiven, die nicht im Ansatz erahnen lassen, dass hier ein iPhone 4S für die Bilder verantwortlich ist. Wir haben mit Mess gesprochen, um zu erfahren, warum das iPhone bei Filmemachern so beliebt ist.

Interview mit Conrad Mess

iPhoneWelt : Warum hast Du Dich entschieden, mit einem iPhone als Kamera zu drehen? Weil es einfacher ist oder als besondere Herausforderung? Oder um den Zuschauer damit zu überraschen, "dies wurde mit einem Smartphone gefilmt"?

Mess : Das ging eher gar nicht anders. Ich habe 2011 mit dem Filmemachen angefangen und war nie auf einer Filmschule, ich bin ein absoluter Autodidakt. Meinen ersten Film hab ich noch mit einem Camcorder gedreht. Von da an sind alle meine Filme mit dem iPhone entstanden, weil ich gemerkt habe, dass man sich nicht mit Leuten messen kann, die die nötigen Ressourcen, das Geld oder Wissen haben.

Ich habe mich entschieden, das iPhone zu nutzen, weil es in den USA eine Menge Smartphone-Filmfestivals gibt und dort alle die gleichen Voraussetzungen haben. Eine Produktion mit dem iPhone ist selbstverständlich viel einfacher und günstiger: Es gibt eine Menge Apps und Zubehör, die man dafür nutzen kann. Die Überraschung "das wurde mit einem iPhone gedreht?" kann auch nach hinten losgehen, ein paar Mal haben mir Leute auf Festivals zunächst nicht geglaubt, dass der Film mit dem iPhone gemacht wurde.

Conrad Mess (2. von rechts) in Besprechung mit seinem Team.
Vergrößern Conrad Mess (2. von rechts) in Besprechung mit seinem Team.

iPhoneWelt : Gibt es etwas Besonderes am iPhone, warum Du es benutzt, oder könntest Du jedes Smartphone mit Kamera dafür nehmen?

Mess : Bei dem iPhone ist es so, dass es das meistgenutzte Telefon ist und die Zubehörhersteller deshalb eine Menge Gadgets dafür produzieren. Es gibt Smartphones mit besserer Kamera, aber dafür fehlt das Zubehör, das man am iPhone montieren kann. Bei den Apps ist es das Gleiche. Es gibt ein paar Sachen, die ich immer benutze, wie Phocus, Mobislyder und Apps wie Filmic Pro.

Aufsatzlinsen (hier Phocus) machen das iPhone als Kamera flexibler.
Vergrößern Aufsatzlinsen (hier Phocus) machen das iPhone als Kamera flexibler.
© Phocus

iPhoneWelt : Kannst Du uns einen kurzen Überblick geben, welches Equipment Du bei Deinen Drehs benutzt?

Mess : Naja, seit "The Fixer" ist die ganze Sache sehr gewachsen. Damals habe ich noch einen Tisch mit Rädern als Kameraschlitten benutzt. Jetzt kenne ich einige Leute, die gerne mit mir arbeiten wollen und die lassen mich ihre Ausrüstung benutzen. Für mein neues Projekt "The Other Side" hatten wir deshalb einen richtigen Kamerakran, eine Steadycam und einen Kameraschlitten. Aber den Phocus und Mobislyder habe ich wie immer auch benutzt. Beim Licht ist es ganz unterschiedlich. "The Fixer" haben wir bei Tageslicht mit einem Reflektor gedreht, für "The Russian Roulette" haben wir beim Dreh in Los Angeles mit einem Beleuchter-Team gearbeitet. " The Asking Room " ist mit einer einzigen Lampe entstanden. Zuletzt bei "The Other Side" hatten wir jede Menge Beleuchtung, da wir mit einem Greenscreen gedreht haben.

Mit einer kleinen Schiene wie Mobislyder kann man kleinere Kamerafahrten mit dem iPhone simulieren.
Vergrößern Mit einer kleinen Schiene wie Mobislyder kann man kleinere Kamerafahrten mit dem iPhone simulieren.
© Mobislyder

iPhoneWelt : Welche Apps und welche Basisausrüstung würdest Du Film-Anfängern empfehlen?

Mess : Auf jeden Fall Phocus, damit kannst Du verschiedene Linsen wie Tele, Fisheye oder Makro anbringen. Mobislyder als kleinen Kameraschlitten und Smoothee, eine Steadycam für das iPhone. Dazu natürlich noch ein normales Stativ. Wenn wir über Apps reden, dann ist Filmic Pro hier der King. Damit kann man Videos mit bis zu 50 MBit/s aufnehmen. Das alles zusammen kostet Dich weniger als 300 Dollar und gibt Dir schon tolle Möglichkeiten.

iPhoneWelt : Gibt es Webseiten oder Communitys für iPhone-Filmer, die gerade erst damit anfangen?

Mess : Letztes Jahr hat Susy Botello vom San Diego Mobile Film Festival die San Diego Mobile Film School gegründet. Da werde ich im Frühjahr Seminare online und vor Ort geben.

Tipps für iPhone-Filmer

Tipps für iPhone-Filmer
© 2015

- App wie Movie Pro oder Filmic Pro
- 24 Bilder pro Sekunde einstellen
- 1080p-Auflösung nutzen, hohe Qualität wählen
- Autofokus und Belichtung sperren
- Markierungen für das Kinoformat (2,35:1) nutzen und innerhalb davon filmen, später darauf beschneiden
- Stativ oder Stabilisierung nutzen
- Mit verschiedenen Lampen oder Reflektoren arbeiten

Schneiden mit iMovie

Schneiden mit iMovie
© 2015

Das iPhone lässt sich auch zum Schneiden von Filmen benutzen, komfortabler geht es aber auf dem Mac. Wie man iMovie einsetzt, um seine Filme in Form zu bringen, haben wir in einem Workshop in zwei Teilen näher beleuchtet. Teil 1: Grundlagen der Mediathek und Projekte , Teil 2: Schnitt, Musik und Effekt e.

0 Kommentare zu diesem Artikel
1901217