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Klone und Charts: Die Schummler im App Store

19.06.2015 | 13:45 Uhr |

Der App Store hat viel Gutes gebracht, lockt aber viele unseriöse Geschäftemacher an – Apple geht nur halbherzig dagegen vor.

Apples App Store ist ein gigantischer Erfolg und hat in den vergangenen Jahren ein komplett neues Ökosystem geschaffen. Im Jahr 2012 hatten wir uns den Stand der Nepper, Schlepper und Bauernfänger im App Store angesehen. Es ist an der Zeit, erneut den aktuellen Stand der dunklen Seite des App Stores zu überprüfen.

Seither hat sich vieles getan. So gibt es beispielsweise inzwischen faire und relativ unkomplizierte Rückgabe von Apps im App Store . Der App Store ist inzwischen erwachsen geworden und weitaus professioneller, aber auch die Schummler haben dazu gelernt.

Über eine Million Apps, Milliardenumsatz und wirtschaftliche Chancen für kleine Unternehmen. Nach Jahren des Wachstums und der Bindungsphase sind der App Store und die hiesigen Anbieter erwachsen geworden, man hat sich professionalisiert. Für Anbieter, die viele Tausende Euro in eine App investiert haben oder deren gesamtes Geschäftsmodell auf einer App basiert, ist es wichtig, dass die App gut sichtbar ist und viele Nutzer erreicht.

Gekaufte Charts

Man muss Apple dafür loben, den App Store weitgehend neutral zu bestücken: Eine echte Redaktion stellt neue, interessante Apps vor, Apple nimmt kein Geld für die prominente Platzierung von Apps im App Store. Denn Promo-Platzierung wie "die besten neuen Apps" sind für einen Anbieter Gold wert, und dennoch lässt Apple sich hier nicht kaufen. Zwar ist Apple bei der Auswahl unbestechlich, ganz unabhängig aber nicht: Apple stellt gerne Apps vor, um eigene Funktionen oder Produkte zu bewerben : "Apps für die Apple Watch", "Spiele mit Metal" (Apples Grafikschnittstelle) sind dafür klassische Beispiele.

Die Download-Charts sind ein ganz anderes Feld. Sie sind für viele Nutzer die erste Anlaufstelle für das Stöbern nach neuen Apps – die Charts sind nicht unbestechlich. Deshalb ist "Boosting" für kommerzielle App-Anbieter und große Unternehmen ein wichtiges Thema. Zahlreiche Agenturen haben sich darauf spezialisiert. Denn wenn eine App erst einmal in den Charts ist, erhält sie durch die gute Sichtbarkeit auch viel mehr echte Downloads. Boosting geschieht auf mehrere mögliche Arten.

Im einfachsten Fall hat die Agentur ein Netzwerk von Klickfarmen, die auf Bestellung die gewünschte App so oft herunterladen, bis sie die anvisierte Chartplatzierung erreicht. Dies rückt jedoch zunehmend in den Hintergrund, da Apple inzwischen Algorithmen einsetzt, die falsche Downloads erkennen sollen. Hat eine App beispielsweise viele Downloads, aber kaum Bewertungen, steigt die App nicht so hoch in die Charts, wie sie es sonst tun würde.

Agenturangebot: Für Top-Platzierungen im App Store sind fünfstellige Beträge fällig.
Vergrößern Agenturangebot: Für Top-Platzierungen im App Store sind fünfstellige Beträge fällig.

Deshalb rückt diese plumpe Art des Boostings mittlerweile in der Hintergrund. Stattdessen nutzen Agenturen Promotion, um bestimmte Zielgruppen zu erreichen und Apps dort kurz und massiv zu bewerben. Das Tückische daran: Die Nutzer wissen oft nicht, dass sie Teil einer solchen Marketingmaschine sind. App-Empfehlung-Apps (à la "Gratis-App des Tages") oder viele Facebook-Gruppen, die Nutzwert versprechen, sind in Wirklichkeit oft solche Marketingpools für Agenturen, die damit gezielt Apps bewerben. "Partnernetzwerke" heißt das im Marketingjargon.

Um in die Top-10 zu gelangen, rufen die Agenturen nach Angeboten, von denen uns mehrere vorliegen, fünfstellige Beträge auf. Ein Beispiel: Dafür versprechen die Agenturen Tausende Downloads. Ein erster Platz in den Gratischarts – die Königsdisziplin des Boostings – soll bis zu 25.000 "echte" Downloads der App bringen, so die Versprechen

Klone und geklaute Ideen

Das Phänomen ist nicht neu, hat sich in den vergangenen Jahren jedoch professionalisiert: Ideenklau und Trittbrettfahrer im App Store. Das vielleicht markanteste Beispiel rund um geklaute Ideen ist der Fall von Threes und 2048. Beides sind Puzzle-Apps, die im Jahr 2014 bekannt wurden. Threes ist dabei das (kostenpflichtige) Original, das im Februar 2014 für iOS erschien. Der Webentwickler Gabriele Cirulli hat sich das Spielprinzip für "2048" ausgeliehen, und dieses landete kostenlos als Browserspiel auf der Software-Plattform Github. Dort entdeckte es wiederum der App-Publisher Ketchapp und setzte 2048 prompt eins zu eins als eigenes Spiel unter dem gleichen Namen als iOS- und Android-App um. Weder mit Erlaubnis von Cirulli noch von den Threes-Machern. Ketchapp wird auch von anderen kleinen Entwicklern vorgeworfen, dass sie App-Vorschläge mehrfach abgelehnt und dann doch, leicht verändert, selbst entwickelt hätten.

Die Charts im App Store: wichtig und nicht unbestechlich.
Vergrößern Die Charts im App Store: wichtig und nicht unbestechlich.

2048 wurde als App ein riesiger Erfolg, belegte lange Zeit Platz eins der Download-Charts. Später hat Gabriele Cirulli seine eigene Version des Spiels als App veröffentlicht, "2048 by Gabriele Cirulli". Daneben existieren etliche weitere Variationen und Klone, die versuchen, den enormen Hype mitzunehmen. Der Gipfel der Ironie ist dabei noch, dass das Original Threes kurzzeitig aus dem Google Play Store gebannt wurde – weil sie den Namen der Kopie "2048" als Stichwort in der App-Beschreibung nutzten.

Dies alles ist inzwischen gängige Praxis: Sobald eine App – insbesondere, wenn es ein Spiel ist – besonders erfolgreich wird, ploppen innerhalb weniger Tage Kopien und billige Klone auf oder Apps, die nur mit einem ähnlichen Namen nach Downloads gieren, weil sie unter dem gleichen Suchbegriff gefunden werden.

Ergebnis sind Apps mit Namen wie "Threes 2048" oder "Cookie Bird in Flappy City" – nach dem bis heute unerklärlichen Hype rund um "Flappy Bird". Unser Highlight: "Flappy 2048 HD". Apple geht lax mit solchen Klonkriegern um, trotz der sonst strengen Regeln im App Store sind Ideenklau oder Namensdiebstahl keine der Kriterien, nach denen Apple Anwendungen filtert. Auf konkrete Markenrechtsbeschwerden reagiert Apple zwar, als in kürzester Zeit jedoch knapp 100 Klone von "Flappy Birds" erscheinen, filterte das Unternehmen erst spät einige wenige der offensichtlichsten Klone heraus.

Es ist problemlos möglich, (fast) gleiche Namen und Icons zu verwenden, wie bekannte, erfolgreiche Apps, auch gegen andere Formen der täuschenden "App Store Optimization" geht Apple nicht vor. Das bedeutet, Entwickler können Namen, Stichworte und Co. problemlos daraufhin optimieren, unter dem Namen einer anderen, bekannteren App gefunden zu wer- den. Getäuscht werden letztlich nur die Nutzer, die vor lauter beinahe gleichlautenden Suchergebnissen in manchen Fällen kaum noch erkennen können, welches denn die echte App ist.

Klone über Klone!
Vergrößern Klone über Klone!
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