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Kommentar Airpods: Apple schneidet Zöpfe ab, setzt Perücke auf

09.09.2016 | 11:39 Uhr |

Mittlerweile hat Apple seine Gründe für das Einsparen der Kopfhörer-Buchse ausführlicher erklärt – kann uns aber nicht ganz überzeugen

Das iPhone 7 hat nun als erstes Apple-Gerät keine Schnittstelle für Kopfhörer mehr. Selbst beim innovativen Macbook muss man schließlich bisher nicht auf diese praktische Anschlussmöglichkeit für Kopfhörer, TV-Geräte, Lautsprecher verzichten. Gegenüber dem Journalisten John Paczkowski hat Apple sich jetzt etwas ausführlicher geäußert, was zur Einsparung der Allerweltsschnittstelle führt. Auf der Keynote war ja Phil Schiller nur knapp auf dieses Thema eingegangen.

Wie Greg Joswiak ausführt, war der Hauptgrund fehlender Platz. Die neue Kamera erforderte im oberen Bereich des iPhone 7 mehr Platz, außerdem sorgte die Steuereinheit für das Display für Interferenzen. Deshalb musste sie in den unteren Bereich wandern, wo sie aber für Störungen bei der analogen Kopfhörerschnittstelle sorgte. Die technische Lösung war das Einsparen der Schnittstelle „just a hole filled with air“, so Hardware Vice President Dan Riccio“, die wertvollen Platz verschwendete. Beim iPhone 7 ermöglichte das Wegfallen nämlich unter anderem das einfachere Einbauen der „Taptic Engine“. Diese sorgt nicht nur beim neuen Homebutton für ein drucksensitives Feedback sondern ist langfristig auch für Spiele und andere Apps eine wichtige Neuerung. Vor allem aber bleibt mehr Platz für den Akku. Beim iPhone 7 vergrößert sich die Akkugröße gegenüber dem iPhone 6 um 14 Prozent und beim iPhone 7 Plus um fünf Prozent. Die dadurch möglichen zwei bzw. eine Stunde längere Laufzeit sind aber ein wichtiger Vorteil. Der dritte Pluspunkt: Das Wegfallen der Schnittstelle erleichterte es, das iPhone wasserfest zu machen, zumindest nach dem Standard IP7. Fällt ein iPhone 7 in eine Badewanne oder ein Klo, hat es endlich gute Überlebenschancen.

JBL bietet die Reflect Aware mit Lighning- und bald auch USB-C-Schnittstelle an.
Vergrößern JBL bietet die Reflect Aware mit Lighning- und bald auch USB-C-Schnittstelle an.

Es handelte sich also um ein klares Abwägen der Vor- und Nachteile. Die durch den Wegfall möglichen Verbesserungen überwiegen die Nachteile. Anders als beim Einstellen der alten iPhone-Docking-Schnittstelle legt Apple aber neben einem Lightning-Kopfhörer auch einen Lightning-auf-Miniklinke-Adapter bei, der für 9 Euro auch im Online Store erhältlich ist. Für einen Apple-Adapter also auffallend preiswert ist.

Kommentar : Chuzpe oder Courage

Das iPhone 7 ist beeindruckend und audiophile Musikhörer sind sicher in der Minderzahl. Nur wenige iPhone-Nutzer haben einen 1300 Euro-Sennheiser-HD 800 und wollen ihn ohne lästigen Adapter an ihr iPhone anschließen. Bei hochpreisigen Kopfhörern geht laut Marktforschern der Trend zu Bluetooth-Modellen, so bietet auch Bose seine erfolgreichen Noise-Cancelling-Kopfhörer mittlerweile als drahtloses Modell an. Und neben den AirPods, die für den Autor wie EarPods mit abgeschnittenen Kabeln aussehen, hat nicht zuletzt auch die Apple-Firma Beats neue Bluetooth-Modelle vorgestellt – mit Apples W1 Chip. Was uns aber stört: Ist der Wechsel zu Lightning wirklich so mutig, wie Apple behauptet? Während der Keynote behauptete Phil Schiller, es gäbe bereits 900 Millionen Geräte mit Lightning-Schnittstelle. Ob Phil Schiller da vielleicht auch alle iPhone und iPad mit Lightning-Anschluss und Lightning-Adapter mitgezählt hat? Das von ihm als Beispiel angeführte „affordable“ JBL Reflect Aware ist schließlich nur in wenigen Webshops erhältlich, der Preisvergleich Geizhals kennt ganze fünf Kopfhörer mit Apples proprietärem Anschluss. Selbst die Apple-Firma Beats hat keinen Lightning-Kopfhörer im Angebot. Wie wohl jetzt viele Hersteller musste sich der Kopfhörer-Hersteller wohl zwischen Bluetooth- und Apple-Schnittstelle entscheiden und wählte Bluetooth. Ein wenig hat man den Eindruck, Apple hätte hier zwar alte Zöpfe abgeschnitten, dann aber eine Perücke aufgesetzt. Echte Courage wäre es gewesen, hätte sich Apple einen Ruck gegeben und USB-C eingeführt.

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