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Kommentar: Aus für Reader – Eigentor für Google?

20.03.2013 | 11:00 Uhr |

Das hatte man sich bei Google mit Sicherheit anders vorgestellt. Still und leise sollte das Produktangebot zurechtgestutzt werden, um Ressourcen für wichtigere Projekte frei zu machen – das gefällt nicht allen.

In den letzten Tagen nutzten viele verärgerte und enttäuschte User Facebook oder Twitter, um ihren Unmut über Googles diesjährigen Portfolio-Frühjahrsputz zum Ausdruck zu bringen. Zur Erinnerung: In einem Eintrag im Firmenblog hatte Google verkündet, dass man einige Webdienste einstellen werde. Neben dem Aus für den beliebten RSS-Aggregator Google Reader fallen beispielsweise auch die Desktop-Applikationen von Snapseed oder die Cal-DAV-API dem Putzwedel zum Opfer.

Seien wir ehrlich: Das Aus für Googles RSS-Aggregator ist nicht wirklich eine Überraschung. Der Google-Reader stirbt schon seit einiger Zeit, von vielen Anwendern unbemerkt, einen langsamen Tod. Google beschreibt im besagten Blog-Eintrag, dass der Reader zwar eine treue Fanbasis besaß, jedoch mit schwindenden Nutzerzahlen zu kämpfen hatte.

Nicht zuletzt durch die Einführung des sozialen Netzwerks Google+ begann der Internet-Konzern damit, die ersten Nägel in einen Sarg für Reader hineinzuschlagen. Google hatte ja bereits Ende 2011 seinem Reader eine Radikalrasur verpasst und das Produkt sämtlicher Social-Media-Funktionen beraubt. Der Fokus der internen Entwickler sollte sich von da an voll und ganz auf prestigeträchtige Felder wie Google+, Gmail oder Google Docs beziehungsweise Google Drive richten. Die Felder also, von denen sich Google für die Zukunft bessere Wachstums- und Monetarisierungschancen erwartet.

Diese Meldung bekamen alle Google Reader-User nach der Ankündigung Googles, den Dienst einstellen zu wollen, angezeigt.
Vergrößern Diese Meldung bekamen alle Google Reader-User nach der Ankündigung Googles, den Dienst einstellen zu wollen, angezeigt.

Ein ganz normaler Vorgang, für den man Google nicht anzuprangern braucht. Denken wir als Apple-User beispielsweise zurück an das ersatzlose Ende der iDisk im Zuge der Einführung von iCloud. Auch hier gab es zunächst Proteste, doch heute vermisse ich diese Dienste nicht – dafür sorgen starke Alternativen wie Dropbox .

Der Aufschrei der letzten Tage zeigt aber, dass der Reader eine große und vor allem treue Fangemeinde hat – mich eingeschlossen. Gut: Nicht jeder braucht einen RSS-Aggregator, der Hunderte von Nachrichten übersichtlich an einem Ort zusammenführt. Aber viele haben den Dienst täglich für die Nachrichtenübersicht genutzt, gerade in der Blogger-Szene. Doch wie schon bei der iDisk werden auch die Google-Reader-User schnell neue Lösungen finden. Feedly , mein persönlicher Favorit unter den Google-Reader-Alternativen, konnte seit Googles Frühjahrsputz-Ankündigung bereits über 500 000 neue Nutzer hinzugewinnen, Tendenz weiter steigend.

Die Alternative Feedly überzeugt vor allem durch die übersichtliche Aufmachung.
Vergrößern Die Alternative Feedly überzeugt vor allem durch die übersichtliche Aufmachung.

Eine Frage sollten wir uns aber im Kontext der Informationsbeschaffung im Web stellen : Wie wollen wir künftig Nachrichten konsumieren? Der Trend geht hin zum sozialen Netzwerk als Informationsquelle. Ich weiß von vielen Kollegen und Freunden, dass sie ihre Informationen in erster Linie aus den Twitter- oder Facebook-Feeds ihrer Nachrichtenquellen beziehen. Für mich kaum vorstellbar, wenn ich überlege, wie viel Information in meinem Twitter-Feed aufgrund der schieren Informationsmenge einfach untergeht – ein Hoch auf die Alternativen!

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