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Kommentar: Digital Hub oder Windows Media Center

30.10.2002 | 11:35 Uhr |

Fernsehen ist immer noch eine der Lieblingsbeschäftigungen des Volkes. Was liegt für die PC-Industrie näher, als dieses Freizeitverhalten für den PC zu gewinnen?

München/Macwelt - Einen Ersatz für Fernseher, TV und Stereoanlage wollen Hewlett-Packard und Microsoft mit dem Media Center PC vorstellen. Den neuen, von HP gebauten Computer kann man direkt an einen Fernseher oder das Kabelnetz anschließen, er speichert TV-Sendungen auf seiner Festplatte und wird für eine einfache Bedienung ohne Tastatur mit einer Fernbedienung ausgeliefert. Wahlweise CD- oder DVD-Brenner erlauben das Speichern der Aufnahmen. Abgesehen davon beherrscht er natürlich wie jeder andere PC Internetanwendungen, Bildbearbeitung und Büroarbeiten.

Diese Idee bildet das genaue Gegenteil der Digital Hub-Strategie Apples. Statt die einzelnen Medienaufgaben spezialisierter Perepherie zu überlassen, soll hier ein einzelnes Gerät alle Medien bereitstellen. Die Idee, Fernseher und PC zu verschmelzen ist nicht neu. Vor einigen Jahren hieß diese Idee noch Multimedia-PC, ein Name der offenbar mittlerweile etwas an Kaufkraft verloren hat.

Der Computer von HP bietet keine Hardware, die nicht als Zubehör für PC und Macs erhältlich wäre, eine Besonderheit ist jedoch das Betriebssytem. Die von der Microsoft-Abteilung Ehome entwickelte Betriebssystemvariante Windows XP Media Center soll eine vollständige Nutzung per Fernbedienung und das einfache Aufnehmen von Fernsehsendungen im Format MPEG 2 erlauben. Ursprünglich waren auch Kopierschutzmechanismen geplant, die ein Abspielen von Aufnahmen auf externen Geräten verhindern sollten. Nach starker Kunden-Kritik hat Microsoft einen Rückzieher gemacht. Auch externe Geräte werden die Mediendateien im Windows Media Format abspielen können, vorausgesetzt, die Abspielprogramme unterstützen das Windows Media Format von Microsoft. Fernsehsender können sich durch eine Verschlüsselungssoftware von Macrovision vor Aufnahmen schützen.

Die Firmenkunden halten sich gegenwärtig bei den PC-Käufen zurück, gleichbleibend hohe Umsätze versprechen dagegen immer noch die Heimanwender. Auf diese Zielgruppe richtet sich das Media Center. Gegen die ausgefeilten Fernseher und Videorecorder der Elektronikindustrie haben die PC-Hersteller jedoch schlechte Karten. So bietet etwa Quelle bereits einen ersten Fernseher mit eingebauter Festplatte, die ersten Videorecorder auf Festplatten oder DVD-Basis erreichen den Massenmarkt.

Trotz digitaler Übertragungswege und modernster Technik ist schließlich auch die Qualität des Materials immer noch auf VHS bzw. S-VHS-Niveau. So bemängelten die Kollegen von Tech TV bei einem ersten Test die schlechte Bildqualität des Videomaterials und ein gelegentliches Einfrieren des Windows-Rechners.
Für den Ersatz eines Fernsehers oder Hifi-Anlage hat ein PC immer noch zu viele Nachteile. So ist etwa die Lautstärke moderner Windows-Rechner immer noch ein Problem, ein hochgezüchteter Pentium 4 mit 2,5 GHz ist schließlich für das Übertragen eines Fernsehsenders völlig überflüssig.

Als wirkliche Neuerung erscheint dagegen, dass dies wohl der erste Großseriencomputer mit serienmäßiger Fernbedienung ist.
Ein Nachteil der Mac-Plattform ist gegenwärtig die vergleichsweise schlechte TV-Funktionalität. Während die meisten PC-Anwender in ihre Standard-PC preiswerte TV-Karten einbauen können, sind iMac- oder iBook-Nutzer auf eine teure Firewire-Lösung oder USB-Lösungen mit mittelmäßiger Qualität angewiesen. HPs Rechner geht hier noch einen Schritt weiter und stellt diese Funktionen in einer integrierten Lösung zusammen, die ohne langes Aufrüsten und Zusammenbauen funktioniert. Mac-Anwender können sich aber damit trösten, dass ein Fernseher mit digitalem Videorecorder immer noch die funktionalere und billigere Lösung ist. Auf eine Fernbedienung braucht man dagegen auch als Besitzer eines lautlosen iMac/iBooks nicht zu verzichten. Für 60 Euro bekommt man die Keyspan Digital Media Remote von Keyspan und kann von nun an iTunes, DVD-Player und Quicktime steuern, ohne vom Sofa aufzustehen.
Stephan Wiesend

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