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Game Center: Was taugt Apples Spieleplattform?

10.09.2010 | 14:19 Uhr |

Mit Game Center macht Apple den ersten Versuch, ambitionierten Spielern eine Plattform zu bieten. Markus Schwerdtel, Chefredakteur der Gamepro, kommentiert Apples neuen Dienst.

Game Center iPhone
Vergrößern Game Center iPhone
© Apple

Mit dem iOS-Update 4.1 hat Apple nun endlich auch das schon vor Monaten angekündigte Game Center freigeschaltet. Zweck der Erweiterung: Das Game Center soll eine einheitliche Schnittstelle für Multiplayer-Games werden, Spieler untereinander vernetzen und nicht zuletzt dank der so genannten Erfolge (dazu später mehr) den Wettbewerb der Zocker untereinander ankurbeln.

Ich bin besser als du!

Die Startseite des Game Centers ist treffend „Ich“ betitelt. Hier legt man sein Spieler-Pseudonym (etwa „Zockmaster 3000“ oder etwas ähnlich Treffendes) fest und kann ein Motto eingeben, das andere Spieler dann sehen. Weiterhin sieht man hier auf einen Blick die Zahl seiner „Freunde“. Das sind andere Spieler, die man entweder unter ihrem Pseudonym oder ihrer E-Mail-Adresse zur Freundschaft einlädt. Stimmen Sie zu, lassen sich die Erfolge vergleichen. Das sind kleine Belohnungsabzeichen, die es für geschaffte Herausforderungen in Spielen gibt. Wer etwa bei Flight Control drei Flieger gleichzeitig landet, bekommt das Abzeichen „Perfect Timing“ und 50 Punkte.

Mit diesen Punkten lässt sich nichts kaufen oder freischalten, sie dienen lediglich der Vergleichbarkeit mit anderen Spielern: Wer mehr Punkte hat ist offensichtlich der bessere Zocker (oder hat einfach nur mehr Geld für Spiele ausgegeben oder mehr Zeit…). Dieses eigentlich simple System ist erstaunlich motivierend! Man ertappt sich selber dabei, wie man die Erfolgs-Listen studiert und überlegt, wie man am schnellsten dieses oder jenes Abzeichen freischaltet. Blöderweise wird jedoch auf der Game-Center-Startseite nur die Zahl der geschafften Erfolge angezeigt, nicht jedoch die für die Vergleichbarkeit viel wichtigere Punktzahl!

Auch hat Apple das Abzeichen-System nicht erfunden, es ist vielmehr frech von Xbox Live geklaut. Microsoft hat die Erfolge und den damit verbundenen „Gamerscore“ bereits 2005 mit seiner Konsole Xbox 360 eingeführt und seitdem immer weiter verfeinert. Beim Kopieren hat Apple jedoch geknausert: Weder das simple Nachrichtensystem noch die reibungslosen Multiplayer-Einladungen von Xbox Live haben es in das Game Center geschafft.

Außerdem stellt sich durch die späte Einführung des Game Centers ein weiteres Problem: Bisher unterstützen nur wenige Titel das Erfolgs-System. Zwar funktioniert es schon bei Hits wie Flight Control oder Real Racing , Perlen wie Angry Birds oder Plants vs. Zombies haben die Abzeichen aber noch nicht, sie können bestenfalls mühsam per Patch eingebaut werden. Anders als Microsoft macht Apple nämlich (noch) keine Vorgaben an die Spieleentwickler bezüglich der Erfolge. Wer für die Xbox 360 programmiert, muss sie einbauen, sonst gibt es keine Freigabe von Microsoft! Außerdem nützt es auch nichts, wenn man etwa Flight Control schon komplett durchgespielt hat. Um die Erfolge zu bekommen, muss man alles noch mal machen – schwach!

Sinnvoll oder nicht?

In seinem jetzigen Zustand ist das Game Center wenig mehr als ein Gimmick. Klar, der Punktzahl-Vergleich mit Freunden ist lustig, aber so lange es keine Multiplayer-Vermittlungs-Funktion gibt, ist die Erweiterung eigentlich sinnlos. Bestenfalls dient sie als Empfehlungs-Tool für neue Spiele, schließlich sieht man jederzeit, was die Freunde gerade so zocken und kann sich die Titel dann mit wenigen Tippern aus dem App Store holen.

Warum aber bringt Apple dann das Game Center jetzt, wo es doch offenbar noch nicht alle Funktionen hat, die ursprünglich angekündigt waren? Die Antwort ist einfach: Windows Phone 7 . Wenn im Herbst die ersten Geräte mit der Microsoft-Plattform erscheinen, verfügen sie über volle Xbox Live-Integration: Erfolge, Multiplayer, Avatare, Messaging etc. Ernsthafte Konsolenspieler haben dann beim Handykauf eigentlich kaum eine andere Wahl, als zum Microsoft-Telefon zu greifen, das zudem auch als Spieleplattform viel hermacht. Wenn Apple auf diesem Gebiet mit Microsoft konkurrieren will, sind noch einige Updates für das Game Center nötig. Und vielleicht schafft man es dann auch, nicht nur zu kopieren, sondern sich auch selber coole Funktionen einfallen zu lassen.

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