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Kommentar: Gefährliche Geschenke von Microsoft

24.07.2001 | 00:00 Uhr |

Besondere Beachtung verdiente Kevin Brownes Auftritt auf der Macworld Expo, hat der Chef von Microsofts Mac-BU die Plattform doch mit drei wichtigen Programmen beglückt. Das Ganze hat aber auch eine Kehrseite.

Eigentlich sollte man sich über jedes Programm freuen, das für den Mac verfügbar ist. Als positiver Trend war auf der Macworld Expo zu spüren, dass immer mehr Softwarehersteller aus dem UNIX-Lager sich dem neuen Apple-Betriebssystem verschreiben. Doch auch Apples bisherige Softwarepartner springen auf den Zug Mac-OS X auf. Einst als Erzfeind der Cupertino-Company geltend, hat insbesondere Microsoft die Messe dazu genutzt, die Produkte seiner Mac-BU vorzustellen. Neben der dringend erwarteten Apple-UNIX-Version des Office-Pakets aus Redmond feierten Media Player 7 und Microsoft-Messenger Premiere in New York.

Drei Programme also, die dem Mac Zugang zu weitverbreiteten Formaten verschaffen: den wmf-Streaming-Files, den Nachrichtenprotokollen des MSN-Dienstes Messenger und dem Quasi-Bürostandard .doc.
Die Freude darüber schmälert doch die Frage, ob diese Programme nun eine Bereicherung darstellen oder nicht auch gewisse Gefahren bieten. Schließlich handelt es sich dabei nicht wirklich um Standards, sonder nur um Formate eines Beinahe-Monopolisten. An Office führt als Bürosoftware inzwischen eigentlich kein Weg vorbei - zumindest, wenn man mit einer anderen Firma Daten austauschen will. Es gibt zwar viele Konverter wie Mac Link, aber diese haben doch immer wieder Probleme, ein Dokument zu öffnen. Ohne Microsoft Office hat man es im beruflichen Alltag einfach schwerer.

Das werbefinanzierte Internet hat im Großen und Ganzen ausgedient, Wertschöpfung durch Content heißt das Zauberwort. Und wer bestimmen kann, in welchem Format die Inhalte an den Mann gebracht werden, profitiert nicht unerheblich von den Geldströmen. Bei steigenden Bandbreiten gewinnen bewegte Bilder im Internet mehr und mehr an Bedeutung: Ein potentielles Geschäft mit hohem Umsatz.
Der Windows Media Player, jetzt in Windows XP integriert hat wie damals der Internet Explorer in Windows 95, hat das Zeug dazu, dem bisherigen Marktführer Real Player Anteile abzunehmen, dem somit ein ähnliches Schicksal wie dem Navigator von Netscape droht. Auch Quicktime, das immer noch nicht MPEG-4 unterstützt, ist als Streaming-Format weit weniger erfolgreich als die Produkte von Microsoft und Real Networks.

Eine neue beliebte Kommunikationsform, vor allem in den USA, ist das Instant Messenging, das Austauschen von Kurznachrichten in Echtzeit. Der Messenger von Microsoft konkurriert hier mit AOLs AIM. Wie im Falle der bewegten Bilder hat auch hier der "Spätstarter" Microsoft zur Jagd auf den Platzhirschen geblasen, mit Erfolg: Seit dem Frühjahr findet Microsofts Messenger eine größere Verbreiterung als AOLs AIM. Als hätte es nie einen Kartellprozess gegeben, ist der Messenger fester Bestandteil von Windows XP. Allein deshalb werden Millionen von Windowsanwendern keine Alternativen nutzen, da sie ihnen unbekannt bleiben.

Ein von Windowsformaten beherrschtes Internet ist vielleicht bereits Gegenwart, aber ohne die Microsoft-Konkurrenz von AOL und Real könnten die Zeiten auch für Apple noch gefährlicher werden. Was passiert, wenn Microsoft in ferner Zukunft auf die Idee käme, Mac-Versionen nicht mehr herzustellen? Einen Vorgeschmack darauf könnten zukünftige Java-lose Versionen des Browser Internet Explorer bieten, sofern Microsoft seine Drohung wahrmacht und den Standard Java durch seine .NET-Dienste zu ersetzen versucht. Auf dem Weg des Mac zur "besten Java-Maschine aller Zeiten" läge ein verdammt großer Stein.
Stephan Wiesend/pm

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