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Kommentar: Internetwirtschaft, Fortsetzung folgt

21.08.2001 | 00:00 Uhr |

Die Dotcom-Hysterie ist längst vorbei. Experten sehen jetzt jedoch Chancen auf einen vernünftigeren Neustart, Apple zeigt sich erneut innovativ.

Noch bevor der große Internet-Hype Schlagworte wie "B2C", "B2B" - und vor allen Dingen - "2B or not 2B" hervorbrachte, muss eine von IBM beauftragte Agentur bereits eine dunkle Vorahnung gehabt haben: Ein Zeitung lesender Geschäftsmann ruft seinem Kollegen zu: "Hier steht: Wir müssen ins Internet" - "Warum?" - "Das steht da nicht."

Das mag auch exakt der Grund sein, warum seit 15 Monaten das Schlagwort vom Dotcom-Sterben die Runde macht, in dessen Folge auch die einst höchst erfolgreiche Hauspostille der New Economy, The Industry Standard, auf Grund mangelnden Anzeigenaufkommens seinen Betrieb einstellen musste.

Doch es zeichnet sich eine Trendwende ab: Im August mussten in den USA deutlich weniger Internetbetriebe ihre Geschäfte einstellen als im Juli. Die Spreu scheint sich also vom Weizen zu trennen, und Experten sehen gar neue Chancen für die übrig gebliebenen Firmen. Es seien nun aber neue Geschäftsmodelle gefragt, wie Richard Wise und David Morrisson von der Unternehmensberatung Mercer der Financial Times Deutschland erklärten. Den herkömmlichen B2B-Börsen und -Auktionen geben die Analysten keine Chance mehr, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit seien bei den neuen Ansätzen wichtiger als der niedrigste Preis. Insgesamt steige die Investitionsbereitschaft, die Dax-30-Firmen werden 2001 um 70 Prozent mehr für E-Commerce-Projekte ausgegeben haben als im Vorjahr.

Auch für B2C-Onlinehändler stehen die Chancen nicht schlecht. Die Zahl der Internetnutzer steigt weiterhin. Peter Barkow, Internet-Analyst von HSBC Trinkhaus & Burkhardt, ist der Ansicht, dass Surfer im Web immer mehr kaufen, bis 2004 könne der Weltmarkt im Jahresdurchschnitt um 60 Prozent auf den Wert von 428 Milliarden US-Dollar wachsen. Dieses Jahr gelte es zu überstehen, dann würde der Markt für die Dotcoms arbeiten.

Die Firmen sollten immer mehr auf einen Mix aus Online- und Offline-Geschäft setzen. Dabei zeigt sich Apple erneut innovativ. Nachdem der Mac-Hersteller mit dem Apple Store Ende 1997 ins Netz gegangen ist und dabei sehr wohl wusste, warum, unterstützt die Jobs-Company ihren umsatzträchtigen Online-Store mit einer eigenen Ladenkette. Amazon, der führende Einzelhändler im Web, schreibt nach Angaben von Insidern in seiner Buchsparte längst schwarze Zahlen, die neu angelaufenen Geschäfte mit Musik, Filmen und Software verhindern noch eine positive Bilanz. Aber auch die Manager um Jeff Bezos haben erkannt, dass das Web nicht allein selig machend ist und treiben Kooperationen mit dem "offline"-Handel voran.

Die besten Chancen haben also mit Sicherheit diejenigen Firmen, die auf ihr Kerngeschäft setzen und ihr Unternehmen traditionell aufbauen, um Gewinne zu machen. Die Zeit der heißen Luft und der Seifenblasen, die Börsenmilliardäre machte, ist glücklicher Weise vorbei.

Der Vergangenheit gehören nicht nur Websites an, die mit dem Versand von Katzenstreu (zu schwer für die Post...) oder trendiger Klamotten (schicken lassen, anprobieren und wieder zurück...) reich werden wollten, sondern auch Internetseiten, die mit Kilobyte schweren Flash-Filmen, animierten Schaltflächen und nervigen Geblinke und Gehupe immer nur die technische Machbarkeit im Auge behielten. Jetzt steht der Kunde im Mittelpunkt, denn er soll sich nicht nur schnell zurecht finden, sondern auch kaufen. Und vor allen Dingen wiederkommen. Und sei es in die Offline-Version des erfolgreichen Internetshops. pm

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