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Kommentar: Mac-OS X bleibt Apple-only

28.03.2000 | 00:00 Uhr |

Mit der Ankündigung, den Betriebssystemkern von Mac-OS X, Darwin, für die Intel-Plattform fertiggestellt zu haben, hat Apples zuständiger Entwickler Wilfredo Sanchez ein kleines Erdbeben unter Mac-Anwendern und vor allem Mac-Fans ausgelöst. Schon gibt es Spekulationen, beispielsweise auf den Wired News , dass Apple mit den iMacs und iBooks, den Powerbooks und Power Macs Produkte habe, die nicht mehr mittels eines exklusiven Betriebssystems vor der Kokurrenz geschützt werden müssten. Ergo könne Apple Mac-OS X auch für andere Rechnerplattformen anbieten, ohne Einbrüche in der Hauptgeldquelle, dem Rechnerverkauf, befürchten zu müssen.

Und wieder poppen die Träume der Mac-Gemeinde hoch: Endlich ein Mac-Betriebssystem, das auf anderen Rechnern als denen von Apple läuft. Seit Steve Jobs die Clones gekillt hat, seit Umax, Motorola und Power Computing viel Geld in den Sand gesetzt haben mit dem Versuch, Mac-OS-Clones unter das hungrige Volk zu werfen, schauen die Macianer wieder neidisch auf ihre PC-Genossen, die sich ihre Hardware selber aussuchen und so die ein oder andere Mark sparen können.

Hinzu kommt, dass die Zeichen bei Apple auch in anderer Hinsicht Richtung Intel-Plattform weisen:
Schwierigkeiten bei der Prozessorherstellung haben bislang verhindert, dass Motorola mit dem Power-PC-Prozessor die 500-MHz-Linie überschreiten kann. AMD und Intel sind schon bei über 1000 MHz.Intel setzt mit seiner nächsten Prozessorgeneration wie Motorola auf die RISC-Technologie und hat so die Chance, viel schneller als die vergleichsweise kleine Prozessorschmiede Motorola noch leistungsfähigere Chips zu entwickeln.Mac-OS X geht in die entscheidende Phase. Im Sommer soll das Betriebssystem fertig sein. Wann, wenn nicht jetzt, wäre also ein besserer Zeitpunkt, Microsoft Windows im eigenen Lager anzugreifen, zumal Mac-OS X auf einem Betriebssystem beruht, das ursprünglich auf Intel beheimatet war?Mit dem Quartz-Layer in Mac-OS X hat Apple Industriestandards (PDF, Quicktime, Open GL) bei der Grafikdarstellung übernommen, die es auch auf der Intel-Plattform gibt.Mit der Aqua-Oberfläche ist das Mac-OS wieder auch optisch etwas anderes als Windows und könnte sich durchaus als Konkurrent etablieren.

Man könnte diese Liste noch fortführen, und den Befürwortern einer "offenen Mac-Plattform" fällt sicher noch einiges ein. Dass es dennoch, zumindest in den nächsten Jahren, nicht zu einem Mac-OS auf Intel kommen wird, steht allerdings schon fest.
Mit Darwin ist lediglich der Unix-Betriebssystemkern von Mac-OS X auf die Intel-Plattform portiert. Weder die Aqua-Oberfläche noch die viel wichtigere Carbon-Programmumgebung würden derzeit auf einem Intel-Rechner laufen. Und zumindest Carbon, das dafür sorgt, dass man Mac-Applikationen auf Mac-OS X verwenden kann, wird es nie auf die Intel-Plattform schaffen. Viel zu groß wäre der Portierungsaufwand. Aqua beruht auf dem Quartz-Grafiklayer, auch hier wäre noch erhebliche Arbeit zu leisten, um diese auf Intel zu portieren.

Neben dem Kern bleibt lediglich die Cocoa-Umgebung, die theoretisch schon auf Intel läuft. Da Cocoa aus dem alten Next-Betriebssystem stammt und dieses wiederum für Intel-Prozessoren entwickelt ist, lässt sich diese Umgebung ohne Probleme auf Intel anpassen.
Dennoch, der Unix-Kern und die Cocoa-Umgebung sind bei weitem nicht ausreichend, um auch nur ein annähernd interessantes Produkt für die Intel-Plattform herauszubringen. Weder Mac- noch Windows-Programme wären lauffähig und Mac-OS X für Intel so eine reine Lachnummer. Geld könnte Apple damit jedenfalls nicht verdienen - und Windows-Entwickler zur Programmierung für die Cocoa-Umgebung zu gewinnen, wäre selbst mit Hinweis auf die Plattformunabhängigkeit ein sinnloses Unterfangen. Apple ist nicht Microsoft und hat, der Mac-Begeisterung mancher Internet-Sites zum Trotz, nicht die Marktstellung, um eine völlig neue Entwicklungsumgebung wie Cocoa durchzusetzen - möge sie noch so viele Vorteile besitzen.

Bleibt die Frage, weshalb Apple Darwin auf Intel portiert. Zum Einen steckt Steve Jobs hier keine großen Ressourcen hinein. Die Portierung ist ein Ein-Mann-Projekt, inzwischen hat Wilfredo Sanchez lediglich einen Helfer. Zum Anderen bedingt ein Open-Source-Projekt, das sich mit Linux messen will, die Plattformunabhängigkeit. Nicht Intel und Microsoft sind hier die Maßstäbe, Linux hat Apple mit Darwin im Auge. Und so ist der Darwin-Portierung in etwa das Gewicht beizumessen wie der Linux-Portierung auf den Power-PC. Darwin wird eines Tages die freundlichere Oberfläche haben als Linux, dafür ist Linux wirklich firmenunabhängig und hat zudem schon wesentlich mehr Entwickler hinter sich.

Beide, Darwin und Linux, werden aber noch lange ein Nischendasein führen. Und das Mac-OS wird weiterhin ein Apple-Power-PC-only-Produkt bleiben.

Sebastian Hirsch

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