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Kommentar: Qualitäts-Probleme bei Apple?

24.01.2003 | 12:49 Uhr |

Auch ein Jahr ausführliche Tests von Steve Jobs persönlich haben es nicht verhindern können: Apples neuestes Programm Keynote hat einen ernsten Bug.

Früher war alles besser. Denkt man ein paar Jahre zurück, konnten noch vor einigen Jahren die von Apple oder Claris programmierte Programme nicht nur durch Funktionalität sondern auch durch besonders hohe Qualität überzeugen. So verzögerten die hohen Qualitätsstandards von Claris aber auch die Entwicklung von Programmen, wie Bob Hearn, einer der Programmierer von Claris Works, beschreibt.
Heute scheint sich dies geändert zu haben. Wie jetzt Apple unserer US-Schwestersite Maccentral offiziell bestätigte, hat das neue Präsentationsprogramm Keynote 1.0 ein kleines Problem:

Wie eine Vielzahl von Anwendern sich beschwerten, hat Keynote Stabilitätsprobleme durch die Treiber einiger ATI-Grafikkarten. Bei einigen Modellen kann es dadurch zu Abstürzen und Datenverlust kommen. Betroffen sind dabei einige iBook- und Powerbook-Modelle, offenbar Modelle mit einer ATI-Mobility Grafikkarte mit 8 MB Grafikspeicher. Ein Update des Programms soll bald verfügbar sein.

Ein bedauerlicher Fehlstart für Apples neuestes Profi-Produkt. Ein Präsentationsprogramm wie Apples Keynote darf schließlich eines auf gar keinen Fall: während der Präsentation abstürzen. Für eine überzeugende Präsentation ist dies wohl wichtiger als schöne Effekte und Grafiken. Ärgerlich, daß ausgerechnet Mobilrechner betroffen sind, schließlich werden Präsentationen in der Regel von einem tragbaren Rechner gestartet. Die Macwelt-Testversion hatte dagegen auf Desktops keine Probleme und ließ sich auch durch mehrere hundert MB große Präsentationen nicht zum Absturz bringen. Dafür bemerkten wir einen weiteren Bug: beim Import bestimmter Power-Point-Vorlagen stürzte Keynote immer wieder ab. So ensteht der Eindruck, dass auch Apple nicht vor der Unheil bringenden Versionsnummer 1.0 gefeit ist: Heißt es doch immer wieder "Kaufe nie eine 1.0-Version". (So erinnern sich einige Publisher, daß auch Adobe Indesign 1.0 bei seinem Erscheinen noch alles andere als perfekt war.)

Trotzdem gilt auch hier die Regel: Verstehen kann man alles, entschuldigen nicht. Schließlich bedeuten Kompatibilitätsprobleme ganz einfach, dass sie beim Betatest des Programms nicht aufgefallen sind, ein eindeutiger Fehler bei der Produktentwicklung. Es stellt sich allerdings die Frage, ob Mängel bei Apples Software nicht auch strukturelle Gründe haben. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung hat Apple in den vergangenen Quartalen zwar immer weiter gesteigert, die Anzahl an Programmen aus Cupertino ist jedoch geradezu explodiert. So müssen Apples Programmierer schließlich neben dem komplexen Betriebssystem Mac-OS X auch noch Programme wie iMovie, iTunes, iPhoto, iDVD, iCal, Safari, Mail, Quicktime und iSync betreuen. Von Profiprogrammen wie DVD Studio Pro, Final Cut ganz zu schweigen.

Unter dem klassischen Mac-OS konnte man noch ein Betriebssystem auf einem bestimmten stabilen Entwicklungsstand einfrieren. So haben viele Anwender die Mac-OS 9.0.4 benutzen kaum Gründe, auf Mac-OS 9.1 aktualisieren. Dagegen werden von Mac-OS X-Nutzern Betriebssystem-Update zu Recht sehr schnell auch aufgespielt. Der fälschliche Eindruck von schwindender Qualität, den die steigende Anzahl von Updates verursacht, hat aber eine andere Ursache, und zwar Apples Einsatz von Open Source-Produkten. Seitdem Apple Teile des Betriebssystem auf frei entwickelter Software basieren lässt, wie etwa Apache oder CUPS, werden auch Teile des Mac-OS öffentlich weiterentwickelt. Eine Folge davon sind regelmäßige Updates, die zwar das System kontinuierlich verbessern, aber auch den Eindruck der Unfertigkeit erwecken. Die Frage bleibt: Setzt Apple nicht mehr die gleichen Maßstäbe bei der Qualitätssicherung wie früher? In der modernen Softwareentwicklung hat leider keine Firma mehr die Zeit, mehrere Jahre nach Programmfehlern zu suchen. Ein Verfall der Qualitätsstandards bedeutete für Apple eine größere Gefahr, als Intel und Dell zusammen. Schließlich ist hohe Qualität immer noch ein Wettbewerbsvorteil von Apple.
Stephan Wiesend

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