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Kommentar: Steve Jobs überfordert Apple

13.04.2007 | 14:33 Uhr |

Auf den ersten Blick ist der verspätete Termin für Mac-OS X 10.5 Leopard kein Drama - Microsoft hat Windows Vista wesentlich öfter verschoben. Viel schwerer aber wiegt der Image-Schaden und der Eindruck, Apple sei den eigenen hochfliegenden Plänen nicht mehr gewachsen

„Redmond: Startet schon mal die Fotokopierer!“ So hatte Apple noch bei der Entwicklerkonferenz im August letzten Jahres gehöhnt, als Steve Jobs persönlich die neueste Version des Mac-Betriebssystems vorstellte. Nun rudern die Mannen aus Cupertino kleinlaut zurück. Nicht wie angekündigt im Frühling, sondern im Oktober soll das neueste Update des Mac-OS X verfügbar sein.

Alles kein Drama? Von Microsoft sind wir ganz anderes gewöhnt? Mag sein - aber Apple ist nicht Microsoft. Apple lebt von seinem Ruf, besser zu sein als andere, und heizt diesen nicht nur durch einschlägige Fernsehkampagnen noch kräftig an. Fünf Jahre sei man mit dem iPhone der Konkurrenz voraus, so Steve Jobs im Januar. Mac-OS X sei schon jetzt da, wo Vista einmal hin wolle. Mit Apple TV habe man die einzige funktionierende Lösung für die Distribution von multimedialen Internet-Inhalten. Die Musikindustrie habe man revolutioniert und mit Hollywood werde man das auch noch schaffen.

Apple klappert kräftig

Klappern gehört zum Geschäft, doch dass jetzt ausgerechnet das iPhone als Grund dafür herhalten muss, dass man dem Mac-Kerngeschäft die Entwickler entzieht, mag manchem Mac-Fan letzter Beweis dafür sein, dass Cupertino keinen Wert mehr legt auf die loyale Mac-Basis. Ausgerechnet zur Macworld Expo im Januar fiel nicht ein Wort zum neuen Mac-OS X, was manchen Mac-Anwender schon Böses ahnen ließ. Schlimmer aber als die immer wiederkehrenden Vernachlässigungsängste der Mac-Anhängerschaft ist die wachsende Erkenntnis, dass Steve Jobs seine Firma zu überfordern beginnt. Das iPhone ist schon über drei Jahre in der Entwicklung - man hätte wissen können, welchen Aufwand die Entwicklung in der Endphase zur Marktreife bedeutet. Apple TV hat sich ebenfalls um Wochen verzögert, wohl unter anderem deshalb, weil es, wie das iPhone, eine modifizierte Version des Mac-Betriebssystems enthält. Von einer neuen Version der Medien-Suite iLife, einst Star unter den Mac-Applikationen, ist weit und breit nichts zu sehen und zu hören und es macht ganz den Eindruck, dass das bislang jährliche Update dieses Mal ganz entfällt. Viele Apple-Programme harren zudem der Überarbeitung, damit sie vernünftig mit mehreren Prozessoren umgehen können. Und das umso mehr, als Apple nun auch einen Acht-Prozessor-Mac im Portfolio hat.

Es knirscht im Apple-Gebälk

Die nun erfolgte Verschiebung von Mac-OS X 10.5 zeigt, dass es im Apple-Gebälk mächtig knirscht. Es ist sicher kein Zufall, dass die Meldung ziemlich genau ein Jahr erfolgt, nachdem der „Vater“ von Mac-OS X, Avi Tevanian, Apple verlassen hat. Ebenso wenig dürfte es ein Zufall sein, dass die Meldung fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Weggang von Hardware-Chef Jon Rubinstein erfolgt. Beide waren zentrale Gestalten beim Wiedererstarken Apples - und beide hatten das Vertrauen von Steve Jobs und damit die Möglichkeit, den Apple-Chef wenn nötig auch einmal zu bremsen. Nun sieht es so aus, als würde Jobs weitgehend ungehindert immer mehr Projekte in immer kürzerer Zeit vorantreiben. Dies aber kann eine Firma überfordern und zu verheerenden Ergebnissen führen.

So ist die Verschiebung von Mac-OS X 10.5 weniger ein Ressourcen- als ein Steve-Jobs-Problem. Der Apple-Chef täte gut daran, sich von seinen Beratern auch einmal bremsen zu lassen und realistischer mit seinen Ressourcen zu planen. Wie man es besser macht zeigt der Umstieg auf Intel, der, langfristig geplant, plötzlich lange vor der Planung abgeschlossen war. Aber den hatten, als letztes Glanzstück, ja auch noch Jon Rubinstein und Avi Tevanian zu verantworten.

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