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Kommentar: Viel Rauch um nichts

10.07.2002 | 11:41 Uhr |

Nur noch eine Woche bis zu Steve Jobs Auftritt auf der Macworld Expo in New York. Wie üblich, jagt ein Gerücht das nächste.

München/Macwelt - Ruhig war der Juni verlaufen, der Monat, in dem sich sonst selbst ernannte oder tatsächliche Insider darin übertreffen, über neue Apple-Produkte zur Macworld Expo zu spekulieren. Während im Vorfeld der Januar-Expo in San Francisco die Auguren über Power Macs G5 und einen Apple-Organizer von "sicheren Quellen" Bescheid wussten und sich über Form und Ausstattung des TFT-iMacs beinahe täglich in Designstudien Gedanken machten, kam alles ganz anders. Apple schürte selbst den Hype mit täglich neuen Werbebotschaften a la "Beyond rumor-sites. Way beyond."

Es ist wie an Weihnachten: Je höher die Erwartungen, desto größer die Enttäuschung über das, was wirklich im Paket steckt. Seitdem ATI und ein Apple-Mitarbeiter im Sommer 2000 Details über den Cube ausgeplappert hatten, gab es bei Apple kein Informationsleck mehr. Lediglich einer Panne beim Time Magazine war es am 7. Januar zu verdanken, dass über den neuen iMac G4 schon Stunden vor dessen offizieller Vorstellung das meiste bekannt war.

Angebliche Insiderinformationen aus "firmennahen Quellen" sind die Aufregung nicht wert, die um sie stets entstehen. Vertretern der von Apple im Januar zitierten "Rumor-Sites" sollen auf Veranlassung des Mac-Herstellers der Messeveranstalter IDG World Expo in diesem Jahr keine Presseausweise ausstellen. Apple geht weit in den Bemühungen, den Ball flach zu halten.

Eine Woche vor der Jobs-Keynote greifen aber auch seriösere Medien auf Informationen nicht näher genannter Quellen zurückt. Die Cnet-Seite news.com wei? von einer spektakulären Premiere in New York zu berichten:
Zur Macworld Expo in New York soll der Mac-Hersteller einen iMac G4 mit 17-Zoll-TFT herausbringen. Dabei könnte sich jedoch der Wunsch als Vater des Gedankens erweisen, denn es sind Analysten, die einen 17-Zöller auf der wei?en Halbkugel geradezu herbeireden. So gibt Stephen Baker von NPDTechworld zu Protokoll, dass Anbieter von All-in-one-Geräten nicht nur die derzeit beste Computertechnologie in ihre Systeme integrieren müssten, sondern auch den besten verfügbaren Monitor. Den jüngsten Nachfragerückgang begründet Baker damit, dass Käufer des 15-Zöllers auf Jahre hinaus davon ausgeschlossen seien, einen der immer üblicher werdenden 17-Zoll-TFTs benutzen zu können. Gegenüber dem letzten Jahr hätten sich Verkäufe von 17-Zoll-LCDs verzehnfacht, 15-Zöller gingen jedoch nur 2,5 mal so häufig über den Ladentisch wie letzten Sommer. Einen wesentlichen Verkaufsschub sähe Baker mit dem 17-Zoll-iMac dennoch nicht gekommen, insgesamt gehe der PC-Markt zurück, eine Dynamik, die Apple nicht wesentlich ändern könne. Den Marktpreisen für LCD-Displays folgend, fordert Baker einen Aufpreis von höchstens 200 Dollar für den größeren iMac.

Bakers Argumente halten einem zweiten Blick nicht stand. Sicher, einem jetzt schon hochpreisigen iMac würde Apple kein um mehr als 200 Dollar teureres Spitzenmodell hinzufügen. Zu dem Aufpreis wäre jedoch allenfalls ein Display mit der gleichen nativen Auflösung von 1024 x 768 Pixeln zu haben, 1280 x 1024 "errechnete" Pixel ergäben ein flimmerndes Bild. Mit einem gro?flächigeren und damit schwereren 17-Zoll-Display brächte man die Balance des Rechners vollkommen durcheinander. Aus ästhetischen Gründen müsste man das Gehäuse vergrößern, also eine neue Platine einbauen, und aus mechanischen Gründen den Haltearm überarbeiten. Wesentlich sinnvoller erscheint, dass Apple die Preiserhöhung vom März wieder zurücknimmt und dazu die iMacs etwas besser ausstattet, den Prozessortakt erhöht und vielleicht sogar das Superdrive ab dem mittleren Modell anbietet.

Was bleibt, sind weniger spektakuläre Neuvorstellungen in New York. Steve Jobs wird ausführlich auf das nächste Mac-OS-X-Update mit Codenamen "Jaguar" eingehen und wohl die offizielle Versionsnummer, den Erstverkaufstag und den Updatepreis bekannt geben. Die ÷ffentlichkeit erwartet auch Neuigkeiten zu Quicktime 6, fester Bestandteil des "Jaguar" und durch Lizenzstreitigkeiten mit der MPEG-LA um MPEG-4 bisher von der Markteinführung ausgeschlossen. Der Apple-CEO wird Nachrichten dazu haben, die von news.com zitierten "Insider" erwarten bereits den Startschuss für MPEG-4 auf dem Mac. Nicht nur Quicktime soll davon profitieren, sondern auch eine neue Version von iTunes.

Mit Sicherheit baut Apple in Zukunft G5-Prozessoren in seine Power Macs. Da Motorola von der neuen Chip-Generation noch keine ausreichenden Stückzahlen produzieren kann, ist mit der Premiere vollkommen neuer Profirechner vorerst nicht zu rechnen. Eher wird Apple einen modifizierten und schnelleren G4-Chip in seine Spitzenmodelle einbauen, von Taktraten bis zu 1,6 GHz ist die Rede. DDR-SDRAM wie im Xserve und ein größerer On-chip-cache könnten wesentliche Leistungsmerkmale der Rechner sein. News.com will Informationen darüber haben, dass Steve Jobs die neuen Power Macs G4 aber erst zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Sommer vorstellen wird. Mehr zu Apples geheimen Plänen steht in Macwelt 8 /2002 ab Seite 16.

Wenngleich die Agenda eher unscheinbar aussieht, dürfte die Keynote am Mittwoch, ab 15 Uhr MESZ alles andere als langweilig werden. Steve Jobs und Apple sind immer für eine ?berraschung gut, wenngleich der 17-Zoll-TFT-iMac eher in das Reich der Phantasie gehört. Da lassen wir uns aber gerne Lügen strafen.
Peter Müller

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