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Kommentar: Warum Adobe Indesign vor Photoshop portiert

02.08.2001 | 00:00 Uhr |

Das für Adobe vielleicht wichtigste Programm Photoshop wartet immer noch auf eine Portierung auf Mac-OS X. Der Hersteller steht nicht unter Zeitdruck.

Erstauen löste Adobe auf der Macworld Expo in New York aus, als es die Programme Indesign, Golive und Illustrator unter Mac-OS X präsentierte. Hatten doch viele Augenzeugen der Steve-Jobs-Keynote eine erste Präsentation von Photoshop erhofft. Man fragt sich, warum Adobe das Portieren der Bildbearbeitungssoftware noch nicht angepackt hat, schließlich dürften Illustrator oder Indesign nicht leichter zu carbonisieren sein.

Adobes Entscheidung ist wohl auch vor einem wirtschaftlichen Hintergrund getroffen. Die Entwicklung für Mac-OS X kostet Geld. Einfach alle Programme auf Mac-OS X zu portieren, würde den Etat eines Quartals übermäßig belasten und davor scheut jedes börsennotierte Unternehmen zurück. Investiert ein Unternehmen Geld, sollte es dazu dienen Neukunden zu gewinnen. Kaum ein Besitzer von Photoshop 6 wäre wohl bereit, für eine Carbon-Version von Photoshop 6 einen Upgradepreis zu zahlen. Anders sieht dies dagegen bei einem Update aus, das wirklich neue Funktionen bringt. Es ist sicher kein Zufall, dass alle drei von Adobe ausgewählten Programme bereits länger auf dem Markt sind und sowieso in nächster Zeit ein Update erfahren hätten. Illustrator hat in Freehand einen Konkurrenten, der bereits auf Mac-OS X portiert ist. Folglich muß auch Illustrator so schnell wie möglich unter Mac-OS X verfügbar sein. Ähnliches gilt für Indesign, das es nicht geschafft hat, unter Mac-OS 9 Quark abzulösen. Vielleicht bietet ja das Apple-Unix eine neue Gelegenheit. Schließlich ist hier ein Problem gelöst: Damit Mac-OS X in annehmbarer Geschwindigkeit läuft, muss ein Mac so leistungfähig sein, dass auch Indesign einigermaßen zügig arbeiten kann. Unter Mac-OS 9 hatte Quark mit Xpress noch den Vorteil eines Programms zu bieten, das auch auf alten Macs schnell arbeitet. Hier bietet sich eine echte Gelegenheit, neue Kunden zu finden.
Golive - als dritter im Bunde - hat einen weit geringeren Marktanteil als Dreamweaver und kann ebenfalls durch eine Portierung neue Kunden gewinnen.
Das ProgrammPhotoshop dagegen ist konkurrenzlos. Viele Kunden sind offenbar eher bereit, auf Mac-OS X zu verzichten, als auf Photoshop. Zwar mag es potenzielle Konkurrenten wie Gimp oder Photopaint geben, aber selbst bei gleichwertiger Funktionalität würde wohl kaum ein Publisher von Photoshop 6 auf Photopaint 10 umsteigen wollen. Dies nicht nur aus Mißtrauen gegenüber Corel oder Pinguinen, sondern aus Gewöhung an ein Programm, das man im Schlaf beherrscht.
Für Adobe ist dieser Entwicklungsplan sicher der sinnvollste. Das Unternehmen kann es sich erlauben, Photoshop erst zu portieren, wenn es dazu gezwungen wird. Matt Johnson von OS-Opinion, beschreibt die Situation mit einem alten Witz: Wohin setzt sich ein 400-Kilo Gorilla? Antwort: Wohin er will.
Stephan Wiesend

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