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Kommentar: Wenn Fotohersteller sich etwas wünschen

22.08.2003 | 11:17 Uhr |

Eine Revolution in der digitalen Fotografie soll die diese Woche vorgestellte Canon EOS 300D auslösen. Zweifel sind jedoch angebracht.

Canon macht viel Tamtam. Was am 20. August als EOS 300D der Öffentlichkeit präsentiert und ab Ende September in den Handel kommen wird, sei die Digitalkamera, welche die Fotografie ähnlich umkrempeln werde wie 1976 die Canon AE-1 (erste Kamera mit eingebautem Prozessor) oder 1987 die EOS 650 mit dem ersten Autofocus-Sensor, sagt der Kamerahersteller aus Japan.


Die Einwirkung auf das Girokonto dürfte tatsächlich ähnlich sein: 1200 Euro lautet die unverbindliche Preisempfehlung für das Modell EOS 300D inklusive Objektiv, was ohne Berücksichtigung der Inflation jenen 2.000 bis 3.000 Mark entsprechen dürfte, die der wahre Fotofreund vor 20 Jahren bereit war, in eine gute Kamera zu investieren. Ohne Frage hat die EOS 300D vieles von dem, was das Herz des Digitalfotografen höher schlagen lässt, unter anderem EF-Bajonett-Objektivanschluß, auf dass laut Canon alle heute erhältlichen EF-Objektive passen (allerdings muss man aufgrund der Konstruktion die Brennweite mit dem Faktor 1,6 multiplizieren; sprich: ein 50-mm-EF-Objektiv avanciert zum 80-mm-Teleobjektiv). Hinzu kommt eine Auflösung von 6,3 Megapixel und ein 7-Punkt-Sensor, der den Autofokus der Kamera steuert und mit dezenten roten Blitzen im Kamerasucher anzeigt, auf welche Punkte die Kamera scharf gestellt hat.
In einem etwa 15 Minuten langen Test konnten sich einige Hundert Journalisten aus Europa am 21. August 2003 davon überzeugen, dass die Kamera tatsächlich funktioniert. Der Druckpunkt des Auslösers zum Beispiel ist gut tastbar und der Autofokus braucht bei normalen Lichtverhältnissen vielleicht eine halbe Sekunde um sich einzumessen. Wer dann den Finger durchdrückt, bringt sogar die versprochenen vier Serienbilder in die Kamera, bevor ein dezent blinkendes Licht darauf hinweist, dass die Kamera jetzt erstmal ein Päuschen braucht, um die Daten zu speichern. Selbst die meisten Einstellungen lassen sich ohne nervenzerfetzendes Studium der Betriebsanleitung meistern, Drehrädchen und Schalter sind mitteleuropäischen Lang- respektive Breitfingern gut zugänglich.


Was sollte also schief gehen bei Canons Plänen, bis 2005 den Markt für digitale Spiegelfreflexkameras weiter mit rund 55 Prozent Marktanteil zu dominieren? Zweierlei. Einmal könnten Canons treue Kunden in Fotoagenturen entdecken, dass die billige EOS 300D fast soviel leistet wie die rund 2000 Euro kostende EOS 10D. Letztere hat zwar ein robusteres Gehäuse, mehr Einstellspeicherplätze und produziert mehr Serienbilder, doch ansonsten sind die Unterschiede marginal. Und zweitens könnte der Privatkunde, jener engagierte Foto-Amateur, den Canon zum Kauf verführen will, zum Beispiel folgende kleine Rechnung aufmachen: 1200 Euro kostet die digitale Kamera EOS 300D, dazu braucht man noch wenigstens eine Speicherkarte für 150 bis 200 Euro. Macht insgesamt mit etwas anderem Spielzeug wie zusätzlichen Batterien oder einem stabilen Schutzkoffer rund 1500 Euro. Dafür könnte man sich fünf analoge Canon-Spiegelreflexkameras 3000V kaufen, die Canon ebenfalls am 20. August vorgestellt hat und die ähnlich aufwändig ausgestattet sind wie das digitale Pendant. Oder man kauft sich eine analoge Kamera von diesem Kaliber und rund 600 Filme dazu. Was zum Beispiel für den Schreiber dieser Zeilen eine verlockende Vorstellung wäre, obwohl er sich schon länger eine digitale Spiegelreflex wünscht. Aber vielleicht ticken die Kamerakäufer in Europa ganz anders und kaufen tatsächlich ab September 2003 jene 15.000 bis 20.000 Stück der EOS 300D, die Canon nach den Worten von Alessandro Stanzani, Chef des Marketing von Canon Imaging in der EU, produzieren will.

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