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Kommentar: Whatsapp-Kauf - kein Grund zur Panik

24.02.2014 | 14:27 Uhr |

Dass der skeptisch betrachtete Riese Facebook Whatsapp gekauft hat, darf die Nutzer beunruhigen. Die "Datenpanik" ist aber übertrieben.

Whatsapp-Konkurrent Telegram hat in wenigen Tagen beinahe fünf Millionen Nutzer dazu gewonnen und seine Kundschaft somit verdoppelt. Eine häufig zu lesender Facebook-Status nach der Übernahme von Whatsapp durch Facebook in meinem Bekanntenkreis: "Ich verlasse Whatsapp, wenn das jetzt zu Facebook gehört!" Ok.

Grundsätzlich ist es toll, wenn sich Nutzer Gedanken über Datenschutz und Verschlüsselung machen, ob der Auslöser nun die NSA-Affäre oder "wurde von Facebook gekauft" ist. Aktuell geht die Hysterie aber etwas zu weit, Vorurteile und wilde Vorstellungskraft nehmen überhand. "Ich will nicht, dass Facebook meine Daten aus Whatsapp bekommt" höre ich häufiger. Entschuldigung, aber welche Daten genau?

Bei Whatsapp fallen selbstverständlich Daten an. Verbindungsdaten (wer schrieb wem wann?), Identifikatoren (unsere Handynummer und anonyme Geräte-Token, um die Pushnachrichten zuzustellen) und auch die Inhalte werden über die Server von Whatsapp vermittelt. Das bedeutet aber nicht, dass diese Daten interessant sind - oder überhaupt gespeichert werden. Denn Whatsapp hat derzeit kein Geschäftsmodell, bei dem Nutzerdaten eine Rolle spielen. Whatsapp ist aktuell ein Abodienst, der rund einen Euro im Jahr kostet. Es gibt keine Werbung und nicht einmal Nutzerprofile, in denen wir eine Mailadresse, unser Alter oder unseren Wohnort angeben müssten. Wir sind für Whatsapp eine Telefonnummer ohne jeglichen Kontext und ohne Zusatzinformationen.

Viele neue Freunde: Telegram hat jetzt großen Zulauf.
Vergrößern Viele neue Freunde: Telegram hat jetzt großen Zulauf.

Daten sind nicht gleich Daten

Wenn ein Unternehmen wie Facebook Daten sammelt, dann geht es um Vermarktung. Wo wohnen Sie, welchen Job und welche Interessen haben Sie? Planen Sie vielleicht, bald einen neuen Computer zu kaufen? Das sind Informationen, mit denen man Werbung verkaufen kann. Werbekunden können gezielt auswählen, dass ihre Werbung nur bestimmten Nutzern gezeigt wird: "Wohnt in Hamburg, ist Fan der Facebookseite unserer Konkurrenz und ist zwischen 30 und 45 Jahre alt". Das ist das Kapital von Facebook.

Whatsapp spielt hier überhaupt nicht mit. Solche Informationen hat das Unternehmen nicht über uns. Einige Skeptiker gehen einfach mal davon aus, dass Facebook die Inhalte unserer Whatsapp-Nachrichten scannen, analysieren und ein Profil von uns erstellen werde oder dass Whatsapp dies schon heute macht. Das Unternehmen sagt, dass Nachrichten nicht auf ihren Servern gespeichert werden, wer Whatsapp schon einmal neu installiert hat, merkt, dass dann alle Nachrichten weg sind.

Es gibt nicht die geringsten Anhaltspunkte, dass Whatsapp uns gezielt ausspioniert, zudem ist dies technisch sehr viel komplizierter als man sich das vorstellt und von einer Automatik nicht zu schaffen. Selbst die Datenstaubsauger und Algorithmusmeister von Google zeigen bei Gmail nur Werbung an, die schlicht zu den Schlagworten in einer Mail passen und nicht zu einem aus Millionen Hinweisen geschärftem Nutzerprofil. Die aktuelle Ansage für die Zukunft von Whatsapp ist: alles bleibt wie es ist. Sollte der neue Eigentümer seine Meinung überdenken und die Nutzungsbedingungen radikal ändern: dann wäre der geeignete Zeitpunkt für solche Befürchtungen.

Dazu kommt: selbst konsequent verschlüsselte Nachrichten verraten unsere Verbindungsdaten, solange alle Nachrichten über Server des Anbieters laufen. Die Metadaten: wem wir wann eine Nachricht geschrieben haben. Werbetreibende interessiert das überhaupt nicht. Wer jedoch mehr Angst vor der NSA als vor Facebook hat, der ist auch durch verschlüsselte Inhalte nicht vollkommen anonym unterwegs, denn Verbindungsdaten sind für Ermittlungsbehörden sehr interessant.

Schwache Alternativen

Ja, ich habe schon seit Monaten Telegram und seit Neustem auch Threema auf dem iPhone. Überzeugt bin ich nicht ganz. Verschlüsselte Chats klingen zunächst einmal gut. Im Detail sieht das aber wieder anders aus. Die Verschlüsselung von Telegram wird von Sicherheitsexperten stark in Zweifel gezogen , dazu sind nur ausdrücklich als "geheime Chats" gestartete Konversationen verschlüsselt. In meiner Telegram-Historie ist genau ein Gespräch verschlüsselt, der Rest genau so offen wie bei Whatsapp. Gruppenchats sind bei Telegram grundsätzlich ungesichert. Trotzdem fühlen sich die Nutzer hier sicherer. Trügerisch.

Ein einzelner, verschlüsselter Chat in Telegram. Der einzige in meiner App.
Vergrößern Ein einzelner, verschlüsselter Chat in Telegram. Der einzige in meiner App.

Threema hat mehr Lob von Sicherheitsexperten erhalten, hier fehlen aber noch mehr Funktionen. Wie bei Telegram gibt es hier keinen Nutzerstatus und zusätzlich keine Infos mehr, wann jemand zuletzt online war. Hier fehlen auch noch die praktischen Gruppenchats komplett ( Korrektur : Es gibt auch bei Threema Gruppenchats) . Übrigens würden beide Messenger gerne unser Adressbuch auf den Server des Anbieters hochladen, um nach unseren Freunden zu suchen - wie bei Whatsapp. 

Fazit

Der Schritt hin zu Messengern mit mehr Sicherheit und etwas mehr Privatsphäre ist nie falsch. Zu glauben, dass Whatsapp der Teufel, Threema und Telegram dagegen die Lösung aller möglichen Probleme sei, ist jedoch weder angemessen, noch tatsächlich die Lösung aller möglichen Probleme. Instagram gehört seit langem zu Facebook und auch damals gab es Protest und wilde Befürchtungen. Geändert hat sich dort: fast nichts.

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