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Das iPhone und das angebliche Stockholm-Syndrom

15.12.2009 | 14:05 Uhr |

Derzeit sorgt ein Bericht für Aufsehen, der iPhone-Nutzer mit Entführungsopfern vergleicht. iPhone-Besitzer litten unter dem Stockholmsyndrom und würden das iPhone zwanghaft schönreden. Diese Vergleich trifft ins Leere.

Das iPhone 3G S hat sich gegenüber seinem Vorgänger äußerlich nicht geändert.
Vergrößern Das iPhone 3G S hat sich gegenüber seinem Vorgänger äußerlich nicht geändert.
© Apple

Die Publikation von Strand Consulting hat für Aufmerksamkeit gesorgt. iPhone-Nutzer litten angeblich unter dem so genannten Stockholm-Syndrom. Dies ist ein Phänomen, bei dem sich Geiseln unter bestimmten Umständen mit ihren Geiselnehmer solidarisieren oder Sympathie für sie entwickeln. iPhone-Nutzer würden die Mängel des iPhones zwanghaft schönreden, so die Analogie von Strand.

Keine wissenschaftliche Studie

Im Internet verbreitet sich dieser simple umgangssprachliche Vergleich von Strand als angebliche "Studie", "Forschung" oder wird ähnlich hoch aufgehängt. 'Wissenschaftler' hätten dies herausgefunden. Das iPhone nähme den Nutzer als Geisel. So lauten die wahnwitzigen Interpretationen des Vergleichs, die sich durch Online-Medien ziehen. Diese Autorität steht der Aussage jedoch nicht zu. Es ist lediglich ein Satz aus einem Artikel, mit dem Strand einen Bericht bewerben will. Nichts davon hat einen wissenschaftlichen Anspruch. Der 105-seitige Bericht beschäftigt sich zudem nicht mit vermeintlichen Stockholm-Syndromen oder anderen psychologischen Symptomen. Diese These kommt nur in dem Werbeartikel vor.

Strand Consulting beschäftigt sich bei ihren Beratungen in erster Linie um die Perspektive der Mobilfunkanbieter. MMS sind beispielsweise gut, weil sie Umsatz generieren. Ob die Nutzer stattdessen lieber Bilder auf Facebook, Flickr oder per Mail senden, bleibt unbenommen.

Strand geht es in seinen Analysen um Geschäftsmodelle für die Anbieter, nicht um den Nutzerkomfort. Nicht zum ersten Mal hat das Beratungsunternehmen das iPhone als Aufhänger benutzt, um mit spektakulären Thesen an die Öffentlichkeit zu gehen. 2008 meldeten die Berater, dass das iPhone ein Verlustgeschäft für die Provider sei. Einige Anbieter haben dieser Darstellung öffentlich widersprochen.

Werbung statt Analyse

Dieser neue Artikel will eine psychologische Betrachtung des iPhone-Phänomens sein, so es dieses denn gibt. Er zeigt 20 vermeintliche Kritikpunkte am iPhone und die angeblichen Gegenreaktionen der Besitzer, die sich das iPhone schön reden würden. Mit teils veralteten Argumenten wie fehlenden MMS, Providerbindung oder Rundumschlägen wie "das iPhone ist ein schwaches technisches Produkt in einer schicken Hülle" versucht Strand die skurrile These zu untermauern.

Die Thesen gegen das iPhone sind zum Teil weder aktuell noch für Nutzer relevant.
Vergrößern Die Thesen gegen das iPhone sind zum Teil weder aktuell noch für Nutzer relevant.

Gerade hier zeigt sich die Schwäche der Stockholm-Analogie: Schwache Kritik bringt keinen Rechtfertigungsdruck für iPhone-Nutzer. Nutzern ist es schlicht egal, ob das iPhone kein Java unterstützt (einer der Kritikpunkte). Sie wollen Anwendungen benutzen, keine Laufzeitumgebungen. Der herbeigeredete Konflikt zwischen iPhone-Nutzern und iPhone-Kritikern existiert außerhalb von Internetforen nicht. iPhone-Käufern wissen, warum sie ein iPhone kaufen wollten – ebenso wie auch Symbian- und Android -Nutzer wissen, warum sie sich für ein Gerät entschieden haben. Dass man polemische Kritik an einer eigenen Kaufentscheidung abschmettert, ist menschlich, kein Syndrom, das nur bei Geiseln auftritt.

Zudem ist eine Abwehrhaltung gegenüber überzogener Kritik eine völlig normale Sache. Wer wegen seines Kleidungsstils kritisiert wird, der wird sich ebenso wehren wie der stolze Neuwagenbesitzer, dem der Nachbar sein eigenes, angeblich viel besseres Auto unter die Nase reibt. Strands Aussagen über die Psyche der iPhone-Nutzer sind nicht nur flach, sie reden ein Symptom herbei, das nur in so genannten "Flame-Wars" im Web existiert.

Berechtigte Kritik?

Kritik am iPhone kann sehr berechtigt sein. Dennoch muss man nicht darauf anspringen, wenn eine Pressemitteilung mit Küchenpsychologie und polemischen Vergleichen Aufmerksamkeit generieren will. Die Stockholm-These zum iPhone basiert nicht auf Wissenschaft, sondern ist ein reines Gedankenspiel - mit provokanter Aussage.

Info: Strand Consult

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