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Kommissar iTunes entlarvt Pianistin Joyce Hatto

22.02.2007 | 16:10 Uhr |

Vor anderthalb Jahren meinte der Boston Globe noch: "Joyce Hatto ist wahrscheinlich die großartigste Pianistin der Gegenwart, von der nahezu niemand etwas gehört hat." Im vergangenen Sommer ist Joyce Hatto 77-jährig an Krebs gestorben.

Jetzt entwickelt sich ihr Vermächtnis von 119 Alben zum Skandal in der britischen E-Musik-Szene. Der Vorwurf: Fast alles ist geklaut - und iTunes hat sie entlarvt. Nach einer mittelmäßigen Karriere zog sich Hatto 1976 bereits erkrankt aus den Konzertsälen zurück und produzierte fortan Studio-Alben mit ihrem Ehemann. Doch moderne Techniken der Musikerkennung entlarven das meisterliche Werk nun als Plagiat.

Die Grammophone hat vergangene Woche den Sturm der Entrüstung bei den Klassik-Freunden auf der britischen Insel ausgelöst. Ein Leser der Fachzeitschrift kontaktierte die Redaktion und berichtete Ungeheuerliches : Die zwölf transzendentalen Etüden des Franz Liszt, gespielt von Joyce Hatto, identifiziere sein Computer als eine Aufnahme von Laszlo Simon aus dem Jahr 1987 - zumindest zehn der zwölf Etüden. Die Redaktion stellte einen eigenen akustischen Vergleich an und stellte fest: Beide Aufnahmen klingen identisch. Mehr noch: Der Tipp-Geber ließ eine weitere Hatto-CD von seinem Computer erkennen mit dem Resultat, dass zwei Rachmaninow-Klavierkonzerte nicht der Pianistin, sondern Yefim Bronfman zugeordnet wurden - erschienen bei Sony. Das NewScientist-Blog meldete am Dienstag, Apples Musiksoftware iTunes habe einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet: Das Programm berechnet eine "diskid" aus der Anzahl und der jeweiligen Länge der Tracks und schickt diese dann an die Online-Datenbank Compact Disc Database (CDDB) - und von dort kam die entscheidende Information: nicht Hatto, sondern Simon und Bronfman... Grammophone wollte sicher gehen und holte sich professionelle Hilfe vom britischen Online-Musikhändler Pristine Classical . Tontechniker machten sich auf die Suche nach Ähnlichkeiten und Unterscheidungsmerkmalen - und fanden keine entlastenden Indizien. Pristine Classical ermittelte, dass die Originalaufnahmen - wenn überhaupt - digital verändert worden sind, in der Zeitachse leicht verlängert oder verkürzt worden sind (Timeshift). Die Wellenform stimmt perfekt überein - und die Firma meint, dass kein Musiker ein Stück so genau nachspielen kann, nicht einmal derselbe Pianist. Insgesamt sechs "Fälle" hat Pristine Classical untersucht, stellt auf der eigenen Website auch zahlreiche Hörproben zur Verfügung, bei denen im linken Kanal die angebliche Hatto-Aufnahme zu hören ist - und rechts das Original. Musikliebhaber auf der ganzen Welt haben mittlerweile ihre Computer mit ihren Hatto-CDs gefüttert und kommen zu vergleichbaren Ergebnissen. Unterdessen entwickeln Musikjournalisten Szenarien, wie es zu diesen Plagiaten gekommen sei, darunter Vermutungen , ihr Ehemann und Produzent William H. Barrington-Coupe habe seiner kranken Frau zuliebe Aufnahmen ausgetauscht, um seine vom Krebs auch künstlerisch gezeichnete Gattin besser klingen zu lassen. Der mittlerweile verwitwete Barrington-Coupe weist jeden Vorwurf von sich, ebenso der Ton-Ingenieur der Kite-Studios in Cambridge, in denen das Material gemastert wurde.  

Selbst Detektiv spielen: Titel am Computer erkennen

In den ersten Fällen war es noch relativ einfach, den eigentlichen Urheber zu erkennen, da die Länge der Tracks, also die Länge der zwölf Etüden unverändert war. Bei anderen "Hatto-Produktionen" finden sich den Berichten nach künstliche Pausen am Anfang oder Ende eines Stückes, so dass diese Erkennung wegen manipulierter Titellängen nicht mehr funktioniert. Doch auch hier gibt es aus dem Internet Hilfe: Mittlerweile bieten zahlreiche Dienste eine Musikerkennung anhand eines "akustischen Fingerabdrucks" an, die sehr hilfreich ist, wenn man in der eigenen MP3-Bibliothek aufräumen möchte und dort Einträge hat, bei den Titelnamen und Interpreten fehlen - und eine Abfrage bei den CD-Datenbanken Gracenote und CDDB aus technischen Gründen keine Treffer ergeben. Viele Mac-User kennen das Tool iEatBrainz , eine Freeware, die mittels einer Mustererkennung nach vergleichbaren Einträgen in der MusicBrainz-Datenbank sucht und so Titel identifiziert. Handy-Besitzer kennen möglicherweise den Dienst TrackID oder von O2 den Music Spy. Sie basieren auf dem kommerziellen Gracenote-Angebot Mobile MusicID . Auch das Frauenhofer-Institut, einst Entwickler des MP3-Formates, hat eine Technologie entwickelt zur Erkennung von Musik. AudioID heißt es hier, die Technologie vermarktet M2any , die Windows-Software Magix MP3 Maker hat diese Musikerkennung seit Version 11 integriert. Die Schwarzmaler aus den Feuilletons, die ständig vor den kulturschädigenden Auswirkungen des Internets warnen, können hier erleben, welch beweiskräftige Wirkung digitale Musik in Verbindung mit Online-Datenbanken hat. Es bleibt abzuwarten, ob noch mehr Plagiate über diesen Weg erkannt werden.

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