989556

Kommunikationsforscher: Deutsche Parteien experimentieren im Netz

26.03.2008 | 09:33 Uhr |

Das Internet wird nach dem Vorbild der USA auch in Deutschland zunehmend gezielt als Wahlkampf-Plattform eingesetzt. Das sagt Kommunikationsforscher Jan-Hinrik Schmidt in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

“Die Versuche sind da. Insgesamt muss man aber sagen, dass die meisten Parteien noch in der Experimentierphase sind”, sagte der 35-Jährige, der am Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung als wissenschaftlicher Referent arbeitet.

“Neue Initiativen wie die Video-Botschaft der Kanzlerin oder die Weblogs der SPD in mehreren Bundesländern deuten darauf hin, dass die Nachfrage nach "Netzpolitik" auch bei uns steigt”, erklärte Schmidt. Auf absehbare Zeit dürften Online-Wahlkämpfe jedoch keinen so großen Stellenwert haben wie etwa in den USA. “In der Bundesrepublik ist die Personalisierung noch nicht so stark. Hier stehen die Parteien und ihre Programme weiterhin im Zentrum”, meinte der Soziologe und ergänzet: “Die überregionale Printpresse bleibt trotz aller Probleme stark. Vielleicht ist das Bedürfnis nach Alternativ-Öffentlichkeiten deshalb niedriger als anderswo.” Nur ansatzweise stelle die Blogger-Szene einen “Gegenpol” zu den Angeboten der Massenmedien dar. “Die Debattenkultur bleibt aber in hohem Maß von den etablierten Formaten abhängig.” Schmidt zufolge greifen professionelle Journalisten und Wahlkampf-Manager gleichermaßen auf Weblog-Inhalte zurück. “Zumindest ein Teil der Macht, Themen zu setzen, verschiebt sich so ins Netz.” Eine zunehmend wichtigere Rolle in der politischen Mobilisierung spielten überdies interaktive soziale Netzwerke im Internet (“Social Networks”). Wenn bekannt sei, dass ein Politiker eine eigene Gruppe zum Beispiel beim Internetportal “Facebook” habe, könnten diese Mitglieder zu geringen Kosten angesprochen werden, sagte Schmidt.

Doch werden über das Internet nicht alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen erreicht. “Hier wie dort gilt, dass vor allem junge, höher gebildete und internetaffine Menschen für Online-Wahlkämpfe zugänglicher sind”, sagte der Wissenschaftler. “Wer andere Wählerschichten anspricht, muss sich weiter überlegen, wie er am besten auf die traditionellen Methoden setzen kann.” Unter Umständen könnten sich die neuen Strategien jedoch mehr als Fluch denn als Segen erweisen. “Es passiert schon häufiger, dass das Internet als politische Waffe eingesetzt wird”, berichtete Schmidt. “Selbstproduzierte Videos, die auch beleidigend sein können, bündeln die Aufmerksamkeit stärker als alles andere.” Daher wachse auch die Unsicherheit für die Kandidaten. “Jetzt muss ich noch stärker als früher damit rechnen, dass sich mein Gegner offen gegen mich wendet.” (dpa)

0 Kommentare zu diesem Artikel
989556