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Surface und andere Oberflächlichkeiten

22.06.2012 | 12:16 Uhr |

iPad-Killer oder Ultrabook-Schreck? Wenn es Microsoft schon nicht genau zu wissen scheint, wie sollen es Müller und Woods?

Müller: Woods, sind Sie vor dem Griechen-Spiel heute Abend auch so guter Laune? Das war doch eine prima Woche, erst stellt Microsoft ein Ding vor, das weder Tablet noch Ultrabook ist und kaum zwei Tage später macht der Konzern mit dem offenen Fenster noch eine extra Veranstaltung, um Kunden und Entwicklern Windows Phone 8 näherzubringen. Richtig: Wofür Apple eine große Show ansetzt, die weltweit live übertragen wird, lädt Microsoft zu zwei Pressekonferenzen an unterschiedlichen Orten ein. Und was dabei rauskommt, ist nicht einmal der Rede wert. Wenn ich kalauern dürfte, würde ich ja sagen, das Surface bleibe an der Oberfläche. Und wenn ich zynisch sein darf, würde ich sagen, dass ich mich schon wie ein Schneekönig darauf freue, ein Excel-Dokument mit 100 Spalten, 200 Zeilen, 50 Grafiken und 75 Formeln auf dem Telefon zu bearbeiten. Woods, jetzt legen Sie mal den England-Schal zur Seite und hören auf "God save the Queen" zu grölen...

Woods: Kollege Müller, jetzt schreiben Sie das Ding doch nicht schon ab, bevor es jemand wirklich in den Händen gehalten hat. Ja, die Präsentationen bei Microsoft sollen so durchgestylt sein wie die von Apple und sind dabei doch eher hölzern wie ein Baumhaus. Aber immerhin haben sie wieder einmal nicht auf den Running Gag des Systemabsturzes während der Präsentation verzichtet! Aber dennoch kann es nicht schaden, wenn es endlich mal richtige Konkurrenz bei den modernen Tablets gibt. Anders als bei Smartphones sieht Android bei Tablets ja nur die Staubwolke von iOS. Ein wenig Druck könnte Apple da nicht schaden, wie bei einer echten Turniermannschaft, Müller! Unterschätzen Sie uns Angelsachen nicht! Krumme Beine, kein System und doch überraschend erfolgreich, also wie die Nationalelf zwischen 1982 und 2002!

Müller: Ich würde es ihren Inselkickern ja gönnen, wenn sie die Italiener rausschmissen. Aber es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Engländer nicht gewinnen können . Und damit sind wir wieder bei Microsoft, die können auch nicht mehr gewinnen und träumen von ihrem 1966. In Sachen Phone und Tablet ist der Zug für Microsoft abgefahren und der Konzern hat es immer noch nicht verstanden, dass "Touch" ganz anders geht. Niemand braucht Desktop-Software auf dem Tablet und schon gar nicht auf dem Smartphone. Und als Ultrabook ist das Surface reichlich klobig, kein Vergleich zu dem schlanken und eleganten Macbook Air, an das kein Samsung, Lenovo, Asus oder Microsoft je heranreichen wird. Das einzige, was mir an dem Surface gefallen hat, ist die in die Hülle integrierte Tastatur. Praktisch, wenn man doch mal eine braucht. Aber die Farben bringen wieder reichlich Minuspunkte ein, so schlimm waren zuletzt die Trikots des VfL Bochum in den Neunzigern . Nein, Woods, Apple hat nichts zu befürchten, vor allem dann nicht, wenn sie mit dem Retina-Macbook mal so eben die Zukunft des Notebooks neu definieren.

Woods: Hachja, die Engländer haben immer noch die verquere Denke vom "kämpfen und arbeiten" statt von schöner Technik und cleverem System – ein bisschen wie ein klobiger Medion-Laptop von 2006 im Vergleich zu einem Macbook Air. Für überzogen halte ich übrigens auch den Hype um das Retina-Macbook . Toll, ein wirklich schickes Display! Aber was soll der ganze Rest, bitteschön? Jetzt werden vermeintliche Pro-Anwender zu iPad-Nutzern degradiert : Erst einmal auf angepasste Software warten, nicht aufschrauben, nicht aufrüsten und wenn mal ein kleines Bauteil nach der Garantiezeit kaputt geht, kann man gleich den ganzen Rechner tauschen! Wenn das die mobile Zukunft bei mobilen Macs ist, dann finde ich den Medion-Laptop plötzlich aber doch wieder ein wenig sympathisch – wie ein glückliches Stolpertor am Ende eines furchtbaren Spiels!

Müller: Woods, nun malen Sie mal nicht den Teufel, beziehungsweise den Gekas, an die Wand! Gut, dass sich unsere Branche klar vom Fußball unterscheidet: Der überlegene Spielansatz setzt sich am Ende durch. Und so muss man auch das Macbook Pro Retina verstehen, denn es ist nichts weniger als das in der Gegenwart gelandete Notebook der Zukunft! Wer braucht noch einen DVD-Brenner? Oder angesichts allgegenwärtiger WLANs noch einen Ethernet-Anschluss? Warum sollte man nicht die uralte Firewire-Backupfestplatte gegen ein neueres Modell austauschen, bevor das Laufwerk mit der Systemsicherung den Geist aufgibt? Und Überhaupt: Apple verkauft keine Hardware, sondern Lösungen. Mir ist es egal, wenn ich im Apple Store ein wiederaufbereitetes Gerät anstatt meines in der Garantiezeit kaputt gegangenen iPad oder Macbook Pro bekäme. Und wenn ich danach unbedingt einen neuen Akku will, sind die 200 Euro Kosten lächerlich zu denen für eine Neuanschaffung. Wobei: Wenn die Preise für das Macbook Pro Retina ebenso schnell fallen wie jene für das Macbook Air, dann ist das in drei bis vier Jahren auch kein Argument mehr.

Woods: Da haben wir wieder die alte Kundenphilosophie, dass man sich dem Apple-Universum halt einfach völlig unterwerfen und anpassen müsse, damit alles richtig toll funktioniert (Die alten Diskussionen: "Ja, das geht wirklich NUR mit iTunes!"). Eine tolle "Lösung" ist das! Das Macbook Pro sollte doch eigentlich Werkzeug für Profis sein, bei denen der Laptop nur ein kleiner Teil des Arbeitsplatzes ist und nicht Spielzeug für Konsumenten. Ach, ich reg' mich schon wieder auf. Ich sehe das "Pro" beim Retina-Macbook ungefähr so wie das "4G" beim iPad 3 . Klingt gut, hat für die meisten Käufer aber keine Bedeutung, nicht wahr, Müller?

Müller: Woods, jetzt übertreiben Sie aber! Was kann denn Apple dafür, dass sich der Rest der Welt nicht an die Funkfrequenzen Nordamerikas hält und seine Netze dennoch als "4G" bezeichnet? Soll Apple etwa in jedem Land einen anderen LTE-Funkchip einbauen? Aber auch hier wird die Zeit helfen, Chip-Hersteller wie Qualcomm werden es sich nicht mehr leisten können, ihre Module nur auf ein Frequenzband auszurichten, das weltweit "4G" funkende iPad wird so kommen wie das weltweit einheitliche iPhone, das CDMA und GSM gleichermaßen versteht. Beim "Pro" ist es doch genau gleich: Profis sind nicht nur Fotografen, Videocutter und Layouter, sondern auch Journalisten, Buchhalter, Toningenieure und Lehrer setzen das Macbook Pro als Arbeitsgerät ein. Die paar enttäuschten Fotografen sollen sich nicht so aufregen , das Macbook Pro gibt es nach wie vor ohne Retina, Updates für Photoshop und Co sind nur ein Frage der Zeit und die Kosten für neue Kalibriersysteme können sie von der Steuer absetzen - was ein Griechischlehrer wahrscheinlich nicht könnte, sofern das Finanzamt aufmerksam und sachkundig prüft.

Woods: "Welt-LTE"-Chips gab es doch schon lange vor dem iPad 3, Kollege Müller. Genau so wie es schlanke Macbooks "ohne alles (und leider auch ohne scharf)" schon vor dem Retina-Dings gab: das Macbook Air. Und was war das Air bisher? Der klassische Zweitrechner! Bald werden nach Apples Wunsch aber wohl alle Macbooks dem Vorbild des Retina-Pros folgen. Wie viel Wert Apple auf "Pro" legt, haben wir ja beim gleichnamigen Mac-Modell gesehen. Fast zwei Jahre keine Änderung und dann gibt es neue Prozessoren – ach nein: etwas schnellere, zwei Jahre alte Prozessoren! Aber hey: dafür hat Apple jetzt neue iPad-Hüllen !

Müller: Sagen Sie nichts gegen die iPad-Hüllen! Obwohl: Hatte ich weiter oben nicht erwähnt, dass ich die in die Hülle integrierte Tastatur des Surface pfiffig finde? Dafür kann Apple Farben. Und warum hat Apple den Mac Pro nicht weiter erneuert? Weil die Maschine schon perfekt ist! Schauen Sie mal nach links: Unter dem Schreibtisch der Kollegin Kubiv werkelt ein Mac Pro aus dem Jahre 2007! Und die Besitzerin arbeitet wesentlich schneller, effizienter und korrekter als wir zwei beide! Das kann ja nur am Rechner liegen! Ich bin mal gespannt, was für ein großartiges Gerät Apple da in Arbeit hat, das den perfekten Mac Pro noch perfekter machen soll. Vielleicht ist er ja zu 100 Prozent aus biologisch abbaubarem Material gefertigt?

Woods: Leider ist mit Mountain Lion finito bei vielen "betagteren" Mac Pro, auch mit eben jenem. Bei Apples Minimalisierungswut kann ich mir vorstellen, dass der nächste Mac Pro einfach ein Mac Mini mit Core-i7 wird… Aber heute ist erst einmal das "Griechenschland"-Spiel entscheidend. Ihr Tipp, Müller?

Müller: Das ist der Grund warum die Leute beim Fußball und uns beim Streiten zusehen: Man weiß nie wie es ausgeht…

Woods: Ist doch klar: 1:0 durch ein glückliches Tor durch Müller (den anderen!) in der 92. Minute!

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