1454025

Kontrovers: Mountain Lion - Eine Frage von Sicherheit und Freiheit

24.02.2012 | 15:30 Uhr |

Apple erhöht seine Schlagzahl bei der Veröffentlichung von Betriebssystemen. Müller freut sich über den großen Wurf Mountain Lion, Woods ist skeptisch. Das ist aber nicht nur bei OS X 10.8 der Fall…

Mountain Lion: Notizen
Vergrößern Mountain Lion: Notizen

Müller: Woods, da habe ich gerade noch einmal Glück gehabt! Mein iMac Baujahr 2007 verträgt den Mountain Lion, wenn ich auch schon für Lion den Arbeitsspeicher auf die maximal möglichen 4 GB erhöhen musste. Jetzt bekomme ich aber endlich ein Betriebssystem, das den Anforderungen einer über iCloud zusammenwachsenden Systemwelt gerecht wird. Denken Sie nur: Apps wie Kalender, Notizen oder Nachrichten heißen auf Mac und iPad endlich gleich und gleichen ihre Inhalte ab! Die Mitteilungszentrale bündelt alle wichtigen Informationen zu System und Programmen! Und dank Gatekeeper und Sandboxing muss ich keine Sorgen mehr haben, dass irgendeine Malware mir den Tag versaut. Woods, ich kann es kaum erwarten!

Woods: Werter Kollege Müller, Sie benehmen sich wie ein überoptimistischer Wirt und machen ja gleich ein halbes Dutzend Fässer gleichzeitig auf! Dass OS X - den "Mac" erwähnt Apple ja ganz verschämt nicht mehr - jetzt optisch näher an iOS rückt: von mir aus. Die neue "Nachrichten-App" lasse ich mir auch gerne gefallen, endlich gibt es zeitgemäßes Messaging - wenn auch nur innerhalb des iOS-Mikrokosmos’. Apples Systemvoraussetzungen sind allerdings eine "gscheite Watschn", wie Sie als Bayer sagen würden (oder so ähnlich). Selbst die weißen Macbooks von 2008 und das erste Macbook Air sind jetzt nach Apples Maßgaben nur noch Elektroschrott. Da rächt es sich wohl, dass Apple bei den Grafikprozessoren so geizig ist und auf einfachste Komponenten setzt. Und das finden Sie toll?

Müller: Woods, warum sollte auf einem über vier Jahre alten Einsteigerrechner das aktuelle System laufen? Das war noch nie der Fall und so weit wird es auch nie kommen. Apple schützt sich da nur selbst - die Anwendererfahrung mit Mountain Lion wäre auf Ihrer alten Mühle wirklich nicht mehr Apple-like. Also, denken Sie besser über einen neuen Rechner nach, wenn Sie all die Sicherheitsfunktionen von Mountain Lion nutzen wollen. Stellen Sie sich vor: Da sitzt tief im Inneren des Systems ein Türwächter, der übelmeinenden Apps ganz klar sagt: "Du kommst da ned’ rein!" Und wenn Sie noch ein wenig mehr Sicherheit wollen, dann stellen Sie Ihren Gatekeeper auf "Nur Mac App Store" ein, dank Sandboxing heißt es dann auch: "Du kommst da ned raus!" Das ist eine schlechte Nachricht nur für Hersteller von Sicherheitssoftware. Aber die haben seit jeher auf dem Mac einen schlechten Stand.

Woods: So drastisch war der Systemschnitt bisher nur selten, Kollege. Aber sei es drum. Ich will gar nicht den ollen Ben Franklin bemühen, aber jeder weiß, dass Sicherheit und Freiheit in einem engen Spannungsverhältnis zueinander stehen. Gehören Sie eher zu den Menschen, die sich gerne einsperren lassen, nur um sich sicherer zu fühlen? Selbstverständlich kann es unter Umständen prima sein, wenn man Opa einen Rechner hinstellen kann, diesen abriegelt und so viele potenzielle Probleme vermeidet. Aber dass der "freundliche" Gatekeeper schon in den Standardeinstellungen nur Software aus dem Mac App Store oder von Apple zertifizierte Programme zulässt… das ist tatsächlich ein Käfig, gülden ist der aber nicht, riecht eher nach Stall. Auf der anderen Seite sind Zertifikate grundsätzlich prima. Die Programme laufen nicht durch die App-Store-Kontrolle, unterliegen nicht den Store-Einschränkungen, sind aber in der Theorie vertrauenswürdiger als andere Software. Mir gefällt aber die grundsätzliche Tendenz nicht. Im nächsten Schritt wird Apple dann womöglich nur noch Mac-Apps und zertifizierte Programme auf Macs lassen. Damit fielen viele Programme einfach weg. Wäre Ihnen dies Ihre vermeintliche Sicherheit wert, Herr Kollege?

Müller: Aber sicher doch, Woods! Klar, würden große Hersteller von sündteuren Programmen erst einmal die Muskeln spielen lassen und auf stur stellen - dabei müssen sie aber aufpassen, dass nicht die Mac-Anwender ihnen den Rücken kehren, weil sie feststellen, dass es auch prima ohne Office CS 2014 for Mac geht. Was unter Umständen eine Wohltat wäre, denn wenn Software zickt und beim kleinsten Husterer abstürzt, sind es meist die Programme für Büro- und Designarbeiten. Ich persönlich kenne kaum einen Anwender der genannten Produkte, der nicht nach jedem Absatz oder Arbeitsschritt die Tastenkombi Befehl-S betätigt. Dank Autosave und Versions werden sich da aber immer mehr Mac-Anwender abgewöhnen - und beim nächsten Gebrauch der teuren aber sperrigen Software begeistert feststellen, dass schon wieder die Arbeit einer halben Stunde über den Jordan gegangen ist. Nein, Woods, Sicherheit und Freiheit gehören zusammen: Nur die Freiheit von schlechter Software gewährleistet die Sicherheit bei der Arbeit! A propos Arbeitssicherheit: Haben Sie die schicken Fangnetze in Shenzen gesehen?

Woods: Nicht nur große Hersteller aufgeblasener Software hätten Probleme, ein Apple-Zertifikat zu bekommen. Auch so gut wie alle Open-Source-Projekte, die ich für den Mac kenne, sind nicht gerade die reinste Xcode-Lehre und deshalb kaum für Apples Zertifikate geeignet, sehr schade! Sie haben ja schon ein Stück weit Recht, es wird vielen Nutzern sicherlich gefallen, wenn es einheitliche Funktionen wie Versions oder iCloud-Sync gibt. Aber da gehen die Verpflichtungen schon los: iCloud ist nur Mac-Apps gestattet, denen durch Apples Einschränkungen viele Funktionen fehlen. Ich will keinen Computer haben, auf dem statt "Software" nur einfache "Apps" laufen. Ich will die Wahl haben, auch auf lange Sicht!

Ja, die Foxconn-Reportage , das hat Ihnen bestimmt gefallen, Müller: Fleißige Arbeitsbienen, die im Akkord Hunderttausende Apple-Gadgets am Tag zusammenkleben! Die grundsätzlichen Arbeitsbedingungen sind für chinesische Mega-Manufakturen im Verhältnis vermutlich nicht einmal schlecht. Aber wie würde es Ihnen eigentlich gefallen, wenn Ihr Büronachbar (das bin ja ich!) den ganzen Tag "okay, okay, okay, okay" rufen würde, wie die Roboterstimme der Foxconn-Maschinen? Für einen armen Arbeiter vom Lande sind die 350 Dollar Lohn sicherlich viel Geld. Diese gigantischen Fabriken mit Hunderttausenden Angestellten sind in meinen Augen aber doch Symptome von übertriebener Effizienz: In der Fabrik arbeiten, essen, wohnen, leben. Kaum Urlaub, lange Arbeitszeiten. Apple könnte hier noch viel mehr für das Image seiner Produkte tun, selbst wenn dies wenige Dollar Gewinn pro Gerät kosten sollte. Das fänden Sie doch sicher auch in Ordnung, Müller? Okay, okay, okay, okay?

Müller: Okay, das wäre in der Tat in Ordnung. Nur vergessen Sie alter Populist dabei Wesentliches: Erstens zahlt Apple jetzt schon mehr als andere Auftraggeber der gleichen Arbeiter und zweitens würde ein zu großer Lohnunterschied nur zu Unruhen führen. Gleiche Löhne für gleiche Arbeit sollte das Prinzip sein, es ist leider aber kaum zu erwarten, dass Sony, Dell, Microsoft und all die Anderen auch ihre Schatulle öffnen wollen. Das ist die Krux des Wirtschaftssystems, das Kapital sucht sich nun einmal die größten Renditemöglichkeiten. Mit steigendem Wohlstand und Lohnniveau in China wird es den Elektronikherstellern dann irgendwann einmal dort zu teuer, die nächsten Niedriglohnländer stehen schon Schlange. Sie glauben ja wohl nicht im Ernst, dass Apple trotz seiner immensen Barreserven sich von heute auf morgen von einem profitorientierten Unternehmen in eine wohltätige Stiftung wandelt? Aber ich nehme Cook und Konsorten ihre Versprechungen ab, sich mehr als andere Branchengrößen um das Wohl ihrer Mitarbeiter zu kümmern. Da hat Apple jetzt in München die besten Chancen, erneut Vorreiter zu sein . Ich bin schon mal auf die Lärmschutzmaßnahmen im Apple Store gespannt. Vielleicht sollte man dort wie in anderen Kirchen nur noch ehrfürchtig flüstern?

Woods: Populär heißt das Wort, das Sie sagen wollten, po-pu-lär! Herr Müller, bei hochpreisigen Produkten sind die Produktionsbedingungen kein unwichtiges Kriterium für die Käufer, man will ja auch einen ordentlichen Gegenwert bekommen und kein gefühltes Billigprodukt aus Billigfabriken. Wäre ja nicht Apples Problem, wenn die Xbox-schraubenden Arbeiter dann auch angenehmere Arbeitszeiten haben wollten. Für den Apple Store wird sich das Unternehmen sicherlich etwas Gutes einfallen lassen. Mit Kontrollen und Einschränkungen kennt man sich ja aus. Vielleicht gibt es dann Türsteher, die immer nur zehn Teenager, die iPads betatschen wollen, gleichzeitig reinlassen. Da konnte ja auch niemand mit rechnen, dass lauter Touristen und Schüler den Laden bevölkern, wenn man ihn mitten in der Altstadt eröffnet, nicht wahr? Aber ernsthaft: Sehen Sie Herr Müller, nicht nur in China muss Apple offenbar etwas für die Menschen tun, die für sie arbeiten. Mal ganz etwas anderes: haben Sie heute eigentlich schon eine E-Mail bekommen? Mein iPhone ist so verdächtig stumm. War da nicht was mit einem Patenturteil, Müller?

Müller: Woods, jetzt, wo sie es sagen, fällt mir tatsächlich auf, dass mein iPhone schweigt und mir keine E-Mails mehr pusht . Da könnte ich mich aber so etwas von darüber aufregen, dieses ewige Hin und Her in Sachen Patente! Die Dinger waren doch an sich dafür gedacht, Erfinder für ihre geistige Arbeit zu vergüten und nicht, um mit ihnen zu handeln oder in den Wettbewerb mit Unterlassungserklärungen und Verkaufsverboten einzugreifen. Ja, spinnen die den alle? Ich glaube, wir brauchen endlich Gesetze, die einen vernünftigen Umgang mit geistigem Eigentum regeln und keine geheimniskrämerischen Paragraphenreitereien wie Acta , Sopa und Pipa. Es muss doch möglich sein, auch hier und beim Datenschutz gleichermaßen Freiheit und Sicherheit walten zu lassen!?

Woods: Ja, ich glaube, die spinnen alle. Apple wollte sich mit banalen Fingergestenpatenten die iPhone-Konkurrenz vom Leibe halten und Motorola schreckt jetzt nicht einmal mehr davor zurück, auch mit Patenten auf die Jagd zu gehen, die eigentlich Teil von standardisierten Techniken sind und deshalb auch von der Konkurrenz genutzt werden dürften. Sogar Microsoft stellt sich jetzt an die Seite von Apple und will dies verhindern. Gewinner sehe ich dabei keine. "Erst wenn das letzte Smartphone ein Verkaufsverbot erhalten hat, werdet Ihr merken, dass man Patentklagen nicht verkaufen kann" - das haben schon die alten Indianer gesagt, zumindest so ähnlich! Beim Datenschutz scheint Apple ja langsam zu lernen . Wirklich langsam und nur durch Schmerzen , aber wenn man ganz genau hinsieht, dann kann man so etwas wie Bewegung erkennen. Ganz ähnlich wie bei der Bayern-Abwehr!

Müller: Woods, andante! We don’t talk about future Abwehrspieler!

Woods: Man muss einfach nur wissen, wann man verdient verloren hat, Herr Müller!

0 Kommentare zu diesem Artikel
1454025