1378847

ARM, HiDPI und die Schatten von morgen

10.02.2012 | 10:43 Uhr |

Erneut verstreicht eine Woche ohne neue Hardware von Apple, dabei ist es doch höchste Zeit für Innovationen. Was in dieser Woche aber alles öffentlich wurde, lässt auf spannende Produkte in naher Zukunft schließen. Müller und Woods gehen mit unterschiedlichen Erwartungen in die kommenden Wochen…

Müller: Woods, nachdem das mit der Zeitmaschine und dem nachträgliche Kauf von Apple-Aktien zu Preisen um zehn Dollar das Stück nichts mehr wird, habe ich eine andere Anlegestrategie entwickelt. Ich kaufe jetzt ARM! Nein, ich kaufe mich dabei nicht arm, sondern investiere in den britischen Chip-Designer ARM, dessen Aktienkurs bald durch die Decke gehen wird. Nicht nur sind in iPad und iPhone zahlreiche Prozessoren der ARM-Architektur verbaut, jetzt bereitet Apple auch noch den Mac auf den nächsten Plattformwechsel vor, wie eine niederländische Diplomarbeit beweist . Die Frage ist nur, Woods, soll ich mein komplettes Vermögen in ARM-Anteile umwandeln oder doch auch noch die eine oder andere Apple-Aktie zu Preisen knapp unter 500 Dollar erwerben?

Woods: Kollege Müller, ich möchte Ihre Euphorie ja nicht unbedingt bremsen, aber nehmen Sie einen Rat an? Leihen Sie sich für diese ambitionierten Investitionspläne bitte wenigstens kein Geld bei einem "Investor" aus dem Bahnhofsviertel, ok? Ich weiß nicht, sollte Apple wirklich so naiv sein und strategische Projekte an Studenten vergeben, deren Abschlussarbeit anschließend ja bekanntlich veröffentlicht werden muss? Das war doch nur eine Fingerübung, ein Einstellungstest. Der junge Mann hat bewiesen, dass er etwas kann und arbeitet jetzt bei Apple. Das OS X für ARM-Geräte gibt es doch bereits: es heißt iOS. Glauben Sie wirklich, Müller, dass Apple seine Prozessorarchitektur so oft wechselt wie der englische Fußballverband seinen Nationaltrainer?

Müller: Woods, nun mal langsam. Die Football Association (FA) hängt immer noch der Vergangenheit nach, außer 1966 haben die nichts, an das sie sich klammern können. Apple hingegen ist an der Zukunft orientiert, und die ist mobil! Das war schon 2005/2006 so, als Apple den PowerPC durch Intel-Chips ersetzten, die mehr Leistung bei weniger Energieverbrauch versprachen und das auch zu halten wussten. Aber es gibt ja noch manche Apple-Fanboys von damals, die vom Powerbook G5 träumen wie ein englischer Fußball-Fan von einem gewonnenen Elfmeterschießen. Damals hatte Apple IBM unter Druck gesetzt, und als sich Big Blue nicht bewegte, den Wechsel zu Intel gewagt. Das gerät nun seinerseits unter Druck, seine Atom-Chips erweisen sich für Tablet, Smartphone und Co. bisher eher als Rohrkrepierer. Und wenn die ARM-Plattform in zwei bis drei Jahren erst einmal so weit ist, mit Intels Notebookchips vergleichbare Prozessoren zu bringen, wird Apple Intel den Laufpass geben und zunächst Macbook Air mit seinen eigenen Prozessoren bestücken, von ARM in Großbritannien lizenziert, von der eigenen Chipschmiede, die aus PA Semi hervorgegangen ist, konzipiert und von einem Auftragsnehmer in Fernost produziert. Das ist die Zukunft! Oder wollen Sie etwa einen hochauflösenden iMac Touch, der ihnen die Finger verbrennt, weil der Intel-Chip darin mehr Wärme erzeugt als ein Küchenherd?

Woods: Ach, seit dem Achtelfinale der vergangenen WM (Lampards Phantomtor) sollte Wembley `66 doch eigentlich kein Thema mehr für deutsche Fußballfans sein, oder? Bei einem Macbook Air mit zukünftigen ARM-Generationen kann ich Ihnen ja sogar noch folgen. Aber fragen Sie mal die Software-Entwickler, die jedes Mac-Programm neu kompilieren müssten - und dann die Nutzer, die meckern, weil viele gewohnte Programme aufgrund dessen nicht für ARM-Macs angepasst werden. Davon abgesehen: was ist mit dem iMac und dem Mac Pro? Da reicht es doch nicht, wenn die Hardware HD-Filme flüssig abspielen kann und für Textverarbeitung oder Präsentationen ausreicht. Da muss richtig Leistung rein und dafür ist die auf Energieeffizienz getrimmte ARM-Architektur die ganz falsche Baustelle. Wer mit seinem Mac Geld verdienen muss, der ist darauf angewiesen, dass Renderingaufgaben zügig abgearbeitet werden. Auf das letzte Milliwatt Leistungsaufnahme kommt es da nicht an. Und am mutgemaßten "iMac Touch" können Sie sich schön alleine einen Tennisarm holen! Touchbedienung ist prima für Handhelds. Auf dem Schreibtisch ist ein abstraktes Zeigegerät deutlich ergonomischer. Gerne auch als Zwischenlösung in Form des Magic Trackpads. Aber Sie wollen ja immer "neu, neu, neu" und "anders, anders, anders". Wie ein Kind auf der Schaukel, Kollege: "höher, höher"!

Müller: Citius, fortius, altius! Sie haben endlich verstanden, worauf unsere Wirtschaft aufgebaut ist! Deshalb hat Apple schon das nächste Unterscheidungsmerkmal in Sachen Mac diese Woche fertig gestellt: HiDPI . Das ist dann quasi Retina-Display auf dem Macbook, iMac oder Mac Mini. Da sehen die Konkurrenzgeräte wieder alt aus, wenn Apple ein Macbook Pro bringt mit einer noch nie dagewesenen Display-Auflösung. Und wer nicht die Geduld hat, auf den Apple-Fernseher zu warten, kann jetzt seinen Mac Mini an den HDTV hängen und dort endlich mit Maus und Trackpad klar kommen. Touchbedienung ist für das Fernsehgerät nun einmal nicht das Gelbe vom Ei. Ich spüre Großes kommen, Woods, das nächste iPad ist ja nur noch eine Frage der Zeit. Mit viermal so viel Pixeln wie bisher könnte man das Ding sogar an die Wand hängen und damit fernsehen! Vielleicht sollte ich doch nicht so viele Aktien kaufen, sondern eher die Apple-Neuheiten, die wir im März erwarten dürfen. Ich bin schon ganz aufgeregt!

Woods: Da ist wieder dieses beängstigende Leuchten in Ihren Augen, Kollege Müller! Durchatmen, zunächst einmal ist dieses HiDPI nur eine angepasste Nutzeroberfläche für Nutzer, die den Mac an einen Fernseher anschließen. Apple arbeitet ja ohnehin schon länger daran (mehr oder weniger engagiert), dass die Oberfläche von OS X unabhängig von Auflösungen skalieren kann. Dies scheint mir ein weiterer Schritt in diese Richtung zu sein. Wenn man möchte, kann man dies sicherlich als Schritt in Richtung "Retina-Mac" herbeiinterpretieren. Am Fernseher sind die neuen HD-Icons ja nur dazu da, um größer dargestellt zu werden, nicht schärfer. Ich muss mal wieder den Meckerzausel machen: Ohne den Betrachtungsabstand zu berücksichtigen, sind alle Spekulationen wertlos. Bei den meisten Rechnern reicht die DPI-Zahl von Macs schon, um die Sehkraft der Nutzer auszuschöpfen. Für uns als Textarbeiter wäre ein Retinadisplay eventuell eine hübsche Sache. So lange Apple aber keinen 40-Zoll-iMac herausbringt (ich bring Sie noch auf neue Ideen…), hat eine noch höhere Auflösung meiner Meinung nach nur geringe Auswirkungen. Und da Apple ja gerne dazu neigt, Grafikchips zu nutzen, die selbst für Discounter-PCs schon zu alt und schwach sind, tun sich durch höhere Auflösungen noch ganz neue Probleme auf. Bevor wir hier von fernen Produkten träumen, sollte Apple zunächst einmal dafür sorgen, dass es überhaupt noch Produkte zu kaufen gibt und nicht eines Tages die halbe Produktpalette per Patent-Gerichtsentscheid wegverboten ist, Kollege! Apple war so leichtsinnig, den anderen Mobile-Herstellern den Patent-Burgfrieden aufzukündigen und kassiert jetzt selbst Ohrfeige um Ohrfeige.

Müller: Woods, das ist eben das Vermächtnis von Steve Jobs, der Google gerne den "thermonuklearen Krieg" erklärt hätte. Die Rechnung geht für Apple aber bisher auf, die kolportieren 100 Millionen US-Dollar, die Apple bisher für den Patentstreit aufgewandt hat, sind für Apple Peanuts. Aber Apple Legal beschäftigt nicht nur die Anwälte der Gegner, sondern auch die Designabteilungen. Während also Samsung sein Galaxy Tab umbaut, entwickelt Apple sein iPad ungestört weiter. Und das, was Sie Ohrfeigen nennen, sind in Wirklichkeit nur Verhandlungen. Mit jeder Entscheidung für Motorola steigt der Preis für Lizenzen, mit jeder für Apple fällt er. Irgendwann werden sich die Parteien einigen und die baldige Google-Tochter Motorola kann prima von den paar Prozent Beteiligung an Apples iOS-Umsätzen leben und muss keine eigenen Handys mehr bauen. Microsoft verdient an Lizenzen für Android auch schon prächtig, was vielleicht erklären könnte, das Windows-Handys nicht in die Puschen kommen. Apple hat aus der Vergangenheit gelernt: Hätte Sculley nach Steve Jobs Ausscheiden im Jahr 1985 das geistige Eigentum Apples ebenso vehement verteidigt, wäre niemals das Wort "Softwareriese" zum Synonym für "Microsoft" geworden.

Woods: Iiih, Sie haben "geistiges Eigentum" gesagt. Das Wort hört man doch sonst nur auf Verlagskongressen!? Davon abgesehen: Ich bin mir nicht sicher, ob die aktuelle Patentpolitik der Hersteller noch zukunftsfähig ist. Selbstverständlich sollte man bahnbrechende Techniken schützen können, aber Zankerei um triviale Designs und nahe liegende Lösungen bringen doch niemanden voran und gerade das ist Ihnen doch so wichtig, Herr Müller. Fingerbewegungen auf einem Touchscreen, die eins zu eins vom Buch-Umblättern übernommen sind - als Patent? Dass nur das iPad aussehen darf wie ein Gerät, das nur aus Bildschirm besteht, halt aussieht? Ernsthaft? Hersteller haben immer schon neue Ideen gehabt UND gleichzeitig sinnvolle Konzepte anderer Hersteller übernommen. Microsoft hat für Windows viel bei Apple abgeschaut, Apple hat dafür einige Dinge wie das Dock oder den Programmumschalter (Befehl + Tab) von Windows "gelernt". Oder die Benachrichtigungszentrale in iOS 5 nach dem Android-Konzept, oder… Das war nie ein Problem. Bis Apple im großen Patentsandkasten das erste Förmchen geworfen hat…

Müller: …bis einer weint! Nein, die Patentstreitigkeiten sind nicht kindisch, sondern strategisch wichtig und ernähren hunderte von Anwälten! Wir leben nicht in Utopia, Woods, das sollten Sie begriffen haben. Apple ist ein profitorientiertes Unternehmen und nicht die Heilsarmee. Also wird Apple seine Innovationen weiter vehement schützen. Und wie ich schon gesagt habe: Die Gerichtsverhandlungen lenken zudem von den wirklich wichtigen Dingen ab. Während in Villabajo noch verhandelt wird, wird in Cupertino schon weiter entwickelt. Als nächstes macht sich Apple von seinen Zulieferern unabhängig, dann kann Samsung endgültig einpacken. Mit PA Semi hat sich Apple vor einigen Jahren eine eigene Chipherstellung geleistet, mit Anobit kauft Apple das Know-how für Flash-Speicher ein. Seine Barreserven hat Apple in Displayhersteller investiert, damit 60 Millionen und mehr iPads im Jahr überhaupt zu produzieren sind. Und wenn sich Apple nicht nur dumm, sondern dumm UND dämlich verdient hat, kauft Tim Cook Nokia auf und lässt die Finnen wieder Gummistiefel produzieren - in Asien, Rumänien, Bochum und an sich überall. Das wird nämlich das Killerprodukt für die zweite Hälfte des Jahrhunderts, wenn die Holländer und andere Küstenbewohner wegen des Klimawandels nasse Füße bekommen!

Woods: Herr Müller ich mache mir Sorgen, waren Sie zufällig in der Küche an dem aromatischen Kräuter-Beutelchen, auf dem "Oregano" steht? Da war nämlich…ähm, sehr starker Oregano drin! Wie Sie schon ganz richtig sagen: Apple sollte sich lieber auf Innovationen und gut durchdachte technische Lösungen konzentrieren. Das können sie, damit haben Sie sich ihr Image erarbeitet. Bei einem Kampf "jeder gegen jeden - wegen allem" kann es dagegen nur Verlierer geben, das gilt auch für die Nutzer. Die Klagerei ist teuer, wird durch immer höhere Lizenzforderungen nur noch teurer und wirkt außerdem ziemlich unsympathisch. Irgendwann wird Apple nur noch als "Rechtsabteilung mit angeschlossenem Hardwareverkauf" gesehen. Außerdem kämpft Apple auf dem Patentsektor im Vergleich zum Mobilfunk-Pionier Motorola mit relativ stumpfen Waffen. Die haben sich schließlich nicht nur Usability-Patente, sondern handfeste Grundlagentechnologie gesichert. Wenn dieser Patentpool auch noch an Google gehen sollte, wird es teuer für Apple. Oder wie es im Gangsterfilm "Die Unbestechlichen" so schön heißt: "Der kommt mit’m Messer zu ner Schießerei!"

Müller: Woods, Sie wissen aber schon, wie jene Schießerei ausgegangen ist? Sehen Sie sich das in Ruhe an , ich nehme noch etwas, ähh, Oregano zu meinen Spaghetti…

Woods: Kollege Müller, das ist doch nur ein Kratzer! Aber okay, mit Ihrem übernatürlichen Gedächtnis haben Sie mich kalt erwischt!

0 Kommentare zu diesem Artikel
1378847