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Kontrovers: Treffen sich zwei Entwickler…

27.04.2012 | 15:22 Uhr |

Das jährliche Treffen der Apple-Entwickler steht an, ein Grund zur Freude für Müller. Da aber Tickets für die WWDC ebenso schwer zu bekommen sind wie solche für das Finale dahoam, entwickelt sich mal wieder eine spannende Kontroverse mit Woods.

Müller: Woods, sind Sie auch schon so aufgeregt wie ich? Endlich steht fest, dass Apple die WWDC 2012 vom 11. bis 15. Juni abhält und Entwicklern sowie Normalverbrauchern erzählt, welche bahnbrechenden Neuerungen in iOS 6 kommen und wann denn genau Mountain Lion in den Handel kommt. Unsere Kollegin Kubiv ist sogar der Ansicht, dass am 11. Juni ab 10 Uhr Ortszeit in San Francisco Tim Cook, Phil Schiller und die anderen auch neue Macbooks vorstellen. Woods, das ist ja beinahe besser als das Finale dahoam! Meint Frau Kubiv auch, wobei die am 11. Juni ja lieber die EM bei sich dahoam anschaut - live im Stadion. Wir sind dann aber live im Moscone Center! Woods, buchen Sie schon mal gleich Flug, Hotel und WWDC-Ticket!

Woods: WWDC, endlich! Ich dachte ja schon, Apple hätte vor lauter Projekten ganz vergessen, dass es da ja traditionell diese kleine Entwicklerkonferenz gibt, die man sonst immer im Sommer abhält. Aber anscheinend wollte Apple die treuen Softwareentwickler einfach nur etwas ärgern. Geärgert haben sich wohl auch die amerikanischen Developer. Wissen Sie, wie spät, beziehungsweise früh es in Kalifornien war, als die WWDC angekündigt wurde? Fünf Uhr morgens! Und nach zwei Stunden waren alle Tickets weg. Kein Wunder, dass es auf Twitter jede Menge bitterer Witze darüber gab und die US-Entwickler allen Europäern viel Spaß auf der WWDC wünschen. Wir waren die einzigen, die da schon wach waren. Nachträglich ein Ticket kaufen geht auch nicht, denn man kann die WWDC-Eintrittskarten nicht mehr übertragen. Da greift so mancher zu verzweifelten Mitteln . Kein überteuerter Schwarzmarkt mehr, aber selbst für Firmen wird es jetzt schwierig, wenn der Ticketbesitzer doch nicht nach San Francisco fliegen kann. Ansonsten ist die WWDC natürlich eine ganz großartige Veranstaltung mit Tausenden netten Leuten aus aller Welt, jeder Menge Veranstaltungen und das in der schönsten Stadt der USA… oh, ich glaube, ich habe schon 41 Grad Reisefieber - so wie Sie Finalfieber haben. Was ist eigentlich unwahrscheinlicher: dass das "Finale dahoam" auch ein Sieg wird oder dass wir auf der WWDC-Keynote neue Hardware wie "das neue iPhone" oder neue Macbooks sehen werden?

Müller: Woods, deshalb schauen wir ja den 22 Männern zu, wie sie einem Ball hinterherrennen: Wir wissen nicht, wie es ausgeht. Apple ist in seinen Keynotes in den letzten Jahren dagegen immer vorhersagbarer geworden, Sie erinnern sich bestimmt an das letzte Jahr und den letzten öffentlichen Auftritt des todkranken Steve Jobs. Dass es um iCloud, iOS und Lion ginge, wussten wir schon vorher und die Details waren dann so überraschend wie ein Elfmeterschießen, das Engländer verlieren. Deshalb haben wir uns über ein "one more thing" auch immer so gefreut wie über ein Gomez-Tor in der Nachspielzeit. Ich hoffe mal, Apple zaubert diesmal etwas aus dem Hut, was keiner der üblichen Verdächtigen vorhergesagt hat. Muss ja nicht die Kombination aus Toaster und Kühlschrank sein, die Tim Cook neulich ablehnte . An Karten für das Champions-League-Finale in München kommt man übrigens weit einfacher als an solche für die WWDC: Man geht einfach Donnerstag Abend zum Olympiastadion und kauft sich ein Ticket für den Wettstreit der Damen aus Frankfurt und Lyon. Aber welche Alternativen haben Entwickler? Gibt es ein Public Viewing der WWDC?

Woods: Public Viewing ist nicht, Herr Müller. Auf der WWDC gibt es das nur für die Teilnehmer, die stundenlang frühmorgens anstehen und dann bei der Keynote doch nicht mehr in den großen Hauptsaal passen. Nach der Konferenz kann man sich als Developer vermutlich wieder die einzelnen Vorträge als Podcast herunterladen, aber wie spannend ist das denn bitte im Vergleich dazu, persönlich da zu sein? Aber warum sollte Apple sich jedes Jahr ein Bein ausreißen, um die sensationsheißen Fans zufrieden zu stellen? Apple spielt die Konkurrenz doch auch so schwindelig, als wären sie die Uwe-Seeler-Traditionself . Schauen Sie mal, Müller: alle fanden das iPhone 4S total langweilig und sehr enttäuschend. Und jetzt? Apple hat gerade 35 Millionen Stück in drei Monaten verkauft und verdient mit dem langweiligen Ding Milliarden. Schade allerdings, dass Apple die iPods langsam sterben lässt. Damit hat der ganze Hype doch angefangen. Es kann und will sich nicht jeder gleich ein iPhone kaufen, um unterwegs oder beim Sport Musik zu hören! Wenn mir das iPhone so oft beim Joggen in den Dreck gefallen wäre, wie mein iPod Nano (alles gut überstanden), wäre ich jetzt pleite.

Müller: Woods, Sie benötigen eben das richtige Zubehör , dann ist Ihr iPhone auch unterwegs vollkommen sicher vor Stürzen. Aber mal etwas anderes: Haben Sie diese Woche auch den Tag des geistigen Eigentums gefeiert und ausnahmsweise nicht bei Youtube Musikvideos geschaut und sie stattdessen brav im iTunes Store gekauft? Diese ganze Urheberrechtsdebatte wird ohnehin bald der Vergangenheit angehören, wenn Apple, Facebook und Konsorten aus dem offenen Netz immer mehr eingezäunte Gärten heraustrennen. Manche Kritiker des geltenden Urheberrechts träumen ja von einer Kulturflatrate als Alternative zur industriellen Verwertung geistigen Eigentums. Na prima, noch eine Steuer mehr, aus den GEZ-Gebühren wird ja schon eine Haushaltspauschale. Und davon investieren die Anstalten weniger in Kultur, sondern erhöhen ihre Zahlungen an die Fußballunterhaltungsbetriebe. Obwohl: Das war schon großes Drama am Mittwoch, da können die Produktionen der Degeto nicht mithalten…

Woods: "Tag des geistigen Eigentums", wenn ich das schon höre. Im Vergleich zu Urheberrechtsdiskussionen im Web sind Streitgespräche über Religion ja wie Topfschlagen mit anschließendem Kuchenbüffet, unglaublich dogmatisch. Auf der einen Seite diejenigen, die Argumente der Lobbyisten nacherzählen, auf der anderen Seite diejenigen, die sagen: "Im Web wird halt kopiert, also erlauben wir es." Und dann diese ganze Heuchelei. Youtube tut so, als hätte die Gema jedes Musikvideo persönlich gesperrt, dabei sperrt Youtube die Videos selbst - weil sie eben immer noch keinen Nutzungsvertrag mit der Gema haben und Strafzahlungen vermeiden wollen. Auf der anderen Seite tun die Rechteverwerter so, als gebe es bald überhaupt keine Kultur mehr, wenn man auch nur mal über eine Änderung des Urheberrechts nachdenkt. Das ist Kindergarten und nervt mich ungemein!

Die Kulturflatrate überzeugt mich auch nicht, aber GEZ zahle ich eigentlich gerne - was vor allem daran liegt, dass ich mit dem Privatfernsehen nichts anfangen kann. Würde das ZDF seine interessanten Ideen und die guten Filme nicht im Nachtprogramm der Digitalsender verstecken, hätte ich beim Anblick der GEZ-Abbuchung sogar fast ein Lächeln in der Visage.

Apple lebt ja auch zu einem guten Teil von Urheberrechten: die ganze Software und Musik, mit der man die Hardwareverkäufe ankurbelt. Mir wäre ja schon sehr geholfen, wenn die ganzen Verwerter ihre "Wertschöpfungsketten" mal aufräumen und modernisieren würden. Ich möchte unter anderem englische und amerikanische Serien und Filme direkt nach Ausstrahlung legal und nutzerfreundlich (nicht nur für iTunes-Geräte!) sehen können und gerne großzügig dafür bezahlen. Wird nichts, so lange die Lizenzkette so aussieht:

Kino-> DVD (US) -> DVD (Welt) -> ausgewählte Downloaddienste -> TV (Pay-TV) -> TV.

Um das zu ändern, braucht man nicht mal neue Gesetze!

Bei Musik kommt doch auch niemand auf die Idee, dass ein Lied erst im Radio gespielt werden darf, wenn die Welttournee der Band seit zwei Jahren vorbei ist! Ich reg mich schon wieder auf…

Müller: Woods, nun beruhigen Sie sich doch, hier, ich habe noch ein paar Valium in der Schreibtischschublade. Und bei so mancher Band wäre ich froh wenn die Songs erst zwei Jahre nach der Welttournee im Radio liefen. Aber da sehen Sie, was das fehlende Unrechtsbewusstsein der Generation Download angerichtet hat: Von CD-Verkäufen können die Künstler kaum noch leben, also müssen sie ständig touren. Nicht mal die Rente mit 67 können etwa die Stones genießen, Keith Richards (68), Sir Mick Jagger (68), Charlie Watts (70) und der neue Gitarrist Ron Wood (64) müssen nächstes Jahr nochmal um den Globus touren, in einem Alter, in dem man keine Dachdecker mehr die Leiter raufjagen will. Apropos Alter: Sollte ich für meine Altersvorsorge doch noch in Apple-Aktien investieren? Die machen ja weiterhin einen Reibach , dass man nur mit den Ohren schlackert.

Woods: VERDAMMT, ICH BIN RUHIG!!! Nicht so kulturpessimistisch, Herr Müller! Ich glaube nicht, dass das Web in erster Linie negative Auswirkungen hat. Nie zuvor gab es so viel Musik um uns herum, wir können unbekannte japanische Skapunkfolkpopbands zuhause am Schreibtisch entdecken, wie großartig ist das denn? Ich glaube, das ist wie mit den Kinofilmen. Wer Geld für Kinokarten ausgibt, der macht das, weil er gerne ins Kino geht und nicht deshalb, weil es den Film wegen künstlicher Vertriebseinschränkungen noch nicht auf Bluray gibt. Und denjenigen, dem Musik nichts wert ist, den wird man nie als zahlenden Kunden bekommen, da können die Stones touren bis sie 108 sind! Aber man kann die zahlenden Kunden problemlos mit Gängelei verprellen. Man wird den Boom der Neunzigerjahre, als alle ihre Alben auf CD noch einmal neu kauften, nicht mit Gesetzen erneut erzwingen können. Gut, dass Sie es ansprechen, Müller: Genau da hat ja der große Aufstieg Apples angefangen: Mit weißen Kopfhörern und Musikkonsum für das 21. Jahrhundert. Und jetzt? Stinkreich sind sie damit geworden, stink-reich! Da könnte man ja draus lernen…

Müller: Ja, aber erst muss ich mir diesen Skapunkfolk, den japanischen anhören. Auweia! Dann ja lieber Heavy Metal Landler

Woods: Jetzt haben Sie schon wieder eine Bildungslücke bei mir geschlossen, die ich lieber behalten hätte! Nun ist mir ein wenig schwindelig, Kollege Müller!

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