990000

Krank durch Doktor Google: Hypochondern macht das Netz oft Angst

02.04.2008 | 09:33 Uhr |

Jörn Schäller war sich sicher: Er hatte Lungenkrebs. Die Diagnose hatte der 35-jährige Hamburger von einem Webportal. Der anhaltende Husten, die Schmerzen in der Brust und das Schwächegefühl waren typische Symptome, hatte er dort gelesen.

Dass sich sein Verdacht später als unbegründet erwies, konnte ihn kaum beruhigen - er litt Todesängste. Für Mediziner ein typischer Fall: Denn die zahlreichen Krankengeschichten aus der Gerüchteküche des Internets hinterlassen bei vielen ein mulmiges Gefühl. Und wer wie Schäller ohnehin zur Hypochondrie neigt, fühlt sich nach einem Gesundheitscheck im Netz schnell kränker als zuvor.

“Das Internet ist oft die erste Anlaufstelle für Menschen mit Krankheitsängsten - die Hemmschwelle ist hier einfach niedriger”, sagt die Psychologin Gaby Bleichhardt, die an der Mainzer Universität zu dem Thema forscht. Die Gefahr sei dabei, dass sich im Netz zu jedem Symptom gleich eine passende Krankheit als Erklärung finden lasse. “Dadurch verschlimmert das Internet die Ängste der Betroffenen oft noch.” Hypochonder erhielten so im Handumdrehen passende Belege für ihren Krankheitsverdacht: Bauchschmerzen deuten dann auf ein Magengeschwür hin, und ein Kribbeln in den Fingern wird zum ersten Anzeichen von Multipler Sklerose. Das Web ist dabei nicht nur die perfekte Fundgrube für Hypochonder, manchen macht es erst zum eingebildeten Kranken. So könnten die vielen Krankheitsgeschichten im Netz auch Ängste bei Menschen wecken, die sich bisher keine übermäßigen Gedanken über ihre Gesundheit machten, sagt Bleichhardt. Das beobachtet auch Prof. Detlev Nutzinger, der in einer Klinik in Bad Bramstedt Betroffene behandelt. “Das Problem ist ja, dass Laien zwar unglaublich viele medizinische Informationen im Netz bekommen, ihren Wahrheitsgehalt aber kaum einschätzen können. Das verunsichert viele.”

US-Forscher wie Brian Fallon von der Columbia Universität in New York haben für dieses Phänomen schon ein neues Fachwort erfunden: die “Cyberchondrie”. Seinen Studien zufolge ist der Hypochonder von heute meist ein “Cyberchonder” - Betroffene tun nichts anderes mehr, als im Internet ihre Symptome zu prüfen. Jörn Schäller kann das bestätigen: “Das ist quasi eine unendliche Spirale. Ohne die nötige Disziplin, den PC rechtzeitig auszuschalten, kann das schnell zur Sucht werden.” Der 35-Jährige, der in Hamburg eine Hypochonder-Selbsthilfegruppe gegründet hat, ist mit seinem Problem nicht allein. Laut Bleichhardt leiden schätzungsweise rund sieben Prozent der Deutschen unter Krankheitsängsten, betroffen ist also jeder 14. Bürger. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation ist das Phänomen weltweit betrachtet in Deutschland besonders weit verbreitet - nicht zuletzt der Komiker Harald Schmidt gilt als bekennender Hypochonder. Das klingt für manchen amüsant, ist für Betroffene oft aber bitterer Ernst. Denn Hypochonder seien keine Simulanten, erklärt Nutzinger. “Die Betroffenen haben messbare Schmerzen.” Oft führe die Furcht Patienten sogar in einen Teufelskreis: “Die Angst vor einer Krankheit verschlimmert die Symptome dann tatsächlich.” Hypochonder macht ihre Panik vor dem Kranksein also häufig wirklich krank. Ein solches Leiden habe dann oft schlimme Folgen im Alltag: So bleiben Beruf und Familie bei Betroffenen oft auf der Strecke, weil sich für sie alles nur noch um die eigene Gesundheit dreht.

Betreiber von Medizin-Portalen weisen die Schuld von sich: “Wir wollen Menschen keine Angst machen - es geht darum, mögliche Symptome und Krankheiten besser verständlich zu machen”, sagte Katharina Larisch von “Netdoktor.de” in München. Allerdings sollten Surfer nicht alles glauben, was sie im Internet an Krankheitsgeschichten lesen. “Vorschnelle Diagnosen wie Durchfall plus Bauchschmerzen gleich Darmkrebs sind natürlich Unsinn.” Zudem ist laut Bleichhardt nicht jeder gleich ein Hypochonder, der aus Sorge über eine mögliche Erkrankung im Netz nach einem Symptom sucht. “Denn Angst vor Krankheiten hat wohl jeder - krankhaft wird diese Angst aber erst, wenn sie Betroffene über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr ständig beschäftigt.” (dpa)

0 Kommentare zu diesem Artikel
990000