891216

LAN-Parties auf dem Prüfstand

07.05.2002 | 11:05 Uhr |

Die Diskussion um Gewalt darstellende Computerspiele nach dem blutigen Amoklauf in einer Erfurter Schule hat auch die populären Spiele-Partys ins Fadenkreuz der Kritik gerückt. Nach Online-Spielen wie "Counter-Strike" könnten die so genannten LAN-Partys (LAN steht für Lokal Area Network, lokales Netzwerk) durch den Rückzug ihrer Sponsoren bald vor dem Aus stehen.

Am Wochenende kündigte der weltgrößte Chiphersteller Intel an, sein Engagement als Sponsor von LAN-Partys zu überdenken. "Wir haben unter den gegebenen Umständen alle Aktivitäten auf Eis gelegt", sagte Intel-Sprecher Hans-Jürgen Werner am Montag der dpa. Zuletzt war vergangene Woche die geplante Party "Das große Beben 5" in Erfurt abgesagt worden, die vom Chiphersteller AMD gesponsert werden sollte. "Wir werden unser weiteres Engagement jeweils von den Ergebnissen einer unabhängigen Instanz abhängig machen", sagte AMD-Sprecher Jan Gütter.

Am 16. Mai will die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften entscheiden, ob das umstrittene "Counter-Strike", das auch der Amokschütze Robert Steinhäuser in seiner Sammlung hatte, auf den Index gesetzt werden soll. Der 19-Jährige hatte am 26. April bei seinem Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst erschossen.

In den vergangenen Jahren war die Polularität von LAN-Partys, auf denen Hunderte Fans ihre Computer vernetzen, um bei den beliebtesten Online-Spielen gegeneinander anzutreten, rasant gestiegen. War es Anfang der neunziger Jahre noch so genannten Hackern und Computerspezialisten überlassen, über einige dutzend zusammengeschlossene Computer in Begeisterung zu verfallen, organisieren inzwischen überall in Deutschland vor allem Fans von Onlinespielen mit Unterstützung von Sponsoren entsprechende Veranstaltungen für Tausende von Jugendlichen. Hier finden neben Strategiespielen auch regelmäßig Turniere für "Counter-Strike" statt. Auf der Beliebtheitsskala vieler Spieler stehen aber auch indizierte Spiele wie "Doom" oder "Quake" ganz weit oben.

Zuletzt hatten die Chiphersteller Intel und AMD den Initiatoren ihre Unterstützung angeboten - schließlich sind es die Spielefans, die den Bedarf an immer leistungsfähigeren Chips in die Höhe schnellen lassen. Auch der Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland (VUD) hat eine Marktlücke erkannt. Ende August soll erstmals die "Game Convention", eine Fach- und Publikumsmesse für elektronisches Entertainment in Leipzig stattfinden. Höhepunkt soll die größte Spiele-LAN-Party der Welt sein.

Die Absage des "Große Bebens 5" in Erfurt ist nach Angaben von AMD-Sprecher Jan Gütter jedoch keine grundsätzliche Entscheidung des Chipherstellers. AMD habe sich gemeinsam mit den Betreibern "aus Respekt vor den Opfern" für diesen Schritt entschieden, sagte Gütter. Nach einem solchen Ereignis wäre eine Spielveranstaltung egal welcher Art "pietätlos" gewesen. Mit diesem Schritt habe AMD keine generelle Entscheidung getroffen. "Wir werden auch künftig von Fall zu Fall entscheiden, ob für uns ein Sponsoring in Frage kommt."

Auch Intel hat sich nach Angaben von Werner aus Rücksicht vor der öffentlichen Diskussion vorerst zurückgezogen. Grundsätzlich könne das Unternehmen eine jugendgefährdende Wirkung bestimmter Online- Spiele aber weder bestätigen noch dementieren. "Ob eine Kausalität von Online-Spiel und Gewaltbereitschaft besteht, können wir nicht beurteilen, da sind wir die Falschen", sagte Werner. Noch laufende Verträge will Intel erfüllen. "Aber wir müssen erst einmal abwarten, was passiert."

Ob das umstrittene Online-Spiel "Counter-Strike" tatsächlich verboten wird, bleibt abzuwarten. Online-Spiele seien generell schwieriger zu beurteilen als andere PC-Spiele, sagte Elke Monsen- Engberding von der Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften. "Bei normalen Spielen ist der Spielverlauf vorgegeben, bei Spielen wie 'Counter-Strike' ist er immer abhängig von den Spielern." Die Problematik sei ähnlich wie bei einem Lego-Piratenschiff. Auch hier könne der Spieler einem Piraten ein Messer beigeben. "Wenn Sie allein vor einem solchen Onlinespiel sitzen, passiert erst einmal gar nichts." Zur Entscheidungsfindung der Prüfstelle seien deshalb erstmals zwei Spieler eingeladen, die das umstrittene "Counter- Strike" vorführen sollen. dpa

0 Kommentare zu diesem Artikel
891216