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Laptop und Lederhose: Virtueller Maibaumklau in Bayern

26.04.2001 | 00:00 Uhr |

«Laptop und Lederhose» - als Bundespräsident
Roman Herzog den Slogan 1998 in München kreierte, ahnte er schon,
dass sich diese Charakterisierung Bayerns in den Köpfen festsetzen
könnte. Es vergeht kaum ein Fest im weiß-blauen Land der
Trachtenpfleger und Chip-Produzenten, bei dem das Wort nicht
strapaziert wird. Vor dem 1. Mai, zu dem sich Burschen traditionell
dem Maibaum-Diebstahl hingeben, proben ganz andere Diebe nun ihre
eigene Version der bayrischen Verbindung von Tradition und Technik:
die Homepage-Hijacker im Internet. So lachte ganz Bayern, als die
SPD kürzlich in dem oberbayerischen Alpendorf Lenggries der dortigen
CSU einfach die Homepage klaute.

Wer unter «www.csu-lenggries.de» glaubte, das Neueste über die
christsozialen Aktivitäten zu erfahren, landete direkt bei den
Lenggrieser Genossen. Eine riesige Hörerschar wurde danach im
Bayerischen Rundfunk Zeuge, als die beiden Ortsvorsitzenden von CSU
und SPD den Preis für die Rückgabe der Homepage aushandelten. Es
wird viel Bier fließen, wenn Mitte Mai die CSU bei einer von ihr
spendierten Brotzeit ihren Internet-Auftritt zurückerhält.

Die Retourkutsche ließ freilich nicht lange auf sich warten.
«Willkommen bei der SPD Pasing. Wir sind in festem Tiefschlaf»,
erfährt der Computer-Nutzer, wenn er die Adresse «www.spd-pasing.de»
anklickt. Der Münchner CSU-Stadtrat Thomas Schmatz fand die Idee der
Lenggrieser Genossen so gut, dass er den Spieß umdrehte und der SPD
im Stadtteil Pasing sozusagen «virtuell» den Maibaum klaute.

Die Domain «spd-pasing» war noch frei, und für gute 100 Mark
reservierte sie sich die CSU. Erst bei genauerem Hinsehen erfährt
der Leser, dass sich dort der politische Gegner über die angebliche
Schlafmützigkeit der Genossen lustig macht: «Nichts geht voran»,
heißt es. Natürlich will Schmatz der SPD die Seite zurückgeben, doch
das kostet: Unter einer deftigen Brotzeit und ein paar Fässern Bier
geht nichts, so die CSU.

Bei so viel tastenfertiger Schlitzohrigkeit sind die wahren
Maibaum-Diebe gegenüber den Homepage-Hijackern heuer fast ein wenig
ins Hintertreffen geraten. Einige noch so raffiniert ausgeklügelte
Maibaum-Diebstähle fanden weniger Beachtung als in früheren Jahren.
So auch in einem Dorf nahe Wasserburg a. Inn, wo die Burschen das
stattliche Brauchtums-Gewächs unbemerkt aus dem Stall eines
Bauernhofs schafften. Am kommenden Dienstag sind alle gestohlenen
Fruchtbarkeits-Symbole den Besitzern zurückgegeben und werden bei
Blasmusik und unter den Augen stolzer Dorfbewohner aufgestellt.
dpa

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