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Leben ohne Internet

15.12.2004 | 10:21 Uhr |

Mehr als die Hälfte der Deutschen ist online. Noch ist ein Leben ohne Internet gut möglich.

Mit der Ausweitung der Anwendungsmöglichkeiten im Alltag wird sich das aber in Zukunft ändern - meinen Experten. Gerold Breitmoser aus Bordesholm (Schleswig-Holstein) zum Beispiel ist seit zwölf Jahren selbstständig. Der 43-jährige Raumausstatter und Bodenleger hat noch nie einen Computer bedient. «Als Angestellter habe ich keinen Computer gebraucht und auch jetzt sehe ich keinen Nutzen darin.» Rechnungen habe er schneller per Hand geschrieben. Außerdem ärgere es ihn, «dass alle so tun, als ob die Bedienung ein Kinderspiel wäre». Ganz zu schweigen von Viren oder anderen Problemen, von denen er immer wieder höre.

Seit vier Jahren veröffentlichen die Initiative D21 in Berlin und das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid mit Sitz in Bielefeld den «(N)Onliner Atlas». Der neuesten Ausgabe zufolge haben rund 53 Prozent der Deutschen Zugang zum Internet, 2001 waren es 37 Prozent. Unter den 14- bis 19-Jährigen sind sogar 82,6 Prozent online.

«Internet-Nutzung soll kein Muss sein, sondern die Lebensqualität erhöhen oder ein Unternehmen erfolgreicher machen», sagt Frank Wagner von TNS Emnid. Allerdings könne es sein, das in einigen Jahren etwa Routenplanung und Steuererklärungen nur noch per Internet möglich sind. «Ich erwarte, dass Ausschreibungen für Handwerker irgendwann nur noch im Internet stattfinden», sagt Herbert Kubicek, Professor für Informatik an der Universität Bremen. Freie Stellen würden in manchen Branchen schon heute zu mindestens 50 Prozent nur online inseriert. Im kaufmännischen Bereich, in der Informationstechnologie sowie für Freiberufler sei das Internet ohnehin unumgänglich. Laut (N)Onliner Atlas 2004 hat fast jeder gehobene Arbeitsplatz einen Internetzugang.

In einer Szene, in der das Herunterladen von Musik zum Alltag gehört, haben Jugendliche ohne Internetzugang einen schlechten Stand. Kubicek zufolge ist jedoch auch hier das Umfeld für die Bedeutung des Internets ausschlaggebend. «In der Skater-Szene gilt vor allem die Leistung auf dem Board und nicht am Computer.»

Heute sei die Hauptzugangsbarriere zum Internet der Umgang mit dem Computer selbst, erklärt Frank Wagner. «In Zukunft wird es sehr viel mehr Anwendungsmöglichkeiten im Alltag geben.» Spätestens dann müsse jeder abwägen, was ihm der finanzielle und zeitliche Aufwand zur Anschaffung eines Computers und zur Einarbeitung Wert ist. «Gerade Banken und Reiseunternehmen werden die Internetnutzung weiter vorantreiben: Manche Dienstleistungen wird es nur noch online geben, Filialen werden geschlossen - und wo es sie noch gibt, zahlen Offliner mehr als Onliner.»

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