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Leben wie Bit im Speicher

11.03.2004 | 15:47 Uhr |

Früher war die jährliche Computermesse in Hannover ein echtes Highlight für Computer-Nerds. Man traf sich in Hannover, tauschte Schaltpläne und Listings zum Abtippen. Damals waren C-64 und Cray die Highlights. Heute sind Digitalkameras, Projektoren und Mobiltelefone die Stars - überholt das "Digital Life" etwa die Profis?

1986 war die Cebit-Welt noch in Ordnung. Steigende Ausstellerzahlen, immer mehr Austellungsfläche, und ausschließlich echte Computer-Hardware. Diese innovative Hardware, bestehend aus Commodore 64, Atari ST, den ersten Modems und vielen anderen nützlichen Dingen, kostete damals ein Vermögen, war für viele Cebit-Besucher einfach unerschwinglich. Rund 20 Jahre später gibt es auch eine Menge Hardware auf der Cebit, aber irgendwie ist der Nerd-Faktor einem gewissen Lifestyle-Faktor gewichen. Messestände begeistern nicht mehr durch geheimnisvoll wirkende Terminals mit bernsteinfarbener Schrift, Messestände begeistern heute durch Flatpanel-Fernseher und dazu passend ausgesuchte telegene Studentinnen, die stolz aber auch leicht ahnungslos innovative Digitalkameras, Mobiltelefone und gelegentlich auch mal einen Computer demonstrieren.

Cebit - lange gab es bei der Deutschen Messe AG Diskussionen über diesen Namen, dem "Centrum für Büro- und Informationstechnik". Mit dem Centrum war übrigens die Halle 1 des Messegeländes Hannover gemeint. Bürotechnik ist im Jahre 2004 der größten Computermesse der Welt sicherlich auch noch irgendwo vertreten, vornehmlich in Halle 1, wo sich Hersteller von Kopiereren und Frankiermaschinen den ganzen Tag lang lächelnd gegenüberstehen und auf Cebit-Besucher hoffen, die als "Lead" in einem Formular landen, um irgendwann Wochen nach der Messe eines der sündhaft teuren Systeme für die eigene Firma anzuschaffen. Ab Halle 2 hört es dann auf mit der Seriösität, hier beginnt der Ernst des digitalen Lebens: Fetzige Musik, schöne Frauen, Lichtschauspiele, und von morgens 9 Uhr bis abends 18 Uhr immer wieder die gleichen Promotion-Videos auf diversen Großbildschirmen. Für einen Cebit-Besucher ist das genau 20 Sekunden spannend, für das bedauernswerte Standpersonal genau einen halben Tag von insgesamt sieben mal 24 Stunden.

Wer das Geschehen auf dem Hannoveraner Messeparkette schon ein paar Jahre begleitet, wird den Wandel hin zum multimedialen Happening vielleicht erkannt haben. 1998, dem Geburtsjahr der berüchtigten Dotcom-Blase, wimmelt es noch von Krawattenträgern, New-Business-Vertretern, New-Economy-Gurus und New-Investment-Geldgebern. 2004 sieht das anders aus - Krawattenträger sind immer noch da, und die New-Economy-Gurus sitzen inzwischen als Analysten bei irgendwelchen Unternehmensberatungen. Wie beispielsweise Mummert Consulting, die vor wenigen Stunden eine "Top 10" der wichtigsten Cebit-Themen veröffentlicht haben. Auf Platz 1 prangt verheißungsvoll "Kabellose Netzwerke", also Wireless LAN und Bluetooth. Und hier ist es auch schon, das "Digital Life": Immer mehr Consumer-Geräte unterstützen WLAN und Bluetooth, vom MP3-Server für die Stereoanlage bis hin zum digital fotografierenden Spiele-Mobiltelefon. WLAN und Bluetooth sind ein Hype-Thema für Otto Normalverbraucher, es lockt der Massenmarkt, Business-Anwendungen spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Und so hüpfen hübsche Japanerinnen durch die Hallen, halten kleine bunt blinkende Kästchen in Kameras und die Gesichter der Besucher, ohne zu wissen, was sie da eigentlich halten. Egal, Hauptsache bauchfrei, es soll ja um das "Life" gehen.

Dann Platz 2 der Mummert-Liste: "Konvergenz IT & Unterhaltungssysteme". Mann, das klingt aber nach Business to Business! Ist es aber nicht - man nehme ein Powerbook (IT) und einen iPod (Unterhaltungssystem), schließe das Synchronisationskabel an, drücke in iTunes einen Button - und schon ist auch die "Konvergenz" da. Also auch wieder ein Consumer-Thema. Platz 3 nehmen Handys und UMTS ein. Glücklicherweise taugen moderne Mobiltelefone auch noch zum Telefonieren, aber wer will darf damit auch Fotografieren, Spielen, Funken, Musik hören und bei seinen Bekannten ein bisschen angeben ("Seht mal, das kann leuchten!"). UMTS wird in der Startphase zunächst mal auf diverse Business-Anwendungen fixiert sein - sobald die Zugangskosten jedoch in ein erträgliches Maß fallen, stürzen sich Joe Consumer und Konsorten auch darauf. Schließlich taugen Videotelefonie und Location Based Services doch exzellent zur abendlichen Sauftour durch eine unbekannte Großstadt ("Zeige mir die besten Bars im Umkreis von drei Kilometern!"), um unliebsame Bekannte spät in der Nacht mit sinnlosen Grunzlauten und eindeutigen Videoaufnahmen vom Kneipen-Spaßfaktor zu beglücken. Okay, das könnte auch eine Business-Anwendung sein, aber letztlich landen wir doch wieder bei: Otto Normalverbraucher.

Platz 4 und 5 teilen sich "Mobile Systeme" und "Mobile Unterhaltung". Macht ja auch Spaß, also wieder kein echtes Business-Thema. Aber dann: Auf Platz 6 stehen "Software und Betriebssystene", gefolgt von "IT-Sicherheit" und den rühmlichen "Mittelstandslösungen". Endlich kommen auch die Business-Anwender auf ihre Kosten, und eigentlich haben die es ganz gut, denn diese Themen belegen maximal drei Hallen. Da tun einem nach einem Messetag wenigstens die Füße nicht so weh, weil die Wege schön kurz sind. Auf den letzten beiden Plätzen der Mummert-Cebit-Charts liegen dann noch "Digital Lifestyle" (ja, genau, wieder nichts für die ernsthaften Geschäftsleute) und "Computing on demand".

Nach dieser Liste dreht sich auf der Cebit 2004 ab dem 18. März also zu 60 Prozent nur um eines: Digital Life. In seiner reinsten und interaktivsten Form. Und ein geneigter Apple-Benutzer mag sich ob dieses Trends fragen: Warum zum Teufel finde ich in der Ausstellerliste unter "A" eigentlich nicht meine Lieblingsfirma? Gute Frage. Vielleicht ist Apple doch eine ernsthafte IT-Firma und will mit diesem ganzen "Digital Lifestyle"-Kram nichts zu tun haben. Im Moment sieht es jedenfalls ganz danach aus.

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