2071194

Lebendiger als sein Ruf: Der Apple-Handel

21.04.2015 | 10:53 Uhr |

In den frühen Macwelt-Ausgaben findet man zahlreiche Händleranzeigen, in den 90er Jahren haben wir sogar ganze Produktkataloge mit unseren Heften gedruckt. Heute ist das anders, denn es hat sich viel geändert, im Apple Fachhandel der letzten 25 Jahre

Nur Macianer der ersten Stunde erinnern sich noch an Firmen wie Systematics, Agora, Prisma Computer, Beautech oder Brosius Köhler. Sie sind längst von der Bildfläche verschwunden. Andere wie Gravis oder die Hamburger Promo Datentechnik haben sich bis heute behauptet. Bei Gravis erinnert heute nur wenig an das 1990 aktive Mailorder-Haus, am Konzept der auf den Vertrieb von Software spezialisierten Systemberatung Promo Datentechnik scheint sich dagegen kaum etwas geändert zu haben – um nur zwei Beispiele zu nennen. Vom Aufstieg der Marke Apple hat der Fachhandel jedenfalls nur zum Teil profitieren können. Die Strahlkraft der Apple Stores, die Stärke des Apple-Online-Angebots, die strengen Regeln, die Apple seinem Fachhandel diktiert, all das macht den Händlern zu schaffen. Und so scheint der Apple-Fachhandel in den letzten Jahren überwiegend mit negativen Schlagzeilen präsent. Das Scheitern von Unternehmen wie Restore, Mstore oder der Österreicher McSharky verstärkt diesen Eindruck. Doch das ist nur das halbe Bild.

Verschiedene Rezepte

Wer beispielsweise die Berichterstattung unseres Schwestermagazins Channelpartner verfolgt, lernt, dass Apple-Händler präsent und aktiv sind. Das gilt für große Versandhändler mit einzelnen Ladengeschäften wie Cyberport und Alternate genauso wie die „alten Kämpen“ Gravis oder Comspot bis zu Einzelkämpfern wie Hamburg4, Lots a Bits in Haan oder Macconsult in München. Wer es nicht über die große Masse schafft, muss sich regelmäßig etwas einfallen lassen, um Interessenten in die Geschäfte zu locken.

Keine Schnäppchen

Da Apple strenge Vorgaben macht, zu welchen Preisen Apple-Hardware verkauft werden kann, können Händler nur selten mit günstigeren Preisen locken. Aktionen wie von der Aldi-Tochter Hofer in Österreich , die Mitte März das iPhone 5C für unter 300 Euro anbot, um mit der Aktion das eigene Mobilfunkangebot Hot zu bewerben, sind absolute Ausnahme. Trotzdem profitieren wir Kunden: von neuen Shop-Konzepten, immer besseren Service-Leistungen, einem breiten und in der Regel kostenlosen Angebot von Veranstaltungen und Workshops und davon, dass es auch in Regionen, die Apple für einen eigenen Store uninteressant findet, fachkundige Beratung gibt. Wir stellen im folgenden unterschiedliche Konzepte und Aktionen vor, die zeigen, mit welch unterschiedlichen Geschäftsmodellen heute um Kunden geworben wird. Die können sich dann aussuchen, ob sie beim Mac-Kauf die persönliche Ansprache vor Ort, das Ambiente eines Apple Stores, das Service-Angebot eines spezialisierten Anbieters oder das Multi-Channel-Konzept moderner Elektronikmärkte bevorzugen.

Keine Chance für Mstore

Die Filiale in Essen gehörte zu den ersten von der Insolvenz betroffenen Standorten.
© Mstore

Bis auf zwei Fälle ist es nicht gelungen, Nachfolgeregelungen für die Filialen des in Insolvenz gegangenen Apple-Resellers Mstore zu finden. Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens waren Verhandlungen mit verschiedenen Interessenten geführt worden, es fand sich jedoch kein Käufer für die größere Anzahl an Mstore-Filialen. Die für das Scheitern von Mstore verantwortliche Mischung aus der im Apple-Handel üblichen schlechten Margensituation, steigendem Wettbewerbsdruck und internen Strukturproblemen dürfte die Interessenten abgeschreckt haben. Die durchgängig negativen Berichte auf dem Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu waren ebenfalls eindeutig. Inzwischen wird nur noch in zwei von einst 16 Filialen der Handel mit Apple-Produkten betrieben: Die Filiale in der Göttinger Innenstadt wurde dem bereits vier Standorte zählenden Store-Netz des Apple Premium Resellers Adam Soft eingegliedert. Der einstige Hauptsitz in Hamburg in Nähe Kampnagel wird von zwei ehemaligen Mitarbeitern seit Anfang des Jahres als Service-Betrieb weitergeführt.  Matthias Hell

Gravis mit Digital Lifestyle

Mit ihrem Anspruch, Kunden den „Digital Lifestyle“ nahezubringen, stehen Mobilcom-Debitel und Gravis nicht alleine. Mit einer Reihe von Service-Angeboten und Produkt-Bundles sorgt die Kette dafür, dass ihre Strategie konkreter wird als bei vielen Wettbewerbern.

So hat Gravis unter anderem eine exklusive Vertriebsvereinbarung mit dem Hersteller Withings geschlossen. Das Unternehmen bietet im Health-Bereich das Smart Sleep System Withings Aura an, das das individuelle Schlafverhalten analysiert und positiv beeinflussen soll sowie personalisierte Aufwach- und Einschlafprogramme erstellt. In den Gravis-Filialen sowie im Onlinestore gibt es das System für einen Preis von rund 300 Euro. Ebenfalls über Gravis läuft der Vertrieb weiterer Digital-Lifestyle-Produkte aus den Bereichen Entertainment und Home Automation. Die Angebote machen nicht zuletzt deshalb Sinn, weil sie Hardware und Services miteinander verbinden, die auf Basis der vom Freenet-Konzern vertriebenen Mobilfunkgeräte und -tarife steuerbar sind. Über solche Produkte und Dienstleistungen sowie über allgemeine Themen des Digital Lifestyle informiert das Service-Portal my-digital-lifestyle.de .

Von Carsharing bis zum Solution Tisch

Die stationären Geschäfte von Mobilcom-Debitel und Gravis übernehmen seit letztem Jahr in vielen großen Städten die Führerschein-Validierung für den Carsharing-Service Car2go.

Interaktive Beratungslösun­gen in Form von Video-Walls oder jüngstes Lifestyle-Element bei Gravis ist der so genannte Solution Tisch, ein Produktberater. Auf dem Solution Tisch finden sich funktionsfähige Produkt­samples sowie ein Rechner, der mit einem RFID-Lesegerät ausgestattet ist. Jedes auf diesem Tisch ausgestellte Produkt hat einen RFID-Tag. Legt der Kunde das Produkt, für das er sich interessiert, auf das RFID-Lesegerät, startet automatisch ein ausführliches Produktvideo auf dem Rechner.

Produkte zum Anfassen: Der Solution Tisch bei Gravis soll „Innovation erlebbar machen“, vor allem bei Digital-Lifestyle-Produkten.
Vergrößern Produkte zum Anfassen: Der Solution Tisch bei Gravis soll „Innovation erlebbar machen“, vor allem bei Digital-Lifestyle-Produkten.
© Gravis

„Wir wollen, dass unsere Kunden bei Gravis Innovation erleben und geben ihnen mit dem Solution Tisch die Möglichkeit, sich ganz in Ruhe mit einem Produkt auseinanderzusetzen. Alle relevanten Informationen und die Funktionsweise werden zusätzlich in dem Film zu jedem Produkt erklärt“, sagt Hubert Kluske, Geschäftsführer von Gravis und Mobilcom-Debitel.

Apple spielt noch immer eine wichtige Rolle

Nach der Übernahme durch Mobilcom-Debitel Ende 2012 hatte sich der bis dato reine Apple-Händler Gravis auch anderen Marken wie Sony oder Samsung geöffnet. Offenbar mit gutem Erfolg, laut Geschäftsführer Hubert Kluske legt „das Geschäft mit Nicht-Apple-Geräten bei uns sukzessive zu.“ Dennoch bleibe Apple auch weiterhin klar der Hauptlieferant. Seit 2014 ist Gravis auch Service-Provider für das iPhone, rechtzeitig für den Start des Austauschprogramms für das iPhone 5. Bei einem Teil der zwischen September 2012 und Januar 2013 verkauften iPhone 5 kann es zu einer verkürzten Batterielebensdauer kommen. Dafür bieten Apple wie Gravis einen Batterieaustausch-Service an. Der Akku kann in jedem Gravis Store kos­tenfrei ausgetauscht werden – hier sind die Wartezeiten deutlich geringer als in den notorisch überlaufenen Apple Stores. Dies gilt unabhängig davon, ob das Gerät bei Gravis oder einem anderen Händler gekauft wurde. Ob das eigene Gerät betroffen ist, können iPhone 5-Besitzer unter www.gravis.de/go/iphone5akkutausch/ überprüfen.

Wachstum mit Partnern

Zu den Apple-Resellern, die wachsen und expandieren zählt die Comspot GmbH. Der Fachhändler mit Hauptsitz in Hamburg hat 2014 die Mehrheitsanteile an der Comacs GmbH in Würzburg übernommen. Damit ist Comspot nicht nur in Hamburg, Berlin, Neuss und in Darmstadt sondern auch im Süden Deutschlands vertreten.

Comspot wird seit der Gründung 1995 vom Firmeninhaber Michael Hencke geführt und unterstützt Privatanwender und Businesskunden in allen Belangen rund um die IT – von der Anschaffung über die Installation und Wartung bis hin zur Systemoptimierung – hauptsächlich im Apple-Umfeld.

Erfolg als Netzwerk

Ein ganz eigenes Erfolgsrezept verfolgt CPN, ein Netzwerk von Apple-Fachhändlern und Systemhäusern mit aktuell insgesamt 86 Standorten über ganz Deutsch­land verteilt

Dazu tragen unter anderem die regelmäßigen CPN-Roadshows bei, auf denen unterschiedliche Partner zu einem Motto ihre Produkte zeigen, in der jüngsten Roadshow Anfang des Jahres etwa zum Thema Workflow. CPN gibt auch halbjährlich eine hochwertige Broschüre heraus, das so genannte „Brand Book“ mit Berichten über erfolgreiche Projekte der an das CPN-Netzwerk angeschlossenen Apple-Reseller. Besonderheit des Brand Books: Man kann es zwar online bestellen, erhält es aber vom nächst gelegenen CPN-Partner.

Wichtiger Baustein ist der jüngst neu gestaltete Online-Auftritt, der die vielfältigen Aktivitäten des Netzwerks zeigt und nach Aussage von Tobias Schulte-Ostermann, Managing Director bei CPN, zu einer deutlichen Zunahme an Anfragen geführt hat. Neben dem klassischen Partnernetzwerk mit Einkaufsoptimierung, Marketingleistungen oder Rahmenverträgen mit Sonderkonditionen und Bonusausschüttungen, soll auch das gemeinsame Netzwerken unter den Partnern des Apple-Verbunds erleichtert werden. „Wir wissen, dass die meisten unserer Partner viel unterwegs sind und darum über Smartphones und Tablets auf unsere Seite zugreifen. Diesem Nutzungsverhalten und dem damit verbundenen Anspruch sind wir mit unserer Seite jetzt gerecht geworden“, erläutert Schulte-Ostermann. „CPN bringt Menschen als Partner in derselben Branche zusammen. Es geht hierbei nicht, wie sonst üblich, nur um den Bezug von Apple-Ware, sondern es geht um lösungsorientierten Erfahrungsaustausch, der am Ende gerade den Kunden zu Gute kommt. Darum steht CPN als unabhängiges Netzwerk auch allen Händlern und Systemhäusern offen – auch denen mit eventuell nur geringem Apple-Fokus.“

Offenbar ist der Plan des CPN Teams aufgegangen, mit einer klaren Struktur, einem umfangreichen Leistungsportfolio und vielen Angeboten rund um die Themen Netzwerken, Marketing und Services nicht nur die aktuellen Partner, sondern auch neue zu überzeugen. Karl-Erich Weber

Der Apple Premium Reseller Comacs berät bereits seit über zwölf Jahren Geschäfts- und Privatkunden in Sachen IT und Apple im Raum Würzburg. Mehr als 180 Quadratmeter laden in der Altstadt der ehemaligen Residenzstadt interessierte Anwender zum Anfassen und Erleben der Apple-Produkte und des passenden Zubehörs ein.

Comacs-Geschäftsführer Martin Kipke freut sich über die neue Zusammenarbeit: „Bei Comspot wird das Thema Apple mit der gleichen Leidenschaft und Kompetenz gelebt wie bei uns.“ Michael Hencke, Comspot-Geschäftsführer, fügt hinzu: „Mit Martin Kipke holen wir einen Apple-Experten der ersten Stunde an Bord und bauen unsere Präsenz im Süden Deutschlands aus“.

Ferner hat Comspot auch die Mehrheitsanteile an der Frings und Kuschnerus Computersys­teme GmbH, kurz FundK , in Hannover übernommen. FundK agiert bereits seit über 25 Jahren im hart umkämpften Apple-Channel. Auch dieser Premium Reseller bietet Lösungen für Privatkunden und Unternehmen. Zudem ist Frings und Kuschnerus Experte im Bildungsbereich und unterstützt Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen in ganz Niedersachsen bei der Umsetzung von IT-Projekten – natürlich mit Apple-Equipment.

Für FundK-Geschäftsführer Oswald Herwy steht fest: „Unsere Kunden und Mitarbeiter profitieren von der intensiveren Zusammenarbeit mit Comspot.“ Und auch Michael Hencke, Geschäftsführer von Comspot, ist zufrieden: „FundK ist langjähriges aktives Mitglied im CPN-Netzwerk. Wir kennen uns gut und agieren mit der gleichen Professionalität und Leidenschaft.“

Gemeinsam mit anderen Apple-Resellern (unter anderem auch Comacs) hat Comspot im Jahre 2003 das CPN-Netzwerk gegründet. Mittlerweile ist CPN mit über 80 angeschlossenen Apple-Händlern Deutschlands größter Apple-Reseller-Verbund.

Vom Onlinestore in den Laden vor Ort

Die klassische Entwicklung vieler Händler war es, irgendwann zu ihren Ladengeschäften einen Onlineshop zu eröffnen. Den umgekehrten Weg geht der Online-Händler Cyberport. Mit dem jüngst in Wien eröffneten Laden hat Cyberstore jetzt das zweite Geschäft in Österreich und den 15. Store insgesamt. Mit dem Begriff Online-Händler wird man Cyberport kaum mehr gerecht – die stationären Stores des Unternehmens haben inzwischen das Ausmaß einer kleinen Ladenkette angenommen.

Für die Umsatzsteigerung 2014 um zehn Prozent auf 606 Millionen Euro erklärte Cyberport die zielstrebige Fortsetzung seines Multichannel-Konzepts mit neuen Features für Online- und Offline-Shopping zum wesentlichen Wachstumstreiber.

Nach den großen Stores in Berlin und München ist die Wiener Filiale eher kompakt. Das Verkaufskonzept knüpft allerdings an die im vergangenen Herbst in München präsentierten Services an: Die Abholung von Online-Bestellungen ist bei lagernder Ware in dem Store bereits innerhalb von 30 Minuten möglich. Mit Video-Walls und der „digitalen Warentischverlängerung“ mithilfe von Tablets soll das stationäre Sortiment zudem um Online-Artikel ergänzt werden.

Online mit dem stationären Geschäft im Team

Solche Multichannel-Pilotgeschäfte haben im Elektronikhandel gerade Hochkonjunktur. Die Präsentationstische werden durch Tablets ergänzt, auf denen Kunden zusätzliche Details und Rezensionen aus dem Cyberport-Onlineshop abrufen können; in einer Lounge haben die Kunden Zeit und Ruhe, Produkte auszuprobieren und die richtige Wahl zu treffen; zudem gibt es eine futuristische Innovationswand, auf der Produkte per Gestensteuerung virtuell betrachtet werden können.

Das neue Geschäft in Wien ist kleiner als die Stores in Berlin oder München, bietet aber ebenfalls interaktiven Kundenservice.
Vergrößern Das neue Geschäft in Wien ist kleiner als die Stores in Berlin oder München, bietet aber ebenfalls interaktiven Kundenservice.
© Cyberport

Der Store bietet ein breitgefächertes Produktangebot, das von Notebooks, Smartphones und TV-Geräten bis zu Weißer Ware und Haushaltsgeräten reicht. Bei der Wahl des Standortes bleibt der Elektronikversender seiner Strategie treu, Stores in Shopping-Zentren zu eröffnen – allerdings in einer hochwertigen Umgebung wie in Berlin und München: „Architektur in Form und Farbe, Eleganz, Nachhaltigkeit – mit dem Mona München haben wir uns bewusst für einen Standort entschieden, der unsere eigenen Werte trägt“, so Cyberport-Geschäftsführer Jeremy Glück.

0 Kommentare zu diesem Artikel
2071194