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Lernen mit iBooks Author - ein Interview

14.08.2014 | 10:00 Uhr |

Die Digitalisierung von Lehrmaterialen geht nur langsam voran. Der Eggenfeldener Schüler Andreas Huber hat die Sache daher selbst in die Hand genommen.

Andreas Huber ist siebzehn Jahre alt und besucht das Karl-von-Closen-Gymnasium in Eggenfelden. Dort wird der Unterricht wie fast überall noch mit traditionellen Lehrmaterialen bestritten – insbesondere papierhaften Büchern. Trotz Apples Bildungsinitiativen fehlt es noch an digitalen Büchern für Schulunterricht. Huber hat daher seine Mitschriften aus der achten Klasse selbst zu einem interaktiven Lehrbuch mit Apples iBooks Author aufbereitet. Das Buch ist nun im iBooks Store für jedermann zu haben. Macwelt hat mit dem jungen Autoren gesprochen.

Warst Du in Physik so gut oder so schlecht, dass Du das Buch machen müsstest?

Ich bin eigentlich in Physik sehr gut. Ich fand auch den Stoff in den Klassen sieben und acht und entsprechend die Inhalte der Lehrbücher „Physik 7“ und „Physik  8“ ganz spannend. Ich habe für die Oberstufe bei der Fächerauswahl Physik abgewählt, abgewählt, das Fach jedoch mit einer guten Note abgelegt.

War dein Buch „Physik 8“ mit einem Einverständnis des Verlages gemacht oder war dies deine persönliche Initiative?

Dies war meine persönliche Initiative.

Hast Du Dein E-Book auf Grundlage eines gedruckten Buches gefertigt?

Nein, einen Abdruck des E-Books „ Physik 8 “ gibt es nicht. Ich habe auf die Mitschriften von der Schule zurückgegriffen, diese dann ausformuliert und zu den einzelnen Themen noch auf Wikipedia recherchiert.

Warum hast Du für die Herstellung auf iBooks Author zurückgegriffen und das Buch über den iBooks Store vertrieben? Amazon beispielsweise ist ja deutlich größer.

Ich habe das Bildungsevent von Apple im Januar 2012 , auf dem auch iBooks Author vorgestellt wurde, mitverfolgt. Ich war sofort begeistert von dieser Software. Ich habe mit dem Programm ein bisschen herumgespielt, wodurch ich die Funktionsweise von iBooks Author erlernt habe. Im Übrigen fällt das ganz leicht, wenn man andere iWork-Apps wie Pages oder Keynote kennt.

Außerdem habe ich Kontakt mit den Verantwortlichen aus dem Bildungsbereich bei Apple, wodurch wir uns ja gegenseitig austauschen können, und dies kommt beiden Seiten zu Gute. Ich muss offen zugeben, dass ich mich sehr geehrt fühle, dass ich in diesem Bereich mit Apple kooperieren darf.

Andreas Huber
Vergrößern Andreas Huber
© Andreas Huber

Zusammenfassend sind es die Gründe meiner Treue zu Apple – die Einfachheit, weil die Software superleicht zu bedienen ist, dann die Freiheit bei der Gestaltung und auch zugleich das hohe Maß an Perfektion, das mir iBooks Author bietet; dann den Kontakt zu Apple, der eigentlich etwas später entstanden ist, aber heute ausschlaggebend ist, dass ich auch weiterhin bei Apple bleibe. Und vor allem die nahtlose Integration in das Apple „Eco-System“, also iOS, iBooks, Macs und iCloud. Das sind die Gründe, warum ich mich für iBooks Author entschieden habe und da vorerst auch bleiben werde.

Dein Buch ist im iBook Store verfügbar, hast Du das Buch auch bei einer weiteren Lernplattform von Apple, iTunes U, eingestellt?

Nein, das habe ich nicht gemacht, denn iTunes U ist eher für Schulen gedacht, die dort eigene Kurse anlegen können. Und wenn ich dort ein spezielles Buch hochladen würde, dann würde es kostenlos und ich will es ja verkaufen. Man kann natürlich aus iTunes U auf das Buch referenzieren, das würde dann nur ein Link darauf werden.

Wie lange hast Du für das Buch gebraucht?

Die Zeitspanne für die Herstellung ist ziemlich schwer einzuschätzen. Ich bin ja derzeit ein Schüler und habe nicht immer Zeit, denn ich schreibe auch Schulaufgaben und Klausuren. Teilweise lag das Buch wochenlang unberührt herum. Dann habe ich ein paar Tage intensiv daran gearbeitet. Wenn man den Zeitpunkt betrachtet, als ich das iBooks-Author-Dokument angelegt habe, bis ich das fertige Buch hochgeladen habe, ist ein Jahr vergangen. Ich muss dazu sagen, dass ich bei der Erstellung von der „Physik 8“ sehr viel gelernt habe, was die Möglichkeiten und die Funktionen von iBooks Author betrifft, so dass ich bei meinem neuen Buch „Physik 7“ viel schneller und effizienter arbeiten konnte. Ich schätze mal, es hat nur ein halbes Jahr gedauert, bis ich das nächste Buch erstellt habe.

Das heißt, das war ein „Learning by doing“  hoch zwei, weil Du beim Erstellen die Software gelernt und Physik wiederholt hast?

Ja, beim Erstellen hat mich primär die Software interessiert, weil ich sie so spannend finde. Ich habe mich primär für Physik entschieden, weil ich es sinnvoll finde, dass im naturwissenschaftlichen Bereich viele Inhalte und Sachverhalte durch Grafiken, Animationen und Videos visualisiert werden können. Ich persönlich mag noch Latein sehr gerne, aber ich habe mich bewusst dagegen entschieden, weil ich mit Latein nicht alle interaktive Möglichkeiten der Software aufzeigen konnte.

Gab es in diesem Entstehungsjahr irgendwelche besondere Erkenntnisse oder unerwartete Probleme?

Für mich als Neuling in dem Bereich war eigentlich nicht bekannt, woher ich die Bilder für das Buch beziehen kann. Einfach über Google nach bestimmten Stichwörter suchen und die gefundenen Bilder in das Buch zu kopieren würde nicht gehen, weil es urheberrechtlich nicht möglich ist. Ich habe dann zum Glück die Verzeichnisse von Flickr und Wikimedia Commons gefunden, die mir erlauben, die Inhalte für die kommerzielle Nutzung zu beziehen. Mitlerweile verweist auch Apple auf diese Quellen , die ich erst selbst finden musste. Auch die Veröffentlichung im iBooks Store war sehr problematisch, da man für ein kostenpflichtiges Buch nicht nur eine Kreditkarte, sondern auch eine US-Steuernummer benötigt, die ich natürlich als Schüler nicht habe. Zum Glück habe ich einen  Aggregatoren namens Neuronprocessing gefunden, der mir auch die Einstellung ermöglicht hat. Als eine willkommene Erleichterung habe ich die Support-Dokumente auf der Apple Webseite befunden. Sie waren an sich nicht schlecht. Seit Anfang des Jahres stehe ich im Kontakt zu dem Verantwortlichen des Bildungsbereichs bei Apple und ich wurde schon in Münchner Büro von Apple zu einer Präsentation eingeladen. Dabei konnte ich einige weitere Kontakte knüpfen, da waren zum Beispiel die Vertreter der Deutschen Schulbuchverlage anwesend, um neue Strategien und Möglichkeiten bei der Entwicklung von Lehrbüchern zu diskutieren.

Wann war dieses Treffen?

Im April, wenn ich mich richtig erinnern kann. Apple hat unterschiedliche Marketing-Strategien vorgestellt, wie man am besten die Lehrbücher bei der Zielgruppe vertreibt. Da waren zum Teil die sozialen Netzwerke angesprochen, dass dort die Möglichkeit besteht, einen direkten Link auf ein konkretes Buch zu setzen, anstatt einfach auf die Plattform zu verlinken, der Nutzer muss ja noch nach dem Buch suchen. Von den bekannten Verlagen waren Cornelsen und Pearson anwesend, aber ich schätze mal, sie werden nicht so schnell in den Bereich bei Apple einsteigen. Ein Grund ist, dass der iBooks Store zu plattform-gebunden ist, und keine Unterstützung für Android bietet.

Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Nun zum anderen Thema:  Hast Du deine Lieblingstastaturkürzel in iBooks Author?

Da meine Bücher aus dem naturwissenschaftlichen Bereich stammen, sind die Formeln unumgänglich und mit der Tastaturkombination „Wahl-Befehlstaste-E“ öffnet sich ein Fenster, wo man die Gleichung im LaTeX- oder im MathML-Format einfügen kann. So kann ich viel schneller und einfacher solche Formeln in mein Lehrbuch einfügen.

Das heißt, die Formeln werden extern erstellt und dann einfach einem iBooks-Author-Projekt hinzugefügt?

Ja genau, die Formeln müssen in diesen speziellen Formaten – LaTeX oder MathML – erstellt werden. Durch diese Tastaturkürzel kann man den Code dieser Formeln einfügen, sie werden von der Software (iBooks Author) dann richtig übernommen und als Text dargestellt.

Haben deine Mitschüler dein Buch auch in den Händen gehabt?

Nein. Ich bin auf einer Schule, die überhaupt keine Apple Produkte einsetzt und nur die Windows-PCs nutzt. Daher wissen die meisten von meinem Buch nichts.

Hast du vielleicht die Rückmeldungen von den Schülern nicht aus deiner Schule, die dein Buch gekauft haben?

Aus meiner Schule wusste wie gesagt keiner, dass ich ein Buch gemacht habe. Von den Schülern aus anderen Schulen habe ich auch nichts gehört.

Hast du die Rückmeldungen auf dein Buch seitens der Lehrer erhalten?

Die Lehrer, die mir zu meinem Buch eine E-Mail geschrieben haben, waren sehr positiv überrascht – sie haben eigentlich gedacht, dass es ein Lehrer gemacht hat. Sie habe es super aufgenommen. Die meisten haben gesagt, dass ich das unbedingt weitermachen soll. Einige haben kleinere Fehler gefunden oder Verbesserungsvorschläge geschickt.

War dein Buch im Unterricht benutzt?

Ich habe einige von den Lehrern gefragt, sie alle haben geantwortet, dass sie in keiner richtigen iPad-Klasse unterrichten oder dass sie überhaupt ein iPad für den Unterricht hernehmen.

Wer ist dann die Zielgruppe von deinem interaktiven Buch? Du hast gemeint, für deine Mitschüler kam es zu spät, die Rückmeldungen von den jüngeren Jahrgängen hättest du nicht gehabt. Die Lehrer, die sich das Buch gekauft haben, nutzten es ausschließlich privat und setzten es in keinem Unterricht ein.

Primär habe ich das Buch nicht als Verdienstquelle erstellt, sondern um die Software iBooks Author zu lernen. Die Zielgruppe sind die interessierten Eltern und Schüler, die zusätzliche Materialien begleitend zum Unterricht suchen.

Hast du irgendwelche besondere Erkenntnisse beim Erstellen des Buches gewonnen?

Dadurch, dass die beiden Stufen – sieben und acht – eigentlich für die Grundlagen in der Physik dienen und ich die Bücher während der neunten und zehnten Klasse erstellt habe, habe ich den ganzen Stoff wiederholt. In den älteren Stufen habe ich bemerkt, dass ich firm in diesen Grundlagen bin und viele Antworten auf die Fragen schneller weiß.

Du arbeitest ja momentan noch am Buch „Physik 7“. Könntest du dir vorstellen, weitere solche Bücher zu schaffen und wenn ja, aus welchem Bereich?

„Physik 7“ ist fertig und wird demnächst im iBooks Store erscheinen; für „Physik 8“ ist nächstes Jahr ein Update geplant, das Designänderungen mit sich bringt und kleinere Fehler ausmerzt.

Komplett neue Bücher sind nicht geplant, da ich in der Oberstufe bin und sehr viel Zeit für die Vorbereitung auf die Hausaufgaben und Tests draufgeht.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Unsere Einschätzung zu dem Buch "Physik 8"

Meine Schulzeit ist ja schon ein paar Jahre her und nur noch dunkel erinnere ich mich an die 8. Klasse Physik – was damals im G9-System an einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium die erste Begegnung mit diesem Zweig der Naturwissenschaft bedeutete. In den Untiefen meiner Bibliothek habe ich das Lehrbuch aus dem Schuljahr 1983/84 nicht mehr gefunden, was den Vergleich mit dem Werk „Physik 8“ von Andreas Huber ein wenig erschwert.

Soweit ich mich aber erinnern kann, war der Lehrstoff in jenem Schuljahr bei weitem nicht so umfangreich, wie der von Huber aufbereitete. Eingeteilt in die drei Bereiche „Energie“, „Aufbau der Materie und Wärmelehre“ und „Elektrizität“ vermittelt es einen umfangreichen und fundierten Überblick über Mechanik, Elektrodynamik und Elektronik, Festkörperphysik und Thermodynamik. Die Übungsaufgaben sind teils interaktiv (also mit Lösungen) gehalten und steigern sich von leicht bis knifflig – schön.

Den Formeln merkt man an ihrer perfekten Darstellung ihren LaTex und MathML-Ursprung an. Was aber natürlich fehlt, ist die mathematische Tiefe in der Beschreibung der Naturphänomene. Das liegt aber nicht am Autoren, sondern am Lehrplan: Differentialgleichungen lernt man an bayerischen Schulen leider erst zwei Jahre später kennen. Und dann wird Physik richtig interessant. Ich freue mich auf weitere Werke!

Dipl.-Phys. Peter Müller

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