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Lob und Tadel für den iPod

26.10.2001 | 00:00 Uhr |

Erstmals seit acht Jahren wagt sich Apple mit dem iPod wieder ein Stück aus seiner Nische heraus. Analysten sind sich uneins über die Chancen der Jobs-Company.

München/Macwelt - Neidisch blicken Kollegen und Mac-Anwender weltweit auf Jon Fortt von den San Jose Mercury News . Als einer der wenigen Pressevertreter hat Fortt bereits einen iPod testen können und kommt schnell zu einem Urteil: "Wenn Sie erst kürzlich einen Mac gekauft haben, 400 US-Dollar übrig haben und exzessiver Musik-Hörer sind, dann fällt die Wahl leicht: Kaufen Sie einen."
Etwas nüchterner betrachtet er jedoch Apples Anstrengungen, den MP3-Player an Kunden zu bringen, die nicht alle drei Kritereien erfüllen. So seien die Features Firewire, Flash-Speicher und Synchronisation nur Eingeweihten als "bahnbrechend" zu vermitteln. Einen "Anfängerfehler" könnte Apple sich außerdem geleistet haben, indem es für den iPod keinen Gürtel-Clip vorgesehen hat. Wie Fortt von den MP3-Player-Pionieren Sonic Blue erfahren hat, erwarten Käufer von mobilen High-End-Audiogeräten dieses Feature serienmäßig. Insgesamt meint Fortt jedoch, dass Apples Software- und Hardware-Ingenieure hervorragende Arbeit an dem Gerät verrichtet hätten, nun sei das Marketing-Team gefordert, mit einem hohen Einsatz den iPod in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage an den Mann zu bringen.

These und Antithese zu Apples Erfolgsaussichten lässt TheStreet.com seine Autoren Glenn Curtis und Arne Alsin vortragen.
Curtis sieht dabei Apples Zukunft rosig und glaubt, dass sich Geschichte wiederholt. Vor einem Jahr musste Apple erstmals nach drei Jahren wieder eine Gewinnwarnung aussprechen, in Folge des Quartalsverlusts sank der Aktienkurs der Company gar unter 14 US-Dollar. Mit spektakulären Produkten wie dem Powerbook G4 und der Einführung von Mac-OS X gelang Apple jedoch die Rückkehr in die Gewinnzone, der Aktienkurs stieg wieder bis auf 21 US-Dollar.
Von negativen makro-ökonomischen Einflüssen könne sich Apple zwar nicht ganz frei machen, doch dank iPod, der - mittlerweile von Microsoft in Windows XP adaptierten - Einsteiger-Videoschnittsoftware iMovie und zahlreicher in diesen Monaten erscheinender Mac-OS-X-Applikationen werde Apple einen erneuten Aufschwung nehmen. Die Barreservern von rund vier Milliarden US-Dollar seien für die Jobs-Company zudem ein starken Rückhalt.

Von der Apple-Aktie rät jedoch Arne Alsin in seinem Contra streng ab: "Kaufen Sie keine Apple-Anteile. Und wenn Sie welche besitzen, verkaufen Sie diese." Apple, so Alsin weiter, habe zwar einen harten Kern loyaler Kunden, doch verschlechtere sich die Marktposition immer mehr. Nur drei der letzten sechs Jahre konnte der Mac-Hersteller mit Gewinn abschließen, den Marktanteil von fünf Prozent in den USA (drei Prozent weltweit) hält der Analyst für irrelevant, eine signifikante Steigerung für unwahrscheinlich.
Zwar gelinge es Apple immer wieder "coole Produkte" wie den iPod zu entwickeln, gesteht Alsin ein, doch Investoren würden sich nicht von "coolness" angezogen fühlen, sondern von Profiten. Apples Business-Modell würde aber keine abwerfen, die PC-Industrie ist in einem Massenmarkt aktiv, in dem Apple mit viel zu hohen Preisen präsent sei.
Auch mit der Migration auf Mac-OS X hätte sich die Jobs-Company keinen Gefallen getan, wie Jim Heid von der L.A. Times in das gleiche Horn stößt. Während "early adopters" jetzt schon über ein Jahr auf Software wie Office für Mac-OS X warten, würden unter Windows XP sofort die meisten alten Programme laufen, ohne dass man die Systemumgebung wechseln müsse. Dieser Programm-Notstand wirft die Mac-Plattform noch weiter zurück, meint Alsin. Um zu überleben, müsse Apple Windows-Anwender zum Wechsel überreden. Nach seiner Schlussfolgerung gibt es jedoch keinen Grund das zu zun: "Das Spiel ist definitiv aus." Da helfe auch der Versuch, mit einer eigenen Ladenkette die Verkäufe anzukurbeln, nicht weiter. Der Einzelhandel hätte Apple sicher mehr Aufmerksamkeit geschenkt, verkauften sich die Produkte aus Cupertino besser. Zudem habe man das abschreckende Beispiel Gateway nicht berücksichtig. Alsins pessimistischer Schluss: "Schade, aber das letzte Kapitel ist bereits geschrieben."

Die Ausgangslage sieht der Gartner-Analyst Martin Reynolds ähnlich, doch kommt er zu einer positiven Conclusio. Apple habe mit seinen Produkten mal wieder einmal die Nase vorn, Mac-OS X sei beispielsweise leichter zu bedienen als Windows XP. Doch der Vorsprung reiche nicht aus, um Anwender zum Plattform-Wechsel zu überreden. In seinem Nischenmarkt jedoch leiste Apple hervorragende Arbeit: "Sie sind profitabel." In der gleichen News-Story der Nachrichtenagentur Reuters bedauert der langjährige Industrie-Insider und Microsoft-Kritiker David Coursey die Gegebenheiten des Marktes. Die Produkte aus Cupertino seien durch die Bank besser als die aus Redmond, doch "Apple hat es erneut nicht geschafft, Fluchtgeschwindigkeit zu erreichen." Einige Leute würden denken, Microsoft würde mit Windows XP Apple angreifen, "ich denke aber nicht, dass Microsoft das überhaupt interessiert." pm

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