877406

MIT stellt Studienmaterial online

17.04.2001 | 00:00 Uhr |

Durch Surfen schlau werden: Innerhalb der nächsten zehn Jahre will das MassachusettsInstitute of Technology (MIT) alle Studienmaterialien seiner Kurse online stellen. Der Zugriff wird kostenlos sein, um am MIT einen Abschluss zu erwerben, muss man sich aber weiterhin in Boston immatrikulieren.

Wie baut man einen Industrieroboter? Haben
Säuglinge eine eigene Ursprache? Wie entwickelt man eine perfekte
Datenverschlüsselung? Die Antworten auf diese Fragen gibt es bald
unter http://web.mit.edu - der Internetseite des Massachusetts
Institute of Technology (MIT). Und dieses Wissen, für das Studenten
pro Jahr 26 000 Dollar bezahlen, steht für Websurfer in aller Welt
künftig kostenlos bereit - mit einem einzigen Haken: Sie können
damit keinen MIT-Studienabschluss erwerben.

Die Welt sähe anders aus, wenn es das 136 Jahre alte MIT nicht
gäbe. In Boston im amerikanischen Nordosten entstanden allein in den
vergangenen Jahrzehnten Erfindungen wie künstliche Haut für
Patienten mit schweren Brandwunden oder Laser-Katheter für die
Mikrochirurgie. Dazu kommen grundlegende Erkenntnisse über die
Entstehung des Universums und die Entwicklung von Krebszellen. Auch
an der Wiege des Internet standen MIT-Forscher und deshalb fühlt
sich die altehrwürdige technische Universität besonders
verpflichtet, auch die Zukunft des World Wide Web zu definieren.

Innerhalb der nächsten zehn Jahre sollen alle Studienmaterialien
aus MIT-Kursen online verfügbar sein. Das schließt das geballte
Fachwissen von vielen der insgesamt 47 Genies mit ein, die als
Absolventen oder Lehrende der Uni den Nobelpreis erhielten. «Wir
bieten jetzt eine natürliche Verflechtung von amerikanischem
Bildungswesen und den Möglichkeiten des World Wide Web», beschreibt
MIT-Präsident Charles M. Vest das Internet-Projekt mit dem Titel
«OpenCourseWare» (OCW).

Zu Beginn der 60er Jahre entwickelten MIT-Forscher erstmals ein
Konzept für die Vernetzung von Computern; daraus entstand die
militärische Vorstufe des Internet, das ARPA-Net. 1989 schuf dann
Tim Berners-Lee im europäischen CERN-Labor für Teilchenphysik den
ersten funktionstüchtigen Browser das World Wide Web war geboren.
Berners-Lee arbeitet seit 1994 in Boston. Er leitet am MIT das von
ihm gegründete internationale World Wide Web Consortium (W3C). In
Zusammenarbeit mit dem CERN entwickelt das W3C die technischen und
technologischen Grundlagen des Internets.

Als Vorreiter bei der Internet-Entwicklung möchte das MIT nun
auch ein Vorreiter bei der Bereitstellung von Online-Inhalten sein.
Das OCW-Angebot soll schon während der Pilotphase, die im kommenden
Herbst beginnt, von Forschern in aller Welt und auch von
interessierten Laien genutzt werden. Charles Vest gibt offen zu,
dass zunächst ein kommerzielles Unterrichtsprogramm geplant war.
«Aber dann fiel unserer Fakultät etwas ganz Gewagtes ein.
OpenCourseWare richtet sich gegen den Trend zu materiellen Werten»,
preist Vest ganz ungeniert einen Plan, der in seinem Umfang
tatsächlich weltweit einmalig ist.

Andere Unis bieten wesentlich kleinere, kostenpflichtige Online-
Programme; gebührenfrei gibt es im Internet außerdem ausgewählte
wissenschaftliche Artikel. Das MIT will aber das gesamte
Unterrichtsprogramm der technischen Universität kostenlos
präsentieren. Vom Grundseminar für Studienanfänger bis zum letzten
Schliff für Prüfungskandidaten sind das insgesamt 2000 Kurse.
Abgedeckt werden nicht nur technische und naturwissenschaftliche
Disziplinen, sondern auch Bereiche wie Sprachforschung und
Soziologie.

Die Professoren machen gerne mit. «Ich hoffe sehr, dass unser
gesammeltes Vorlesungsmaterial die populärste Web-Adresse wird»,
sagt Olivier Blanchard, Leiter des Fachbereichs Betriebswirtschaft.
Ganz uneigennützig ist der Enthusiasmus der Universität und ihrer
Forscher natürlich nicht. Der ehrgeizige Online-Plan dient dem
weltweiten Ruhm des MIT, und er dient auch der Publikationsliste der
Professoren. Was online steht, gilt als akademische
Veröffentlichung. Und wer viel veröffentlicht, steigert Prestige und
Gehalt. dpa

0 Kommentare zu diesem Artikel
877406