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"Mac-OS X kommt Anfang 2000"

17.09.1999 | 00:00 Uhr |

Wird es ein verbilligtes Update auf Mac-OS 9 geben? Wann kommt Mac-OS X? Arbeitet Apple an einer Internet-Portalseite? Auf der Apple Expo in Paris Mitte September stellte sich Phil Schiller, Vicepresident Product Marketing und rechte Hand von Apple-Chef Steve Jobs, den Fragen der Macwelt.

Macwelt: Herr Schiller, im Oktober kommt Mac-OS 9 auf den Markt. Für Unmut unter Mac-Anwendern sorgt die Tatsache, dass Apple kein preisreduziertes Update für Besitzer von Mac-OS 8.5 anbieten will. Bleibt es bei dieser Geschäftspolitik, die schon den Verkäufen von Mac-OS 8.5 geschadet hat?

Schiller: Zuerst einmal möchte ich sagen, dass wir es bedauern, dass der Preis für ein Update immer wieder ein so großes Thema ist. Mit Mac-OS 9 haben wir ein großartiges Produkt, das auch einen gewissen Preis hat. Zudem bemühen wir uns, jedes Jahr ein großes Update des Mac-Betriebssystems auf den Markt zu bringen, das mit den neusten Technologien aus unseren Entwicklungslabors ausgestattet ist. Microsoft bietet höchstens alle 3 Jahre ein Update von Windows. Trotzdem haben Sie recht, die Nachfrage nach einem vergünstigten Update ist groß, und wir prüfen gerade die Möglichkeit, spezielle Angebote für Besitzer von Mac-OS 8.5 und 8.6 zu machen.

Macwelt: Gibt es schon konkrete Vorstellungen?

Schiller: Nein, aber wir arbeiten dran.

Macwelt: Mac-OS X sollte ursprünglich Ende dieses Jahres auf den Markt kommen, dann hieß es, Anfang nächsten Jahres. Sind Sie bei der Entwicklung im Zeitplan?

Schiller: Ja, Mac-OS X wird Anfang 2000 auf den Markt kommen.

Macwelt: Zur Macworld Expo in San Francisco?

Schiller: (schmunzelt) Das wäre gut möglich.

Macwelt: Apple hat den Kern von Mac-OS X als offenen Code freigegeben und sich so der Open-Source-Bewegung angeschlossen, die Linux in seiner jetzigen Form hervorgebracht hat. IBM hat nun die eigene Power-PC-Plattform für Hardwareentwickler kostenlos zur Verfügung gestellt. Wird Mac-OS X auf solchen Rechnern laufen?

Schiller: IBM hat CHRP für die Linux-Gemeinde entwickelt und möchte so den Power-PC-Prozessor dort stärken. Es ist jedem überlassen, Darwin auf CHRP zum Laufen zu bringen. Mac-OS X wird aber nur auf Apple-Hardware, also Macs mit G3- und G4-Prozessoren zu betreiben sein.

Macwelt: Verschiedentlich wurde die Forderung erhoben, wie Quicktime auch Sherlock für Windows-Rechner zu entwickeln. Wird Apple dies tun?

Schiller: Nein, definitiv nicht. Sherlock wird eine Mac-only-Applikation bleiben, mit der wir die Vorteile des Mac gegenüber anderen Plattformen weiter stärken.

Macwelt: Mit der Entscheidung, Software nicht mehr über CDs von Magazinen zu verbreiten, hat sich Apple zumindest in Europa einige Kritik eingehandelt. Hier sind die Bandbreiten im Internet nicht so hoch, zudem kosten die Downloads Gebühren.

Schiller: Mit Mac-OS 9 führen wir das automatische Update von Systemkomponenten via Internet ein. Wir sehen dies als die zukünftige, moderne Form der Software-Distribution und beschreiten diesen Weg schon jetzt konsequent. Zudem können wir bei CDs nicht das Umfeld beeinflussen. Viele Heft-CDs sind einfach nur Sharewaresammlungen. Wir möchten nicht, daß unsere Software in einem solchen Umfeld vertrieben wird. Wir werden aber in Zukunft unsere Software auch nicht mehr auf Heft-CDs lassen, die ausschließlich Apple-Software enthalten und nach unseren Vorgaben bedruckt sind. Software auf CDs zu vertreiben ist veraltet, deshalb stellen wir dies ab. Was die fehlende Bandbreite angeht, so ist dies ein Problem der Datenaufbereitung. Wir müssen unsere Daten so zur Verfügung stellen, daß man sie auch per Modem bequem herunterladen kann. Dies erreicht man durch bessere Kompression oder dadurch, dass man große Dateien in viele kleinere Stücke aufteilt. Als Maßstab werden wir in Zukunft die Bandbreite eines 56K-Modems zu Grunde legen.

Macwelt: Apple möchte gerade Quicktime 4 als Standard im Internet durchsetzen. So wird aber eine möglichst breite Streuung von Quicktime verhindert. Ein PC-Anwender wird kaum auf Apples Web-Site nach Software suchen.

Schiller: Das ist richtig. Allerdings funktioniert eine gute Software-Distribution auch genau anders herum. Statt jeden, ob er es will oder nicht, Quicktime 4 aufzudrängen, schaffen wir die Nachfrage über Inhalte. Wenn auf den Web-Sites von MGM oder Disney Quicktime-Inhalte geboten werden, dann gelangen die Anwender zum Download automatisch bei uns. Entscheidend ist, daß wir und andere im Web genügend Inhalte bieten.

Macwelt: Apropos Inhalte im Internet. Apple bezeichnet Mac-OS 9 als "ultimativen Web-Kompagnon" (Ultimate Web-Companion), nutzt das Internet selbst aber in erster Linie als Marketing- und Verkaufsinstrument. Inhalte werden wenig geboten.

Schiller: Das stimmt nicht, wir haben beispielsweise einen elektronischen Newsletter, den wir an alle Interessierten verschicken.

Macwelt: Aber auch dies ist eher ein Marketinginstrument. Worüber ich spreche ist eine Portalseite, die sich nicht nur mit Apple beschäftigt, sondern Mac-Anwendern zusätzliche Inhalte bietet.

Schiller: Das stimmt. Wir kooperieren derzeit mit Exite und anderen. Apples eigene Site behandelt ausschließlich unsere Hard- und Software.

Macwelt: Wäre es nicht sinnvoll, Mac-Anwendern eine eigene Portalseite zu bieten, auf die sie automatisch gelangen, wenn sie das erste Mal mit ihrem Mac ins Internet gehen, und wo sie ganz andere Inhalte wie Wetterdienste, Börsenkurse, Nachrichten und so weiter finden?

Schiller: Ja, das könnte durchaus sinnvoll sein.

Macwelt: Wird es so eine Site von Apple geben?

Schiller: (lacht) Ich sage nicht, dass es sie geben wird, sage aber auch nicht, dass es sie nicht geben wird.

Macwelt: Der G4-Mac ist ein großer Schritt nach vorne. Unsere Tests haben gezeigt, dass er auch ohne angepasste Software rund 20 Prozent schneller ist als ein Mac mit G3-Prozessor. Verwunderung hat die Tatsache ausgelöst, dass die G3-Macs von Apple ursprünglich Upgrade-fähig waren, es nach einer Überarbeitung der Firmware (Version 1.1) plötzlich aber nicht mehr sind.

Schiller: Nun, wir haben nie gesagt, dass unsere G3-Macs Upgrade-fähig sind, weder mit der ursprünglichen noch mit der aktualisierten Firmware. Wir selber bieten auch keine Upgrades an. Immerhin lassen sich drei unserer vier Modellreihen nicht aufrüsten.

Macwelt: Aber die G3-Macs verfügen über einen gesockelten Prozessor. Da geht der Kunde doch davon aus, dass er aufrüsten kann.

Schiller: Es wird Aufrüstmöglichkeiten von Drittanbietern geben. Dass die aktuelle Firmware dies nicht erlaubt, mag technische Gründe haben. Wie gesagt haben wir nie behauptet, dass unsere Rechner aufrüstbar sind.

Macwelt: Wie ist denn das Verhältnis von Apple zu Herstellern von Upgrade-Karten? Erhalten sie spezielle Unterstützung?

Schiller: Wir haben ein ganz normales Verhältnis. Die betreffenden Firmen sind bei uns als Entwickler registriert und haben in diesem Rahmen Zugang zu unseren Entwicklerunterlagen. Eine besondere Unterstützung gibt es aber nicht.

Macwelt: Der G4-Prozessor entfaltet seine Kraft erst so richtig, wenn Software für ihn optimiert wird. Gibt es hier eine spezielle Unterstützung für Software-Entwickler?

Schiller: Oh ja. Es haben bereits über 60 Firmen angekündigt, ihre Produkte für Velocitiy zu optimieren. Von Apple gibt es da jede notwendige Unterstützung. Wir haben zum Beispiel eng mit Adobe an dem Photoshop-Plug-in gearbeitet.

Macwelt: Wie groß ist der Aufwand, Software für Velocitiy zu optimieren?

Schiller: Da gibt es drei Stufen: Die einfachste Methode ist es, auf bereits umgeschriebene Software zurückzugreifen. Verwendet ein Programm beispielsweise Quicktime, dann wird es automatisch beschleunigt, sobald Quicktime optimiert ist. In einer zweiten Stufe können die Entwickler ihren Programm-Code mit der neusten Version von Codewarrior neu kompilieren. Dieser leitet Vektorkalkulationen automatisch an Velocitiy um. Dies ist wenig Arbeit. Das Optimum erreicht man, wenn man im Programm-Code selbst alle Vektorkalkulationen an die Velocity-Engine umleitet - was Adobe mit dem Photoshop-Plug-in gemacht hat.

Macwelt: Eine letzte Frage, die die Gemüter der Mac-Anwender bewegt: Warum hat das iBook kein Mikrofon? Mit Network-Booting und der Spracherkennung bei der Einwahl wäre ein Mikrofon sinnvoll.

Schiller: Wir haben das iBook von Grund auf neu entwickelt. Um Kosten zu sparen haben wir jedes einzelne Bauteil einer Kontrolle unterzogen: Brauchen wir es oder können wir drauf verzichten? Ein Mikrofon spielte bei portablen Rechnern bisher keine große Rolle, deshalb haben wir es weggelassen.

Netbooting, also die Möglichkeit, einen Rechner von einem Betriebssystem auf einem Server zu starten, spielt bisher bei Portablen keine große Rolle. Was passiert, wenn Sie die Verbindung zum Server verlieren? Wir arbeiten an Möglichkeiten, in einem solchen Augenblick den portablen Rechner automatisch von der internen Platte zu starten - aber derzeit ist Netbooting in erster Linie bei stationären Macs relevant.

Macwelt: Also kein Mikrofon am iBook?

Schiller: Derzeit gibt es USB-Lösungen von Drittherstellern. Dass spätere Entwicklungen uns dazu bringen, ein Mikrofon ins iBook einzubauen, ist natürlich durchaus möglich.

Das Interview führte Sebastian Hirsch

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