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Macbook Pro 2011: Wenn die Grafikkarte streikt

21.01.2015 | 11:00 Uhr |

Streifen, falsche Farben, Totalausfälle: Eine zunehmende Zahl Besitzer des Macbook Pro Baujahr 2011 klagt über heftige Probleme mit der Grafikkarte. Apple schweigt.

Zunächst ist es nur eine plötzliche kleine Verfärbung des Bildschirms, vielleicht ein Stich ins Magenta. Dann kommt es zur Bildung von Streifen und Klötzchen und sporadischen Abstürzen. Nach kurzer Zeit lässt sich der Rechner nicht mehr oder nur noch mit einem schwarzen oder weißem Bildschirm starten: Schon seit einiger Zeit häufen sich im Apple-Support-Forum , zahlreichen Blogs und Mac-Foren die Berichte über Probleme mit der dedizierten Grafikkarte der 2011er Macbook Pro mit 15- und 17-Zoll-Bildschirm , also Geräten der Baureihe Modell 8,1 und 8,2 (A1286 und A1297) mit AMD-Radeon-Grafikchips. Der Fehler tritt zwar nicht zwangsläufig bei jedem Gerät auf, doch wenn er auftritt, ist er außerordentlich unangenehm: Das Macbook Pro wird de facto unbenutzbar, eine Reparatur scheint nur durch den Austausch oder die Reparatur des Logicboards möglich, was hohe Kosten nach sich zieht

Von sporadischen Abst ürzen zum Totalversagen

"Zuerst gab es willkürlich Abstürze, die ich auf Parallels und ein Update der Thunderbolt Display-Firmware geschoben habe", berichtet etwa Macwelt-Leser Benjamin Toussaint. "Die Abstürze traten dann aber gehäuft und in immer kürzeren Abständen auf. Das Macbook lief ganz normal, nach 10 bis 20 Minuten wurde der Bildschirm schwarz oder zeigte quer gestreifte Balken. Hin und wieder war, vor allem auf dem angeschlossenen Thunderbolt-Display, der Desktop intakt, aber so verschoben, als hätte man eine Litfasssäule zur Hälfte weitergedreht. Beim Neustart blieb der Rechner direkt danach mit weißem Bildschirm hängen, fuhr aber nach einigen Minuten Wartezeit wieder normal hoch und funktionierte wieder etwa 20 Minuten lang." An sinnvolles Arbeiten ist unter diesen Bedingungen natürlich nicht zu denken. Toussaint vermutete einen Hardware-Fehler und brachte das Gerät im Apple-Store in Köln zur Reparatur, wo bei dem drei Jahre alten Gerät das Logicboard getauscht wurde. "Auf den 460 Euro werde ich wohl sitzen bleiben", so Toussaint.

Und er ist längst nicht der einzige Macbook-Pro-Besitzer mit einem 2011er-Modell, der über solche Probleme klagt: Foren-Nutzerin Martina B. etwa berichtet, dass sie das Macbook-Pro- Logicboard gleich drei Mal tauschen ließ. Der Fehler trat bei ihr auch nach dem Tausch des Boards binnen kürzester Zeit wieder auf, und auch viele andere Leser und Macbook-Nutzer im Internet berichten von ähnlichen Schwierigkeiten und hohen Reparaturkosten bei Apple selbst oder einem Service-Provider, da der Fehler zumeist deutlich nach Ablauf der standardmäßig einjährigen Apple-Garantie auftritt – und nicht selten sogar erst nach Ablauf des dreijährigen Apple-Care-Schutzes, den längst nicht jeder hat. Das Problem äußert sich mit zunehmender Heftigkeit durch Verfärbungen, Darstellungsfehler und Abstürze, bis letztlich der Rechner komplett den Dienst versagt. Die Fehlerbeschreibungen unterscheiden sich oft erheblich, gemein haben sie jedoch, dass vor allem Geräte aus dem Jahr 2011 betroffen sind.

 

Fehlerhafte Grafikchips von Macbook Pro des 2011er-Jahrgangs müssen eigentlich ausgetauscht werden. Einige Drittanbieter bieten dieses Verfahren an. ©Smartmod
Vergrößern Fehlerhafte Grafikchips von Macbook Pro des 2011er-Jahrgangs müssen eigentlich ausgetauscht werden. Einige Drittanbieter bieten dieses Verfahren an. ©Smartmod
© Smartmod

Fehlerhafte Grafikchips und thermische Probleme

Schuld an dem Fehler ist der dedizierte Grafikchip des Macbook Pro: Er stirbt bei betroffenen Geräten schlicht und einfach den Hitzetod , eine Folge eines fatalen Zusammenspiels dreier Faktoren, die Jan Petermann, Chef des Reparatur-Dienstleisters Smartmod gegenüber Macwelt benennt: Einerseits sei der von Apple verbaute Grafik-Chip von AMD fehlerhaft , sein Hitzemanagement funktioniere nicht richtig. Das sei aber so lange kein Problem, wie eine ausreichende Kühlung des Chips gewährleistet sei. Hier kommt das zweite Problem zum Tragen: Einerseits seien Apples Macbooks durch das schlanke Design in Sachen Wärmeabfuhr ohnehin auf Kante genäht, andererseits gebe es aber auch Verarbeitungsfehler: "Uns fällt immer wieder auf, dass bei der Produktion viel zu viel Wärmeleitpaste aufgetragen wurde, was eine Ableitung der Hitze verschlechtert. Außerdem sind die Kühlrippen und die Kühlauslässe recht klein dimensioniert, was bedeutet, dass sich die heiße Luft staut und nicht schnell genug entweichen kann", erklärt Petermann.

Dadurch käme es häufig zum dritten Problem: Durch eine "unsachgemäße" Benutzung – etwa den Betrieb im Bett oder anderen sehr staubigen Umgebungen – kommt es zu einer zusätzlichen Verschmutzung des Kühlsystems oder einer (zeitweisen) Verstopfung der Lüftungsschlitze, was den Hitzestress erhöht. Die Folge ist Heißlaufen des Grafikchips, die laut Petermann zu einem hitzebedingten Bruch von Lötstellen führt. Dieser zieht seinerseits den geschilderten Fehler nach sich. Abhängig von der konkret gebrochenen Lötstelle – die AMD-Grafikchips besitzen rund 1 000 Stück – tritt der Fehler heftiger oder schwächer, häufiger oder seltener auf und zeigt sich in zahlreichen Facetten. Eine dauerhafte Abhilfe bringt nach Ansicht des Smartmod-Chefs nur ein eine Reinigung des Geräts samt Korrektur des Kühlsystems und Austausch des fehlerhaften Grafikchips.

Fehlerhafte Grafikchips, ein unzureichendes Kühlsystem und Staub sorgen in der Regel für das verfrühte Ableben der Macbook-Grafikchips. ©Smartmod
Vergrößern Fehlerhafte Grafikchips, ein unzureichendes Kühlsystem und Staub sorgen in der Regel für das verfrühte Ableben der Macbook-Grafikchips. ©Smartmod

 

Gründe für den Grafikkarten-Tod der 2011er-Macbooks

Fehlerhafte Grafikchips

Die in den betroffenen Macbooks verbauten Radeon-Grafikchips verfügen zum Teil über ein fehlerhaftes Temperaturmanagement. Die Folge ist eine Überhitzung des Prozessors samt Bruch der Lötstelle, der zu einem "Wackelkontakt" führt.

  Unzureichendes K ühlsystem

Leistungsstarke Komponenten im engen Macbook-Gehäuse sorgen dafür, dass es im Gerät sehr heiß wird. Verarbeitungsfehler seitens Apple – etwa zu viel Wärmeleitpaste – tragen dazu bei, dass die Hitze nicht richtig abgeführt wird.

  Verstaubte L üftung

Die Problematik der fehlerhaften Grafikchips und der unzureichenden Kühlung wird durch die Benutzung des Macbook in staubigen Umgebungen wie Bett und Couch noch verschärft, verstopfte Kühlschlitze oder Lüfter können zum Hitzetod beitragen.

  Apple schweigt

Update 27.02.2015: Apple startet das Austauschprogramm

Auf einer Support-Seite stellt Apple allen betroffenen Nutzern eine Abhilfe in Aussicht.

Auf das Problem angesprochen, gibt sich Apple wie immer zurückhaltend, eine Antwort auf unsere Anfrage steht zur Drucklegung noch aus. Ein Austausch- oder Kulanzprogramm ist seitens Apple jedoch derzeit – anders als es bei einigen älteren Macbook-Modellen der Fall war – nicht geplant. Fatal für betroffene Nutzer ist in diesem Zusammenhang natürlich die Tatsache, dass die Probleme erst nach geraumer Zeit und zumeist nach Ablauf der Garantie auftreten. Rufen betroffene Nutzer beim Apple-Support an, werden sie von Apple mit den üblichen Tricks – PRAM-Reset, SMC-Reset, Neuinstallation des Betriebssystems – abgespeist, doch das ist Arbeitsaufwand ohne Nutzen, wie auch Deutschlands größter Apple-Servicepartner Gravis bestätigt: "Der Fehler ist uns bekannt. Auch an uns sind bereits mehrere Kunden herangetreten. Der Fehler ist leider nicht durch ‘einfache Tricks‘ zu beheben, wie zum Beispiel durch einen Reboot oder die Neuinstallation des Betriebssystems. Das Gerät muss repariert und die Hauptplatine ausgetauscht werden", erklärt Carsten Brandt, Sprecher von Gravis.

Über Fallzahlen oder den Prozentsatz betroffener Geräte könne er jedoch keine Angaben machen. Allerdings wären Probleme mit den Macbooks kein neues Thema für Apple: Der thermische Stau als Folge der Entscheidung, extrem leistungsstarke Hardware in ein derart schlankes Gehäuse wie beim Macbook Pro zu pressen, führte bereits in der Vergangenheit zu technischen Schwierigkeiten mit Lötstellen. Auch einige ältere Macbook Pro-Baureihen waren von Problemen dieser Art betroffen, die Häufung bei der 2011er-Serie deutet jedoch auf einen Serienfehler hin, dessen Ursache nicht nur in mangelnder Gerätepflege zu suchen ist.

Gef ährliche Tricks im Internet

In ihrer Hilflosigkeit und konfrontiert mit den hohen Reparaturkosten, die oft keine langfristige Abhilfe schaffen, greifen viele Nutzer zur Selbsthilfe – oft mit fatalen Folgen: Im Internet kursieren etwa Tricks, in denen dazu geraten wird, das Logicboard des Macbook Pro auszubauen und zu backen, also im Backofen auf eine Temperatur von 200° C zu bringen. Das soll die gebrochenen Lötstellen reparieren, da sich das Lot aufheize, schmelze und die Kontakte wieder schließe. Grundsätzlich kein schlechte Idee, allerdings oft mit fatalen Folgen. Jan Petermann rät dringend von dieser Methode ab: "Ein Reworkprozess bei modernen Boards muss in einem sehr engen Prozessfenster stattfinden: Das Lot schmilzt erst bei etwa 220° C, heißer als 250° C darf die Baugruppe aber nicht werden. Die Backofen-Methode kann bei dieser Temperatur also nicht funktionieren , stellt man den Ofen heißer ein, beschädigt man mit allergrößter Wahrscheinlich das Board irreparabel." Abgesehen davon besteht natürlich auch die Gefahr, das Board bei unsachgemäßem Aus- und Einbau zu beschädigen.

Das Tool gfxCardStatus kann den Betrieb betroffener Macbooks aufrecht erhalten oder sogar den Fehler vermeiden. Ist er jedoch einmal aufgetreten, hilft nur noch eine Reparatur.
Vergrößern Das Tool gfxCardStatus kann den Betrieb betroffener Macbooks aufrecht erhalten oder sogar den Fehler vermeiden. Ist er jedoch einmal aufgetreten, hilft nur noch eine Reparatur.

Tempor äre Abhilfe schafft ein kleines Tool

Wesentlich sinnvoller ist es, das Board des Macbook beim Auftreten des Fehlers austauschen oder reparieren zu lassen. Grundsätzlich empfiehlt sich bei allen Macbooks der 2011er-Baureihe – auch wenn der Fehler noch nicht aufgetreten ist – die Installation des kleinen Tools Gfx Cardstatus , um im Fall der Fälle eine Datensicherung durchführen zu können: Gfx Cardstatus erlaubt die manuelle Deaktivierung der eingebauten dedizierten Grafikkarte, stattdessen wird die Chipsatz-Grafik – im Fall der betroffenen Macbooks die Intel HD3000 – verwendet. Allerdings wird erst im laufenden Betrieb umgeschaltet, da das Tool natürlich erst auf Betriebssystem-Ebene greift. Eine dauerhafte Lösung ist damit nicht möglich, wie Macwelt-Leser Björn Scholz berichtet: "Das funktioniert ein paar Tage, dann friert der Rechner wie vorher auch wieder ein." Wenn er denn bei schwerer Symptomatik überhaupt startet, denn beim Systemstart werden natürlich beide Grafikeinheiten einer Prüfung unterzogen.

Merkt das Macbook beim Selbsttest, dass etwas mit der Grafikkarte nicht stimmt, fährt es möglicherweise gar nicht hoch. Allerdings tritt der Grafikkartenfehler nach Berichten vieler Anwender im Netz in der Regel schleichend auf, ein Totalausfall des Macbook mit dem ersten Auftreten des Fehlers ist vergleichsweise unwahrscheinlich. Scholz hat trotzdem eine Lösung, und zwar in Form einer selbstgebauten Linux-Distribution , die nur die Intel-Chipsatzgrafik des Macbook Pro anspricht. Nichtsdestotrotz sollte jeder Nutzer eines Macs – egal, ob es sich um betroffene Macbook Pro oder eine andere Baureihe handelt – jederzeit ein aktuelles Time Machine-Backup zur Hand haben. Nur so können im Fall der Fälle die Daten schnell auf ein Ersatz- oder Austauschgerät übertragen werden.

Es gibt M öglichkeiten, den Fehler zu vermeiden oder herauszuz ögern

Besitzer eines 2011er Macbook Pro, bei dem der Fehler noch nicht aufgetreten ist, sitzen im Zweifelsfall auf einer tickenden Zeitbombe . Allerdings gibt es Möglichkeiten, den Tod der Grafikkarte zu vermeiden oder herauszuzögern: Es ist ratsam, das Macbook regelmäßig zu reinigen, insbesondere die Lüftungsschlitze am Display-Scharnier und die Lüfter im Gerät sind neuralgische Punkte und verstauben schnell. Eine Reinigung mit Druckluft ist hier das Mittel der Wahl, wobei sich die Lüfter dabei allerdings nicht drehen dürfen, da es sonst zu Überspannungen kommen kann, die ihrerseits Schäden verursachen. Sinnvoll ist zudem, das Book nicht auf weichen Oberflächen wie Bett und Couch zu betreiben und von Staub fernzuhalten. Eine externe Kühlung – etwa über Stand-Lösungen wie den mStand von Raindesign – empfiehlt sich ebenfalls.

Wer auf die dedizierte Grafikkarte verzichten kann, sollte sie zudem prophylaktisch mit Gfx Cardstatus deaktivieren, da viele schlecht programmierte und ältere Programme dafür sorgen, dass der AMD-Grafikprozessor intensiv genutzt wird, ohne dass er wirklich benötigt wird. Auch auf grafikintensive Spiele sollten Besitzer der betroffenen Baureihe verzichten. So überlebt das Book möglicherweise noch bis zur nächsten Neuanschaffung, eine grundsätzliche Vermeidung des Fehlers ist jedoch nicht möglich, er kann bei der betroffenen Baureihe jederzeit auftreten. Benjamin Toussaint jedenfalls wird auf seinen Reparaturkosten erst einmal sitzenbleiben und ist von Apple enttäuscht: "Apple gibt viel Geld für Marketing aus und will das Mysterium um die eigenen Produkte pflegen. Aber das Unternehmen ist gerade dabei, sich eine Menge überzeugter Kunden zu vergraulen. Und das mit einem Fehler, den Apple eigentlich seinen Zulieferern anlasten könnte." Denn der fehlerhafte Grafikchip kam schließlich von AMD.

Was tun, wenn es passiert?

Es gibt nur wenige Möglichkeiten, ein betroffenes Macbook Pro wieder in Betrieb zu nehmen. Bei einigen Usern kommt es nur zu sporadischen Abstürzen oder Grafikfehlern, das Book selbst lässt sich jedoch noch benutzen. Andere Anwender berichten von schweren Grafikfehlern bis hin Totalausfällen, die einen Systemstart unmöglich machen. So oder so ist in einem solchen Fall eine Reparatur nötig: Service-Partner bieten diese in Form eines Logicboard-Tauschs an, was zwischen 450 und 700 Euro kostet.

Eine alternative Methode bieten Anbieter wie Smartmod oder Witcomp an: Sie tauschen den betroffenen Grafikchip gegen eine modernere Variante mit funktionierendem Temperaturmanagement aus. Die Kosten dafür liegen deutlich unter denen für einen Komplettaustausch des Logicboards. Von anderen, oft bei Ebay und Co. günstig angebotenen Methoden – etwa dem sogenannten Reflow, bei dem der defekte Chip erhitzt wird oder dem Reballing, bei dem er aus- und wieder eingelötet wird – sollten betroffene Nutzer absehen: Entsprechende Reparaturen halten in der Regel nicht lange, da mit dem fehlerhaften Grafikchip das Kernproblem im System verbleibt.

 

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