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Memo von Jobs an Apple-Mitarbeiter

04.09.1997 | 00:00 Uhr |

Mit der vorangestellten Warnung "Nur für den Apple-internen Gebrauch - Bitte nicht weiterleiten" begründete Steve Jobs am Dienstag in einem Memo an Apple-Mitarbeiter, warum Apple die Firma Power Computing übernommen hat. Hier Auszüge seines Schreibens, das ein anonymer Apple-Mitarbeiter der Presse zuspielte, in deutscher Übersetzung:

"Heute hat Apple für Aktien im Wert von 100 Millionen Dollar Power Computing gekauft.

Laßt mich erklären, warum wir dies tun:

Der erste Grund ist, daß die Lizenzgebühren, die Apple von den Lizenznehmern erhält, nicht im Verhältnis zu den Kosten stehen, die für die Entwicklung und Vermarktung der Mac-OS-Plattform anfallen. Dies bedeutet im Grunde, daß Apple jede lizenzierte Kopie des Mac-OS mit mehreren hundert Dollar subventioniert. Unser Aufsichtsrat ist davon überzeugt, daß Apple niemals wieder profitabel wird, wenn wir mit dieser Praxis fortfahren, ganz gleich, wie gut Apple ist. Das gesamte Macintosh-"Ökosystem" würde sich weiterhin verschlechtern, und möglicherweise würde dies den Tod beider, den Tod Apples und der Clone-Hersteller, bedeuten. In diesem Szenario gäbe es keine Gewinner - und die Kunden hätten am Ende keine Wahl mehr, Macs zu kaufen.

War es nicht möglich, die Lizenzgebühren anzuheben?

Wir haben es versucht und sind gescheitert. Wie Ihr wißt, hält sich Apple an alle abgeschlossenen Lizenzverträge. Die Lizenznehmer wollen ihre Lizenzen dahingehend ausgebaut haben, daß diese auch die Nutzung des Mac-OS auf CHRP-Rechnern und portablen Computern erlauben; beides ist in den bestehenden Verträgen nicht vorgesehen. Apple war bereit, die Lizenzen so auszuweiten, daß sie diese Rechte beinhalten, aber nur wenn wir dafür als Gegenleistung die Lizenzgebühren auf ein Niveau hätten anheben können, daß, wie ich glaube, einen fairen Anteil an den Kosten für die Entwicklung und Vermarktung der Mac-OS-Plattform reflektieren würde. Power Computing und andere Clone-Hersteller haben dieses Angebot zurückgewiesen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Power Computing der größte Hersteller von Mac-OS-Clones ist und das Unternehmen im Macintosh-Markt eine Pionierleistung im Direktvertrieb vollbracht hat (eine Richtung, die wir einschlagen wollen), haben wir entschieden, daß es das Beste wäre, sie zu kaufen.

Was wird mit Power Computing geschehen?

Unter den Vermögenswerten, die Apple von Power Computing erwirbt, ist das Recht, einige ihrer Mitarbeiter in Schlüsselpositionen zu übernehmen, die Erfahrung im Direktvertrieb, im Produzieren auf Bestellung und im Ingenieur-Bereich haben; ferner deren Kundendatei und ihre Lizenz zum Vertrieb des Mac-OS. Power Computing wird eine unabhängige Firma bleiben und auch den Namen beibehalten. Für Kunden von Power Computing wird Apple den Support für das Mac-OS anbieten, während Power Computing für die Hardware und Garantieleistungen zuständig ist. Wir heißen die Kunden und wichtigen Mitarbeiter von Power Computing in der Apple-Familie herzlich wollkommen.

Was ist mit den anderen Clone-Herstellern?

Wir haben keine Pläne, irgend einen anderen Clone-Hersteller zu übernehmen, auch nicht deren Mac-OS-Clone-Geschäfte. Apple hält sich an alle unterzeichneten Lizenzverträge, aber wir haben entschieden, daß wir keine Lizenz vergeben werden, die eine Version des Mac-OS für CHRP-Hardware beinhaltet.

Die Clones haben den Mac-OS-Markt erweitert - was wird jetzt ohne sie?

Diese weit verbreitete Ansicht ist falsch. So sind beispielsweise nur 1 Prozent der Kunden von Power Computing neue Mac-OS-Kunden gewesen. Die Clone-Hersteller haben den Markt für Mac-OS-Computer nicht erweitert. Tatsächlich ist die Gesamtzahl aller verkauften Mac-OS-Computer in den vergangenen zwei Jahren um 20 Prozent gesunken. Es ist unsere Aufgabe, dies zu ändern, und einer der ersten Schritte besteht darin, Apples finanzielle Gesundheit wiederherzustellen - das wäre sehr, sehr schwierig, wenn Apple weiterhin die Clone-Hersteller subventionieren würde.

Wie es weitergeht

Für viele Mitarbeiter und Kunden von Apple ist das Ganze eine emotionale Angelegenheit. Unser Aufsichtsrat hat sich mit dieser Entscheidung nicht leicht getan - wir sehen keinen anderen Weg, Apples finanzielle Gesundheit wiederherzustellen und zu gewährleisten, daß unsere Kunden auch künftig die Wahl haben, sich für das Mac-OS zu entscheiden.

Viele glauben, daß Apple im Zeitraum 1988 bis 1992 einen goldenen Weg verpaßt hat, das Macintosh-Betriebssystem an Clone-Hersteller zu lizenzieren, und daß das Mac-OS, hätte sich Apple schon damals für die Lizenzierung entschieden, heute mit Windows als dem Betriebssystem-Standard für Personalcomputer konkurrieren könnte. Wir werden es niemals wissen. Leider belastet die Tatsache, daß Apple eine so große Chance vertan hat, das Unternehmen bis heute. Die Folge war, daß Apple so armselige geschäftliche Entscheidungen getroffen hat, die zu der heute existierenden Lizenzsituation geführt haben.

Heute vertreiben wir diesen bösen Geist und wenden uns unserer Zukunft zu.

Wir erwarten und schätzen Eure Unterstützung."

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Nachfolgend nochmals die Macwelt-Meldung zur Übernahme von Powercomputing durch Apple:

Apple übernimmt Teile von Power Computing (02.09.97)

Apple hat soeben bekanntgegeben, daß das Unternehmen die Kernbereiche des Clone-Herstellers Power Computing kauft.

In der Übereinkunft, die Apple Aktien im Wert von 100 Millionen Dollar kostet, ist festgehalten, daß Apple Angestellte in Schlüsselbereichen wie Direktmarketing, Vertrieb und Entwicklung übernehmen kann. Außerdem erwirbt Apple die Nutzungsrechte an Power Computings Kundenstamm und kauft auch die Lizenz für das Mac-Betriebssystem zurück, die Power Computing im Dezember 1994 erworben hatte.

In einem Statement erklärte Apples Aufsichtsratsmitglied Steve Jobs, daß Power Computing die führende Rolle beim Direktmarketing im Mac-Bereich eingenommen habe. "Wir freuen uns, aus ihren Erfahrungen zu lernen, und heißen ihre Kunden wieder in der Apple-Familie willkommen."

Power Computing wird seinen Firmennamen beibehalten und bis einschließlich 31. Dezember 1997 weiter Mac-OS-kompatible Rechner verkaufen. Apple wird den Kunden von Power Computing Support für das Mac-OS bieten, während Power Computing für die Hardware und Garantieleistungen zuständig bleibt.

Was weiter mit Power Computing geschehen wird, ist bislang noch nicht bekannt. Power Computing hatte Mitte des Jahres angekündigt, ab 1998 auch Intel-basierte PCs und Server herstellen zu wollen. ab

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