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Menschliches Genom entziffert

15.04.2003 | 12:18 Uhr |

Washington (dpa) - Die Entzifferung des menschlichen Erbguts haben Forscher und Politiker am Montag als «Meilenstein» in der Geschichte der Menschheit gefeiert. Die nun endgültige Version der Abfolge aller drei Milliarden DNA-Bausteine stellten Genetiker aus sechs Ländern in Washington vor. Beteiligt waren auch drei deutsche Institute aus Berlin, Braunschweig und Jena. Das Erbgut wurde in 13-jähriger Arbeit zu rund 99 Prozent entziffert. Weiter ist es beim derzeitigen Stand der Technik nicht möglich.

Die Regierungschefs der Länder, unter ihnen auch Bundeskanzler Gerhard Schröder, erklärten sich in einer gemeinsamen Stellungnahme "stolz" über den Erfolg ihrer Forscher. "Die genetische Sequenz gibt uns den Schlüssel zum Verständnis unserer selbst in die Hand - den Schlüssel zu revolutionären Fortschritten in den biomedizinische Wissenschaften, für die Gesundheit und zum Wohle der Menschheit". Weiter heißt es in der Erklärung: "Der heutige Tag ist ein bedeutender Tag auf dem Weg hin zu einer gesünderen Zukunft für alle Völker der Erde, deren gemeinsames Erbe das menschliche Genom einschließt".

"Das Human-Genom-Projekt war eine unglaubliche Abenteuerreise in unser Inneres", sagte der Leiter der Human-Genom-Organisation (HUGO), Francis Collins, bei der Feierstunde. Die 1990 begonnene und jetzt abgeschlossene Entzifferung des menschlichen Erbguts wird weithin als ehrgeizigstes Forschungsprojekt aller Zeiten betrachtet.

"Wir haben erstmals Einblick in jene Bauanleitung (für den Menschen) bekommen, die bisher nur Gott kannte", hatte Collins bereits vor drei Jahren bei einer Feierstunde in Washington verkündet. Damals hatten die Forscher der staatlich finanzierten Human-Genom-Organisation (HUGO) sowie der private Genforscher und damalige Präsident der Firma Celera Genomics, Craig Venter, jeweils eine erste Blaupause des menschlichen Genoms vorgelegt. Sie wiesen noch erhebliche Lücken auf.

An dem staatlich finanzierten Mammutunterfangen hatten hunderte Forscher in 20 Sequenzierlabors in den USA, Großbritannien, Deutschland, China, Japan und Frankreich mitgearbeitet. Alle Erkenntnisse sind in Datenbanken veröffentlicht und stehen über das Internet frei zur Verfügung.

Der amerikanische Nobelpreisträger James Watson, der vor 50 Jahren mit seinem britischen Kollegen Francis Crick die Struktur des DNA entdeckt hatte, bezeichnete die Vorlage des menschlichen Erbguts als einen "wahrhaft bedeutsamen Moment für jeden Menschen rund um den Globus". Er habe sich 1953 nicht träumen lassen, dass er die Aufzeichnung des menschlichen Erbguts noch miterleben werde. Watson wurde 1988 erster Direktor des Genomprojektes, das zwei Jahre später mit der Sequenzierung anfing.

Die gewaltige Datensammlung soll helfen, die Erbanlagen für Krankheiten wie Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen oder Diabetes zu identifizieren und bekämpfen. Nach Informationen des Koordinators des Deutschen Humangenomprojekts in Braunschweig, Helmut Blöcker, sind derzeit bereits knapp 1500 der 30.000 menschlichen Gene als "Krankheitsgene" bekannt.

Zu den Zielen der HUGO-Forscher gehört, das individuelle Erbgut von Menschen für Kosten unter 1000 Dollar (930 Euro) zu sequenzieren. Damit könnte jeder Interessent einmal eine Analyse seiner erblichen Anlagen erhalten und Vorsorge für bestimmte Krankheiten betreiben, für die er genetisch prädestiniert ist, sowie seinen Lebensstil und die Ernährung entsprechen anpassen. Außerdem sollen die Daten die Entwicklung maßgeschneiderter Medikamente für den einzelnen Patienten ermöglichen.

Aus dem Vergleich des menschlichen Erbguts mit dem anderer Organismen möchten Genetiker weitere Erkenntnisse über den Ursprung bestimmter Krankheiten und neue Therapie-Möglichkeiten gewinnen. So sind etwa Schimpansen, deren Erbgut dem des Menschen zu 98,8 Prozent gleicht, gegen Krankheiten wie Aids und Malaria gewappnet. Von der Entdeckung jener Erbanlagen, die Affen vor diesen Infektionen schützen, erhoffen sich Forscher Fingerzeige auf entsprechende Prävention beim Menschen.

Außer dem Erbgut des Menschen ist inzwischen unter anderem das Genom der Maus, zwei verschiedener Taufliegen, zweier Würmer, verschiedener Pflanzen und Mikroben sowie der Hefe und weiterer Pilzarten erforscht. In Arbeit ist derzeit das Genom der Honigbiene, des Schimpansen, des Rinds, des Hundes und des Huhns.

In Deutschland hatten sich seit 1995 drei Einrichtungen an der Entzifferung des menschlichen Erbguts beteiligt: das Institut für Molekulare Biotechnologie (Jena), das Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik (Berlin) und die Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (Braunschweig).

Info: Datenbank des menschlichen Genoms (Ensemble.org) Info: Hugo-Homepage

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