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Mexiko ist ein Paradies für Produktpiraten

05.04.2004 | 10:46 Uhr |

In dieser Statistik würde sich Mexiko am liebsten als Schlusslicht sehen. Bei der Produktpiraterie nimmt das Land derzeit weltweit den sechsten Rang ein, wie das Bündnis zum Schutz Geistigen Eigentums IIPA (International Intellectual Property Alliance) ermittelt hat.

Im Vorjahr landete die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas auf Platz drei hinter China und Russland. Die Produktpiraterie kostet Mexiko viele Arbeitsplätze. In der Hauptstadt lässt sich erahnen, warum Mexiko so schlecht abschneidet. Zahlreiche Straßenhändler bieten Parfüms oder T-Shirts mit Logos bekannter Sportartikelhersteller an - nachgemacht. An Straßenständen, vor U-Bahn-Eingängen oder in der U-Bahn selbst werden massenweise illegal gebrannte CDs und DVDs für einen Bruchteil des Ladenpreises verkauft.

Musikindustrie am meisten betroffen

Die mexikanische Musikindustrie leidet nach IIPA-Berechnungen am meisten unter der Produktpiraterie. Von 1997 bis 2003 verlor sie wegen Raubkopien 1,42 Milliarden US-Dollar. An zweiter Stelle folgt die Unternehmenssoftware-Branche (909 Mio USD), dann die Unterhaltungssoftware (686 Mio USD) und die Filmindustrie (388 Mio USD), Insgesamt verursachte die Produktpiraterie während dieser Zeit in Mexiko Verluste von 3,65 Milliarden Dollar. Der Präsident der Textilindustrie-Kammer, Rosendo Vallés, betont, dass 60 Prozent der im Land verkauften Kleidung illegale Bestandteile enthalten und verweist auf eine Schwachstelle. Viele betroffene Firmen erheben keine Anzeige, da die Behörden wenig gegen den Schwarzmarkt unternehmen.

Sechs von zehn verkauften CDs sind derzeit laut dem Phonobranchen-Verband IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) illegal vervielfältigt. Damit liegt das Land über dem internationalen Durchschnitt. Weltweit ist jede dritte verkaufte Scheibe eine Raubkopie. Nach Angaben des Phonoverbands Amprofon (Asociacion Mexicana de Productores de Fonogramas) brach die Zahl der verkauften Original-CDs in den vergangenen acht Jahren um fast ein Drittel ein. Die Branche reagierte mit Preissenkungen von durchschnittlich 25 Prozent sowie einem massiven Stellenabbau. In den vergangenen drei Jahren strichen Unternehmen im Schnitt fast die Hälfte ihrer Arbeitsplätze.

Vorgezogene Kinopremieren

Raubkopien beeinflussen in Mexiko auch Kinopremieren. Wegen der illegal vervielfältigten DVDs und Videos von "Die Passion Christi" kam der viel diskutierte Film von Mel Gibson eine Woche früher als geplant in die Kinos. Bereits Anfang März und damit knapp vier Wochen vor dem ursprünglichen Filmstart waren Raubkopien zu haben. Händler verkauften sie in der U-Bahn von Mexiko-Stadt für teilweise 15 Pesos, also etwa einen Euro. Die 20th Century Fox México zog daraufhin die Premiere vor.

Experten machen für den lebhaften Handel mit Raubkopien die jahrelang stagnierende Wirtschaft in Mexiko verantwortlich. Händler verdienen sich mit dem Verkauf illegal nachgemachter Produkte ihren Lebensunterhalt. Gegenwärtig beträgt die Arbeitslosenquote in Mexiko 3,9 Prozent. Laut Volkswirten ist diese relativ niedrige Zahl aber vor allem der Schattenwirtschaft zu verdanken, in die viele Arbeitslose abwandern und damit aus der Statistik herausfallen. In Mexiko wird kein Arbeitslosengeld gezahlt. Zudem wird nur derjenige als arbeitslos erfasst, der im vorangegangenen Monat nicht mindestens eine Stunde gearbeitet hat. Die Erfassungsmethoden unterscheiden sich damit deutlich von denen der Industrieländer. Raul Bravo Cabrera, Managing Director by Paramount Pictures Mexiko, sieht noch einen Grund für florierende die Produktpiraterie. Vielen Mexikanern sei es egal, dass sie Raubkopien kaufen. "Das ist ein kulturelles Problem."

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