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Microsoft gibt Kontrolle über Windows-Desktop auf

12.07.2001 | 00:00 Uhr |

Microsoft bewegt sich mit großen Schritten auf eine endgültige Einigung im Kartellstreit zu. Nur zwei Wochen nachdem ein Berufungsgericht entschieden hatte, dass Microsoft sein Monopol beim Windows-Betriebssystem missbraucht hat, änderte Microsoft die Vertragsbedingungen für Computer-Hersteller dramatisch. Künftig können PC-Produzenten massive Änderungen am Erscheinungsbild von Windows vornehmen, Symbole für Microsoft-Programme wie den Internet Explorer entfernen und sogar Software der Microsoft-Konkurrenz präsentieren. Damit gibt der Software-Gigant seine über Jahre hinweg aggressiv verteidigte Kontrolle über die Windows-Oberfläche auf.
"Wir erkennen an, dass unsere bestehenden Windows-Lizenzen von dem Gericht als nicht korrekt angesehen werden", sagte Microsoft-Chef Steve Ballmer. "Deshalb statten wir die Computer-Hersteller mit größerer Flexibilität aus. Wir beginnen gleich damit, damit die Hersteller schon zum Start von Windows XP die Vorteile der neuen Lizenzbedingungen nutzen können." Das neue Microsoft-Betriebssystem soll am 25. Oktober 2001 in den USA und anderen Ländern, darunter auch in Deutschland, auf den Markt kommen.
Der virtuelle Windows-Schreibtisch gilt als das wertvollste "Grundstück" der Computer-Branche, da Millionen von PC-Anwendern die Oberfläche täglich bei der Arbeit oder beim Spielen am Computer vor Augen haben. Der "Desktop" diente dem weltgrößten Software-Anbieter immer wieder auch als Werbefläche für Software-Anwendungen aus dem eigenen Haus: So wurden der Online-Dienst MSN, das E-Mail-Programm Outlook, die Microsoft-Kommunikations-Infrastruktur Exchange oder das Multimedia-Programm Windows Media Player auf dem Schreibtisch beworben. Konkurrenten wie AOL, Netscape, Real Networks und Apple blieben mit ihren Online- und Multimedia-Anwendungen entweder außen vor oder mussten sich den Platz auf dem Windows-Desktop teuer bei Microsoft erkaufen.
Die neuen Lizenzbestimmungen werden an den Machtverhältnissen in der Software- und Online-Industrie zunächst wenig ändern. Die Auseinandersetzung mit Netscape um den Markt der Internet-Browser hat Microsoft - auch durch den Einsatz der vom Gericht festgestellten illegalen Praktiken - längst gewonnen. "Die Konzessionen von Microsoft wären signifikant gewesen, wenn sie vor Jahren gekommen wären", kommentierte Stanford-Professor Timothy Bresnahan, ein bekannter Microsoft-Kritiker, die geänderten Lizenzbestimmungen. "Jetzt spielen sie aber keine Rolle mehr. Der Browser-Krieg ist vorbei."
Profitieren von der Öffnung wird vor allem AOL. Der weltgrößte Online-Dienst kann nach dem Scheitern der direkten Verhandlungen mit Microsoft nun mit den verschiedenen PC-Herstellern sprechen, um so seine Software auf den Windows-Schreibtisch zu bekommen. Allerdings müssen AOL und alle anderen Microsoft-Konkurrenten aufpassen, dass ihre Programm-Symbole nicht schnell wieder vom Windows-Desktop herunterfliegen: Im neuen Windows XP räumt ein virtueller Reinigungsagent regelmäßig den Schreibtisch auf und lässt wie von Geisterhand selten benutzte Symbole vom Desktop verschwinden. dpa

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