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Microsoft ist schuldig

04.04.2000 | 00:00 Uhr |

Im bedeutendsten US-Kartellprozess seit
Jahrzehnten ist am Montag das Unternehmen Microsoft wegen
wettbewerbswidrigen Verhaltens schuldig gesprochen worden.

Richter Thomas Penfield Jackson lastete dem weltgrößten Software-
Produzenten in seinem Urteil an, seine marktbeherrschende Stellung
beim PC- Betriebssystem Windows zur Verdrängung von Konkurrenten
missbraucht und damit gegen Kartellgesetze verstoßen zu haben.

Die US-Regierung, die zusammen mit 19 einzelnen Bundesstaaten
Klage gegen Microsoft eingereicht hatte, begrüßte das Urteil als Sieg
für die Verbraucher. Microsoft-Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender
Bill Gates kündigte Berufung an und zeigte sich optimistisch, dass
das Unternehmen am Ende siegen werde.

Richter Jackson muss nach seinem Urteil nun in den kommenden
Monaten über Strafmaßnahmen gegen das Unternehmen entscheiden. Dazu
wird es eine Serie von gerichtlichen Anhörungen geben. Der auf das
Kartellrecht spezialisierte stellvertretende Justizminister Joel
Klein sagte, die Regierung überlege noch, welche Schritte gegen
Microsoft sie anstreben werde. Schlimmstenfalls könnte dem
Unternehmen die Zerschlagung drohen.

Microsoft kann erst nach der Entscheidung über die Strafmaßnahmen
Berufung einlegen. Kommt es wie von Gates angekündigt dazu, könnte
das Schicksal des Unternehmens noch Jahre offen bleiben.

Bereits im Vorfeld der mit Spannung erwarteten Urteilsverkündung
in Washington waren die Microsoft-Aktien an der New Yorker Börse am
Montag zunächst um gut 15 Dollar gefallen, um dann wieder zwei Dollar
aufzuholen. Der Technologie-Index Nasdaq erlitt einen seiner bisher
steilsten Stürze: Er fiel um 349 Punkte oder 7,6 Prozent.

Jackson gab den Klägern in seinem zum Teil scharf formulierten
Urteil in fast allen Punkten Recht. Hauptsächlich warf er Microsoft
vor, seinen Browser Internet Explorer widerrechtlich mit dem
Betriebssystem Windows gekoppelt zu haben. Damit sei Konkurrenz-
Produkten wie Netscapes Navigator das Wasser abgegraben worden.
Größere Computer-Hersteller seien durch Vertragsrestriktionen und
Drohungen unter Druck gesetzt worden, das Windows-system zu laden.
Das wettbewerbswidrige Verhalten habe die Innovation gehemmt und dem
Verbraucher geschadet.

Der Richter nannte Netscape als Hauptleidtragenden unter den
«unterdrückten» Unternehmen. Er sprach aber auch von einem «Heer an
Taktiken», mit dem Microsoft die Programmier-Sprache Java bekämpft
habe.

Verhandlungen über einen außergerichtlichen Vergleich zwischen
Microsoft und den Klägern waren am vergangenen Wochenende ergebnislos
abgebrochen worden. Gates sagte am Montagabend auf einer
Pressekonferenz in Redmond (Bundesstaat Washington), Microsoft habe
alles getan, um das Kartellverfahren mit einem Vergleich beizulegen.
Es werde auch weiterhin nach «neuen Möglichkeiten» suchen, den Streit
außergerichtlich zu lösen, glaube aber zugleich an einen Erfolg im
Berufungsverfahren.

Gates bestritt weiter, dass der Software-Riese die Innovation
behindert habe. Im Gegenteil habe Microsoft zur Schaffung einer High-
Tech-Industrie beigetragen, die mit einer «Welle von Wettbewerb» die
Entwicklung neuer starker Produkte zu günstigeren Preisen ermöglicht
habe. Innovation werde auch weiterhin die «erste Priorität» von
Microsoft bleiben.

Justizministerin Janet Reno erklärte, Microsoft sei für sein
rechtswidriges Verhalten zur Verantwortung gezogen worden. Ihr
Stellvertreter Klein fügte hinzu, mit der richterlichen Entscheidung
sei die Tür für Innovation und größere Produktauswahl für die
Verbraucher wieder offen.
dpa

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