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Microsoft vs. Bundestag

07.02.2002 | 15:34 Uhr |

Der Streit um die IT-Ausstattung des Deutschen Bundestages dauert an. Jörg Tauss, treibende Kraft hinter der Initiative "Bundestux" und bekennender Mac-Fan, hätte sich auch Mac-OS als Alternative vorstellen können.

München/Macwelt - Die Petition einiger Abgeordneter, künftig Linux auf rund 5000 Bürorechner in der Verwaltung des Bundestages einzusetzen, führte in den letzten Tagen zu einer offenen Debatte zwischen Kurt Sibold, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland und Jörg Tauss, dem Vorsitzenden des Unterausschusses Neue Medien. (Unsere Schwesterpublikationen Networkworld und Computerwoche berichteten bereits ausführlich). Nachdem :neben Tauss 32 weitere Akteure aus Politik, Wirtschaft und Opensource-Projekten sich "gut vorstellen können", freie Software im Bundestag einzuführen und damit die veralteten Windows-NT-4-Landschaft durch Linux abzulösen, sah Sibold die Produkte und Dienstleistungen seines Hauses durch diese :Kampagne diskriminiert. In :seinem offenen Brief richtet er sich an Abgeordnete und Erstunterzeichner und berichtet über die Gefühle seiner Mitarbeiter und Partnerfirmen. Er schloss aus der Formulierung der Petition, dass ein Staat, der nicht Linux einsetze, undemokratisch oder zumindest nicht pflichtbewusst sei. Eine solche Einengung des Demokratieverständnisses sei ihm aber weder von seinen Kunden noch von seinen Softwareentwicklern und Partnern bekannt.
Tauss reagierte am Dienstag darauf, in dem er sich ebenfalls offen an Bundestagspräsident Thierse und die übrigen Mitglieder des Deutschen Bundestages :wendete . In dem öffentlichen Schreiben distanziert er sich von den unterstellten Anschuldigungen, das Microsoft-Angebot zu diskriminieren und dessen Mitarbeiter zu verunglimpfen. Ihm zufolge hat die Entscheidung für oder gegen ein Softwareprodukt nichts mit demokratietheoretischen Erwägungen zu tun. Dagegen nennt er fünf sachbezogene Kriterien, die man heranziehen müsse, um bestehende Alternativen zu bewerten:Eine hinreichende Verfügbarkeitausreichende AnwenderorientierungFunktionalitätumfassende IT-SicherheitKosten

Tauss sieht durch eine Entscheidung gegen Microsoft in erster Linie einen wettbewerbspolitischen Schritt, bei dem aktiv gegen die Monopolstellung des Unternehmens vorangegangen werden könne. Nachdem die von ihm angeführten Kriterien aber genauso gut auf das neue Mac-OS X angewandt werde können, hat Macwelt den Karlsruher Politiker nach seiner Meinung zu einer Alternative aus dem Hause Apple gefragt: "Ich bin bekennender Mac-Fan und nutze die Plattform schon seit dem Mac II." Beruflich habe er bereits mehrfach Auseinandersetzungen zwischen dem Mac-OS und Windows erleben können. Nur sei das Mac-OS bereits aufgrund verschiedener Gutachten, die die IuK-Kommission (information und Kommunikation) des Bundestages in Auftrag gegeben hatte, bei der jetzt ausstehenden Entscheidung "nicht mehr in der Diskussion". Obwohl er sich dafür ausgesprochen habe "sich von Microsoft zu verabschieden", wiesen die Zeichen derzeit auf "Zwischenkompromisse". Wie solch ein gemischtes Netzwerk aussehen könne, wollte er sich nicht näher festlegen. Sonst müsse er bestimmte Entscheidungen vorwegnehmen und das würde die ohnehin angespannte Situation nicht lockern.
Wer sich aber an die Keynote von Steve Jobs am 7. Januar genau erinnert, weiss, dass auch das Mac-OS einen Platz in den Behörden internationaler Spitzenpolitiker haben kann.
Christian Rüb

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