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Mit Lichtgeschwindigkeit durchs neue Internet

28.02.2001 | 00:00 Uhr |

Im Zeitalter der digitalen
Kommunikation flitzen Informationen immer schneller von Ort zu Ort.
Ein Liebesbrief, der vor zehn Jahren per Post noch zwei Tage
unterwegs war, erreicht den Empfänger heute als E-Mail in wenigen
Sekunden. Mit modernen Glasfasernetzen ist der Traum vom «Evernet»,
mit dem jeder sofort und - per Handy - überall erreichbar ist, in
greifbare Nähe gerückt. Es gibt allerdings noch einen Haken: An den
Schaltstellen der optischen Netze kommt der Datenfluss ins Stocken.
Fieberhaft entwickeln daher weltweit Unternehmen «Lichtschalter», die
die Geschwindigkeit konstant halten sollen.

«Sie fahren von Berlin nach Hannover und weiter nach Dortmund auf
der Autobahn», schildert John O'Rourke, beim kalifornischen Hightech-
Unternehmen Agilent zuständig für optische Netzwerke, das Problem.
«Stellen Sie sich vor, in Hannover sind die Autobahnen nicht direkt
verbunden. Stattdessen müssen Sie Ihr Auto von der Ausfahrt bis zur
nächsten Einfahrt mühsam durch den dichten Stadtverkehr schleusen.»
Die gleiche Situation entsteht an den Knotenpunkten der Datennetze:
Die schnellen Lichtsignale, aus denen sich der Liebesbrief im
Glasfasernetz zusammensetzt, müssen dort erst wieder in elektronische
Signale verwandelt werden und umgekehrt; die Daten kommen - relativ
gesehen - nur im Schneckentempo voran.

Agilent - eine Abspaltung von Hewlett-Packard mit rund 3300
Mitarbeitern allein in Deutschland - ist daher besonders stolz auf
einen rein optischen Schalter, der die Lichtsignale ohne Verzögerung
weiterleitet. Der französische Telekomkonzern Alcatel will das
Bauelement - doppelt so groß wie ein Fünf-Pfennig-Stück - nach
eigenen Angaben ab Ende des Jahres in optischen Netzen für die
Datenübertragung einsetzen. Eine Kapazität von 40 Gigabit pro Sekunde
und darüber wird damit zumindest theoretisch möglich - eine Million
Mal mehr als bei einem herkömmlichen Modem für den PC zu Hause.
Schneller und einfacher heißt auch billiger: Rund 40 Prozent der
Kosten können Netzbetreiber auf diese Weise sparen, schätzt Alcatel.

Nicht nur Agilent sieht sich im Wettrennen um die ersten
Lichtschalter als Sieger. Die Technologie ist hochkomplex und kommt
in unterschiedlichen Varianten auf den Markt. Auch andere Unternehmen
beschwören daher vor allem in den USA «Meilensteine» und
«Quantensprünge» ins Evernet und buhlen um die Gunst der
Telekomfirmen - und der Börse. Die Corvis Corporation mit Sitz im
Bundesstaat Maryland hatte bei ihrem Börsengang im Juli 2000
praktisch keine Umsätze vorzuweisen und war allein durch die
Ankündigung eines rein optischen Schalters auf einmal mehr wert als
der Autoriese General Motors. In den folgenden Monaten entwickelte
sich der Kurs allerdings steil nach unten.

Agilent verdankt seine Erfindung einem Geistesblitz. Durch Zufall
kam die Forscherin Julie Fouquet vor fünf Jahren auf eine an sich
simple Idee, die im damaligen Labor von Hewlett-Packard sofort jedem
einleuchtete: Sie setzte die kleinen Bläschen, mit denen ein
Tintenstrahldrucker die Flüssigkeit auf das Papier spritzt, in ihrem
Schalter ein, um damit das Licht in eine bestimmte Richtung
abzulenken. Schon hatte das spätere Produkt einen Spitznamen:
Champagner. In einem Fernsehspot zeigt Agilent die Bläschen
anschaulich als Seifenblasen. Fasziniert verfolgen Passanten die
schwebenden «Bubbels». «Wie das funktioniert?», fragt ein Sprecher
den Zuschauer. «Fragen Sie nicht, genießen Sie einfach.»
dpa

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