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Müller vs. Meiners: Die Narren sind los

14.11.2005 | 10:00 Uhr |

Der Karneval beginnt - Müller und Meiners wissen nicht, wohin man am besten flieht.

Müller: Meiners, sagen Sie mal, verstehen Sie die Rheinländer? Also, mehr als nur akustisch, an den Dialekt gewöhnt man sich ja mit der Zeit, aber kann man Düsseldorfer und Kölner Narreteien wirklich begreifen? Während wir hier uns im herbstlichen Nebel allmählich auf einen staaden Advent und eine besinnliche Jahresendfeier einrichten, gingen am Freitag pünktlich um 11:11 Uhr im Rhein die Jecken auf die Straßen. Fehlt nur noch, dass sie schon im November ihren Rosenmontagszug zelebrieren. Und wissen Sie, Meiners, was das Schlimmste an allem ist? D’r Zoch kütt – nach 35 Jahren auch wieder nach München , wenn es nach dem Faschingsverein „Damische Ritter“ geht. Meiners, ich muss Mitte Februar unbedingt die Stadt verlassen, ich halte das nicht aus!

Meiners: Das sind Sie in guter Gesellschaft, Müller, ich habe Mitte Februar die Stadt schon längst verlassen und mein kuscheliges Wohnklo mit dem Zwischengeschoss des U-Bahnhofs Kottbusser Tor Berlin getauscht. Die Wohnungssuche in Kreuzberg gestaltet sich ja viel schwieriger, als ich gedacht hatte - was mich beruhigt, ist, dass mein Schlafsack einen Komfortbereich bis minus acht Grad Celsius hat. Den kann man sich dann auch über die Ohren ziehen, wenn in der Hauptstadt aller Deutschen, also auch der der zwangsemigrierten Rheinländer, am 26. Februar das gefürchtete dreifache Berliner „Hei-jo!“ erschallt. Jahrzehnte lang ist die Stadt im Winter ohne Tschigderassabumm ausgekommen, Love Parade, Karneval der Kulturen und der Christopher Street Day im Sommer genügten, um den Verkehr in der City lahm zu legen. Aber gestern, am Freitag, haben Eckart I. und Inge I. mit dem Sturm auf das Rote Rathaus und die verwaiste Stadtkasse auch an der Spree die Faschingssaison eingeleitet. Was soll ich sagen? Die Ex-Bonner finden’s großartig, und den Frohsinn in seinem Lauf halten weder Ochs’ noch Esel auf. Ist Ihnen etwas Erfreuliches seit Montag über den Weg gelaufen?

Müller: Ja, Meiners, natürlich, das Online-Buchungssystem einer deutschen Fluglinie, die nach Eigenauskunft Fliegen liebt. Habe ich mir gleich für die Zeit der Narreteien einen Trip auf die Kanaren gebucht. Für mich fängt der Frühling nächstes Jahr früher an. Während Sie in Berlin noch unter dem russischen Winter leiden, in München der Winter im Fasching ausgekehrt wird und in Köln und Düsseldorf das öffentliche Leben zusammenbricht, lasse ich mir den warmen Passatwind um die Nase wehen. Die dreieinhalb Monate bis dahin überstehe ich auch noch. Zumal sich ja Erfreuliches abzeichnet: Apple bringt unter Umständen schon im Frühjahr, wenn nicht gar im ganz frühen Frühjahr, also zur Macworld Expo, seine ersten Intelrechner . So ein superflaches Powerbook mit extrem langer Batterielaufzeit würde ich schon gerne auf dem Flug zu den Kanaren dabeihaben. Nur müsste man auf der Insel dann wohl aufpassen, dass es sich nicht wie ein Blatt Papier im Wind davonmacht. Ob das schon der Gegenwind ist, den Apple in 2006 angeblich spüren soll ?

Meiners: Das ist doch wieder bloß ein neurotisch-nervöser Investmentbroker, der das Gras wachsen hört und nur die iPod-Welle im Auge hat. Viel interessanter ist der Trend, dass immer mehr Windows-Benutzer zum Mac wechseln – und darunter eben auch viele professionelle Anwender sind. Wenn dann erst die gesamte Mac-Palette mit Intel-Chips versehen ist und die Systemadministratoren der Welt verstanden haben, dass die Intel-Macs bei Bedarf auch Windows starten können, dann steht die nächste Welle an. Meine Empfehlung also an alle Spekulanten: Kaufbefehl, sobald AAPL unter 50 Dollar rutscht. Oder wenn ein neuer, aggressiver Wurm die Windows-Welt erschüttert. Aber sagen Sie – warum müssen Sie denn wieder mit einem Airbus in die Ferne schweifen? Wagen Sie sich doch in das plattdeutsche Ausland und fahren Sie einfach Bus.

Müller: Meiners, sind Sie etwa auch ein Landungsklatscher? Na, das möchte ich einmal erleben, dass uns nach getaner Arbeit applaudiert wird. Schließlich tragen wir eine ähnliche Verantwortung wie Flugkapitäne, nehmen in unserer Kolumne die Leser in luftige Höhen mit, weichen keiner Turbulenz aus und setzen in der Regel nach einer Flugzeit von fünf Minuten sanft auf dem Boden der Tatsachen auf. Und was kommt vom Passagier? Nicht einmal ein müdes Stirnrunzeln. Aber egal, wir müssen ja nicht ständig im Scheinwerferlicht stehen. Steve Jobs scheut offenbar auch immer mehr die Öffentlichkeit. Plante man in den letzten Jahren immer im Herbst fieberhaft die Pilgerfahrt nach San Francisco oder die kommenden Wallfahrten nach New York und Paris, ist das für 2006 nicht mehr der Fall. Eine fade Macworld Expo steht uns bevor, so kurz vor dem ersten Intel-Mac, den Jobs da noch nicht zeigen wird. Stattdessen kommen die Knaller auf Veranstaltungen, zu denen nur ausgewählte Pressevertreter geladen sind. Und allzu oft fehlt dabei mit Steve Jobs der Show-Effekt. Trügt mich mein Gefühl, oder will Apple vom kultigen Nischenanbieter, vom Evangelisten einer Ersatzreligion jetzt zum relativ normalen Hersteller von hochwertigen Produkten werden. Verliert Apple seinen Coolness-Faktor? Wenn jeder einen iPod und dazu einen Mac hat, werden sich die Trendsetter nach einer neuen Kultmarke umsehen, meinen die Marktforscher der britischen Diffusion Group . Aber das kann ich schon verstehen. Ich möchte ja auch keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.

Meiners: Ich möchte auch keinem Club angehören, der SIE als Mitglied aufnimmt, Müller. Also nicht dem Gröbenzeller Trachtenverein von 1352 e.V., nicht der Bürgerinitiative mündiger Weißbierkonsumenten Fürstenfeldbruck und schon gar nicht der Interessensgemeinschaft Heavy Metal Altbayern. Und das mit der Ersatzreligion, Kollege, das ist doch Schnee von gestern. Bis auf die Katholische Kirche stellen sich alle Echt- und Ersatzreligionen auf die Anforderungen des 21. Jahrhunderts ein, sogar Cupertino hat nichts mehr gegen den Einsatz von Kondomen und packt dem iPod Nano ein Verhüterli bei, damit die empfindlichsten Stellen vor Schmutz und Kratzern geschützt sind. Und das, was Sie in Ihren Jugendjahren noch als Wallfahrt und Hochamt kennen, das ist – seine wir doch realistisch – einfach nur noch eine Dienstreise mit Pressekonferenz und anschließender Abrechnung von Spesen via Intranet. Trotzdem: Apples Hausmesse im Januar verspricht, spannend zu werden. Ich bin mir sicher, dass Steve höchst persönlich das erste Intel-Produkt mit einem Apfel-Logo vorstellen wird. Hab’ ich Ihnen eigentlich schon erzählt, dass bei mir eine Apfel-Haselnuss-Kreuzallergie diagnostiziert wurde? Ist das bei meinem Berufsbild eigentlich ein Fall für die Berufsgenossenschaft...?

Müller: Keine Sorge, Meiners. In seiner grenzenlosen Fürsorge hat der Computerhersteller und Musikanbieter mit dem Apfel darauf verzichtet, den Top-Titel „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ in sein Angebot aufzunehmen. Selbst wenn Sie sich mal schwer verklicken sollten, bleibt Ihnen der gleichzeitige Genuss von Äpfeln und Haselnüssen erspart. Aber hier sehen wir wieder einmal, dass Apple noch lange nicht fertig ist mit seinem Online-Laden. Deutschlands erfolgreichster Künstler ist zwar umfangreich vertreten, aber eben nicht sein wichtigster Hit. Kate Bush’s neuestes Werk „ Aerial “ fehlt auch noch, musste ich eben anderweitig bestellen. Und mit John Lennon und den anderen Beatles sieht’s ganz finster aus. Rechtzeitig vor dem 25. Todestag des Pilzkopfs geht sein Gesamtwerk nun online . Bei Yahoo, Napster, MSN und Real, aber eben nicht im iTMS. Apple Corps. ist wohl immer noch nachtragend. Wenn das Apple öfter passiert, einen Künstler exklusiv nicht zu haben oder wie im Fall von „ Intensive Care “ ein wenig hinterherzuhinken, muss sich Cupertino in der Tat auf Gegenwind einstellen. Meiners, das sind echte Befürchtungen und keine Narreteien von neurotisch-nervösen Investmentbrokern. Wir brauchen am 10. Januar von Steve Jobs wieder ein klares Evangelium und keine Büttenrede, sonst heißt es: „Cupertino Allaaf, d’r Chip kütt! Wolle mer’n Intel rei lohsse?“

Meiners: Geht nicht, Müller – im iTunes Music Store ist kein Narhallamarsch zu finden. So können wir den Einzug neuer Prozessoren nicht gebührend zelebrieren. Die ganze Roadmap ist bloß noch Makulatur. Ich ruf’ mal im Infinity Loop an...

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