941336

Müller vs. Meiners: Verloren in Berlin

02.09.2005 | 14:51 Uhr |

Die internationale Funkausstellung wird zum Pflichttermin - auch für Macianer.

Müller: Meiners, was war das für ein tolles letztes Wochenende! Endlich Sonne in der Stadt und an ihren Rändern, ich habe nach Wochen des vergeblichen Wartens auf Trockenheit endlich meinen Balkon gestrichen. Ein wunderbar meditativer Job, nicht zu vergleichen mit der Hektik, die hier mit Ihnen im Büro herrscht. Und dann, kurz nach dem letzten Strich macht der Scholl ein Kopfballtor und schließt der Makaay ein Wahnsinnssolo ab, der Live-Kommentator des bayerischen Rundfunks hat sich beinahe überschlagen und mich von der Leiter gefegt. 3:0 gegen die Hertha! Meiners, wir werden zum 20sten Mal Meister! Außerdem gewinnen wir die Championsleague! Und ins Pokalfinale kommen wir sowieso. ((skandiert)) Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Meiners: Ein Super-Wochenende, Müller, fürwahr. Erst eine heterosexuelle Familienhochzeit zwischen Nord- und Ostsee, dann die Packung für Hertha – und die Rückfahrt im ICE. Sie wissen, ich fahre gerne 1. Klasse, gerade an Sonntagen, um Abstand zur modernen Variante der Völkerwanderung zu gewinnen. Soll unsere tüchtige Landesverteidigung doch bitte unter sich bleiben, ich nutze die Stunden auf den Gleisen unserer Republik gerne zum Arbeiten. Doch was muss ich erleben am Bahnhof Hamburg-Harburg? Ein Dutzend original bayerischer Musiker, inklusive Blasinstrumente, Krachlederner und Puschelholzschuhen – sowie zwei Partyfässchen Warsteiner. In unserer unermesslichen Arroganz dachten mein Powerbook und ich, wie schön es sein kann, einen Erste-Klasse-Fahrschein zu besitzen. Blöd nur, dass das Chaosorchester sich das auch gedacht hat. Und die hatten Platzreservierungen. Mein Powerbook und ich hatten keine.

Müller: Das kann ja gar nicht war stein, das können keine Bayern gewesen sein. Selbst im feindlichen Ausland greift der Bürger des Freistaates nicht zu so einer Plörre, von der man nur Schädelweh bekommt. Aber sagen Sie mal, warum haben Sie schon wieder einen Riesenkoffer bei sich, wollen Sie etwa erneut verreisen?

Meiners: Was heißt denn hier „verreisen“? Bärtiger, ich LEBE aus, mit und in diesem Riesenkoffer, den ich hin und wieder bloß in meinem großzügigen Wohnklo zwischenparke. Mein eigentliches Zuhause ist in der Tat dieser Überseekoffer. Schauen Sie, wenn ich aus mir die Luft rauslasse und das Nasenbein unter das Schienbein lege, dann passe ich da komplett samt meinem Hausstand hinein. Gut, der Toaster und die Mikrowelle, die bleiben im Wohnklo, aber schauen Sie hier: Ich habe mir eine CAT5-Steckdose eingebaut, damit ich hier auch online gehen kann. Im Koffergriff integriert ist ein DVB-T-Empfänger, warmes Wasser mache ich mir, indem ich eine Wärmeleitspule über den Kühlkörper des G4-Prozessors meines Zwölfzöllers führe und Strom gewinne ich aus einem Natural-Power-Dual-Aggregat. An der Südseite habe ich ein Solarpanel installiert und im Kofferboden eine Biogas-Anlage. Für optimale Energieerzeugung im Winter muss ich allerdings wegen der fehlenden Sonne auf kräftige Kohlsuppe und Erasco-Erbseneintopf zurückgreifen. Mir macht in Sachen „Mobiles Leben“ keiner mehr etwas vor. Und jetzt rollen mein Haushalt und ich nach Berlin - die Internationale Funkausstellung ruft. Vielleicht finde ich dort ja ein aufblasbares Fernsehstudio, um aus dem Koffer heraus eine Reality-Show als Video-Podcast zu produzieren.

0 Kommentare zu diesem Artikel
941336