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Kontrovers: Warten vor dem Apple Store

02.11.2012 | 07:52 Uhr |

Trotz nasskalter Witterung harrt Müller geduldig vor dem Apple Store aus, um endlich das iPad Mini zu erhalten. Woods kann darüber nur den Kopf schütteln - und denkt über eine Investition in Klebstoff-Aktien nach.

Peter Müller
Vergrößern Peter Müller

Müller: Woods, ich hab's Ihnen gesagt, hab' ich's nicht immer gesagt?! Das iPad Mini kommt! Was Sie für ein Phantom oder zumindest eine schlechte Phantasie gehalten haben, ist seit heute Realität! Und ich steht hier vor dem Apple Store in der Rosenstraße mit hunderten, ach was, tausenden anderen Phantasie begabten Apple-Kunden und friere seit dem Nachmittag von Allerheiligen im Regen. Aber das Warten hat sich gelohnt! Soll ich Ihnen auch gleich ein iPad Mini mitbringen oder darf's gleich ein bisschen mehr sein?

Patrick Woods, skeptisch
Vergrößern Patrick Woods, skeptisch

Woods: Fühlen Sie sich dort nicht alleine? Beim iPad Mini muss ich leider passen, Müller. Ich brauche kein Übergangsipad, falls das iPhone mal zu klein oder das iPad zu groß sein sollte. Hübsch ist es ja schon, bin gespannt, ob Apple die Kunden im Weihnachtsrausch überzeugen kann, nicht bei der günstigeren Konkurrenz zu kaufen. Ich sehe mich aktuell eher nach ernsthafteren Geräten um. Und da frage ich mich, ob Apple daran noch Interesse hat. Ich mag den neuen iMac und ich mag auch das kleine Retina-Macbook. Aber gleichzeitig frage ich mich, ob das nicht mittlerweile auch einfach größere iPads sind. Teile austauschen, reparieren, erweitern: alles nicht mehr vorgesehen, sondern unter Kleber verborgen!

Müller: Jetzt machen Sie doch nicht diese großartigen Produkte madig! Wann haben Sie zuletzt in Ihrem Mac herumgeschraubt und mehr RAM eingebaut oder etwa eine Festplatte austauschen müssen ? iPhone, iPad, Macbook und iMac sind perfekt bei Auslieferung und auf dem letzten Stand der Technik. Und in je nach Geräteklasse zwei, drei oder sechs Jahren ist Ihre Maschine derart überaltert, dass selbst Aufrüstungen nicht mehr helfen würden. Also muss ein neues Gerät her, das Sie dank der bei Apple immer noch hohen Werterhaltung mit dem Verkauf Ihres Altgeräts teilfinanzieren können. Vor allem die ersten Geräte ihrer Art werden zum Kult, was meinen Sie, warum ich hier seit 18 Stunden vor dem Apple Store friere? Ich wünschte, ich bekäme ein von Tim Cook persönlich signiertes Exemplar des iPad Mini!

Woods: Ja, ich mag moderne Veränderungen meistens auch. Gerade bei mobilen Macs kann ich gerne auf ein altmodisches DVD-Laufwerk oder antiquierte Anschlüsse verzichten. Aber manchmal geht Apple einfach zu weit. Für jeden Millimeter Ersparnis beim Gehäuse geht Apple große Kompromisse ein. Eingeklebte Akkus, Arbeitsspeicher direkt auf der Hauptplatine und Monitor-Panele, die direkt auf das Alu oder Glas geklebt sind. Hauptsache schlank, bei einem Defekt aber richtig teuer. Außerhalb der Garantie kostet ein defektes Displaypanel für das Macbook Retina (15") beispielsweise über 1000 Euro! Das macht die teuren Macs ein wenig zu Wegwerfgeräten – nach wenigen Jahren. Arbeitsspeicher aufrüsten ist immer schon die beste Möglichkeit, den Mac länger laufen zu lassen und mit neuen OS-X-Versionen kompatibel zu halten – und kennen Sie einen Anbieter, bei dem Speicher teurer ist als bei Apple, Müller?

Müller: Hmm, vielleicht die Hamburger Speicherstadt ? Aber die misst ihre Kapazitäten nicht in Gigabyte. Ja, Komponenten für Apple-Computer sind teuer, aber es gilt nun einmal das elfte Designgebot: Du sollst nicht herumschrauben! Und wenn Ihr alter klappriger iMac mit Core-Duo-Chip keinen Mountain Lion mehr verträgt, dann brauchen Sie eben einen neuen Rechner. Außerdem müssen Sie sich nicht dumm und dämlich zahlen, wenn etwas kaputt ist. Entweder tauscht Apple das auf Kulanz aus, oder das Gerät ist noch in der Garantiezeit oder die EU-Gewährleistung springt ein oder am Ende sogar Apple Care. Ein bisschen blöd finde ich nur, dass der Austausch von defekten Komponenten so lange dauern kann, ich warte hier nicht nur seit 18 Stunden auf mein iPad Mini, sondern seit fünf Tagen auch auf die Rücksendung meines 27-Zoll-iMac, der eine der ausfallträchtigen Seagate-Platten eingebaut hat. Ich finde, Apple sollte auch beim Mac den Geräteaustuasch wie bei iPhone und iPad einführen: Ist die Maschine hin, wird sie durch eine neue asugetauscht und die Benutzerdaten einfach aus der iCloud zurück geklont. Oder gehören Sie auch zu den Zeitgenossen, die Ihren Mac mit seltsamen Aufklebern individualisieren beziehungsweise verschandeln ?

Woods: Sie mussten einen Riesen-Computer einschicken, nur weil die Festplatte defekt ist und finden unzugängliche Computer ok, Kollege Müller? Wegwerfen, umtauschen, einschicken – damit kann ich mich nur schwer anfreunden. Nicht, dass ich dem Design der grauen, hässlichen Kisten der Neunziger hinterhertrauere, aber selbst meinen Mac Mini kann man aufrüsten und defekte Festplatten selbst austauschen. Deshalb hadere ich mit dem neuen iMac. Tolles Design, sicherlich auch ein toller Bildschirm – aber wehe, es geht etwas kaputt oder ist an seiner Grenze, dann muss der ganze Rechner weg. Besonders bei Produktiv-Computern im Büro ein echtes K.O.-Kriterium. Arbeiten Sie jetzt mit dem iPad, während Sie auf den iMac warten?

Müller: Nein Woods, natürlich mit dem Macbook Air und einem externen Monitor, das geht fast genau so gut wie mit dem iMac. In Zukunft werden wir ohnehin wieder keine Computer mehr besitzen, sondern sie mieten, warten sie nur mal ab. Wenn iCloud endlich klaglos läuft und VDSL sogar den letzten Winkel im Erzgebirge erreicht hat, arbeiten wir nur noch in der Cloud. Apple verkauft dann Zweijahresverträge für seine Services und gibt die Zugangsgeräte für lau oder nur einen geringen Betrag her - das eigentliche Geschäft wird dann mit Inhalten bestritten. Was meinen Sie, warum Amazon und Google ihre kleinen Tablets für einen solch günstigen Preis hergeben können? Aber noch wollen wir die Geräte auch besitzen, weshalb ich gerade bei der Bank 529 Euro geholt habe. Denn noch hätte ich gerne die Daten alle bei mir, weshalb 64 GB sein müssen. Allein der aktuelle Jahrgang Macwelt, iPadWelt und iPhoneWelt verlangt nach jeder Menge Speicher.

Woods: Herr Müller, bisher macht Apple es genau anders herum: teure Hardware soll durch das "Ökosystem" attraktiver werden. Bis ein iPhone mit Inhalten so viel Gewinn macht wie heute die Hardware, werden Sie noch oft vor dem Apple Store frieren müssen! Leasing wäre ja eher ein Fall für Unternehmen und genau da macht Apple sich mit schwieriger Wartung eher keine Freunde. Ich bin gespannt, wie der nächste Mac Pro ausfällt. Wenn das auch eine minimalistische Kiste ohne Slots und Anschlüsse wird, dann wäre Apples Signal in Richtung Profis ja unmissverständlich: "Wir interessieren uns nicht für Euch!"

Müller: Ja, genau, das denkt Apple. Und fährt ausgezeichnet damit. Wie viele iPads hat Apple im Septemberquartal verkauft? Genau - 14 Millionen Stück. iPhones 26 Millionen. iMacs, Mac Mini und Macbooks 4,9 Millionen. Mac Pro höchstens eine handvoll. Und in Zeiten, in denen Apple jedes Jahr einen neuen G4, G5 oder Mac Pro herausgebracht haben, hatten sie pro Jahr insgesamt keine fünf Millionen Macs verkauft. Aber ich bin sicher, der für 2013 angekündigte Mac Pro wird ein Knaller! Da stehen sich bestimmt hunderte, wenn nicht gar tausende Profis am Erstverkaufstag die Beine vor dem Apple Store in den Bauch. Selbst wenn es so schüttet wie heute. Woods, ich muss aufhören, die Himmelspforten, nein, die Türen des Apple Store öffnen sich. Nur noch Minuten, dann halte ich endlich das iPad Mini in den Häääää......

Woods: Müller? Wurden sie von einer Woge der Begeisterung übermannt? Oder von einer Horde von Begeisterten überrannt? Ja, die loyalen Profis, die schon vor 20 Jahren einen Mac für 10.000 DM gekauft haben, stehen nicht vor Geschäften Schlange, sind aber immer noch Rückgrat der Apple-Kunden. Lifestyle-Chic ist schnell aus der Mode. Eine IT-Infrastruktur macht dagegen langfristig Umsätze – auch wenn die Ausschläge nicht so hoch sind. Wir werden diese Diskussion sicherlich noch einmal führen, Müller. Müller?

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